Keine Angst vorm Streiten!

Sie wollen gerne eine harmonische Bilderbuchfamilie sein? Überlegen Sie: Ein Bilderbuch ist für kleine Kinder gemacht, vereinfacht, zweidimensional, gemalt und nicht lebendig. Was Sie wirklich wollen, ist ein Zuhause für unterschiedliche Persönlichkeiten, wo Wachstum möglich ist, wo gemeinsam gelacht wird und auch die Fetzen fliegen können. Glückliche Familien streiten! Was sie anderen voraus haben, sind gute, geübte Konfliktlösungs-Wege.

Wenn Kinder erwachsen werden, ändert sich vieles – auch die Konflikte in der Familie. Was die Eltern vorgeben, wird nicht mehr hingenommen. Sondern hinterfragt, diskutiert, angefeindet und boykottiert. Zum Prozess der Ablösung gehören heftige Konflikte dazu. Ihr Kind will jetzt Reibung. Das heißt, es möchte nicht nur seinen eigenen Standpunkt finden, sondern diesen auch gut vertreten. Streitgespräche mit Ihnen sind dafür gute Übungsmöglichkeiten.

Eine heiße Phase gibt es nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch in der Seele des Jugendlichen. Durch die starken Veränderungen fühlen sich viele mit sich selbst nicht im Reinen. Wenn die Hormone das Zepter ergreifen, sind Buben und Mädchen schnell verunsichert und orientierungsslos. Sie kämpfen um ihre Identität und Lebenseinstellung – auch das ist ein ständiger Konflikt.

Wer so mit sich selbst beschäftigt ist, kann sich kaum in andere einfühlen. Daran sollten Sie denken, wenn Ihr Kind rücksichtslos wirkt. Zeitweise kann es nicht anders. Was ihm an Einfühlungsvermögen fehlt, können nur Sie als reife Erwachsene ausgleichen. In der Praxis heißt das: Benennen Sie Ihre Bedürfnisse und Gefühle, und helfen Sie – durch Nachfragen – dem Jugendlichen, seine zu erkennen.

„Du bist so gemein!“ bekommt Emmas Vater zu hören, als er verlangt, dass die 15jährige um 22 Uhr vom Freund heim kommt. Statt sich zu verteidigen („Ich bin nicht gemein, weil …“), reagiert er einfühlsam: „Kannst du sagen, warum es dir so wichtig ist, heute länger zu bleiben?“ So lernt Emma, ihr Anliegen zu formulieren. Oft lässt sich dann leichter ein Kompromiss verhandeln. Und wenn die Ausgehzeit fix bleibt, hinterlässt ein ehrliches Gespräch doch ein besseres Gefühl bei allen.

Sie möchten Ihr Kind in seiner Persönlichkeit ernst nehmen und partnerschaftlich mit ihm umgehen. Das ist eine lobenswerte Haltung. Die Verantwortung können Sie aber noch nicht halbe-halbe teilen. Bis Ihr Kind wirklich erwachsen ist (also mit ca. 20 Jahren), sind Sie dafür zuständig, ob sich unter Ihrem Dach ständige Machtkämpfe abspielen, oder ob auch nach einem heftigen Streit die gute Beziehung wieder spürbar ist.

Patentrezept gibt es dabei keines. Aber Hilfestellungen, die sich in anderen Familien bewährt haben. Etwa das Zauberwort „Distanz“. Ziehen Sie sich aus nicht lösbaren Konflikten zurück. Lassen Sie sich nicht verstricken in tausend alltägliche Streitereien. Die Zwillingsmutter Miriam hat gelernt: Wenn ihre 11jährigen maulend herumsitzen, ist es das Beste, wenn sie sagt: „Es tut mir leid, dass ihr schlechte Laune habt. Es ist aber nicht mein Problem. Mir geht es gerade gut – schade, dass das nicht ansteckend ist.“ Früher hat Miriam die beiden Teenager zehnmal gefragt, was denn los sei, ihnen Pudding gekocht, um die Stimmung zu heben, und schließlich selbst frustriert schimpfend das Zimmer verlassen. Jetzt gibt sie die Verantwortung für die Laune der Zwillinge langsam ab. Sie stellt klar, dass man jederzeit mit ihr reden kann, dass sie aber niemandem die Würmer aus der Nase zieht. Sie schützt ihre Grenzen und gleichzeitig die Beziehung zu den Kindern. Den meisten Respekt bekommen Eltern, die Gelassenheit ausstrahlen und dennoch verfügbar sind. An solche Eltern wendet man sich auch, wenn man Sorgen hat.

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