„ICH WAR VÖLLIG ausgelaugt“

Die Gedanken kreisten nur mehr um Pokerautomaten, Geldbeschaffung und Schuldgefühle. Seine Spielsucht hätte einem Familienvater fast das Leben gekostet.

Eigentlich kam Karl M. mit einem Burnout zur Psychotherapeutin. Nach einem kompletten Zusammenbruch war der 42-Jährige drei Monate zuvor mit Burnout und akuter Suizidgefahr im Krankenhaus gelandet. Buchstäblich in letzter Minute, der Abschiedsbrief war bereits geschrieben. Diagnose: „geistiger, körperlicher und emotionaler Erschöpfungszustand, Erschöpfungsdepression.“
Was war passiert? Hatte der Grazer zu viel gearbeitet, sich beim Hausbau übernommen oder andere Anforderungen mehr bewältigen können?
„Ich wollte es lange nicht wahrhaben, belog mich selbst, meine Freunde und viel schlimmer noch, meine ganze Familie, sah nur mehr als einzigen Ausweg, meinem Leben ein Ende zu setzen. Allen Problemen zugrunde lag meine fanatische Spielsucht, die immer mehr von mir Besitz ergriff. Das konnte ich mir erst im Zuge einer Therapie eingestehen“, berichtet Herr M.
Es begann mit gelegentlichen Casino-Besuchen „zur Entspannung“ und Ablenkung von seinem emotional aufwühlenden Beruf als Sozialarbeiter – im Zuge dessen er viele Menschen kennenlernte, die irgendwann einmal abgedriftet waren. Dass dies ihm selbst einmal passieren könnte, auf die Idee wäre Karl M. niemals gekommen!
Zuerst setzte er nur kleine Beträge am Roulette-Tisch, danach spielte er ein paar Runden am Automaten. Neben ein paar unwesentlichen Gewinnen, häuften sich die Verluste. Anstatt aufzuhören, wurden die Einsätze höher, die Zeiten im Casino länger und bald verbrachte er nicht mehr nur die Abende dort, sondern „zockte“ auch in der Mittagspause in Wettcafes.
Die klassische Suchtspirale drehte sich immer schneller. Schon kam Karl M. zu spät zu Terminen, fand keine Zeit mehr für seine Kinder. Im Ehebett herrschte Flaute. Kein Wunder, dass seine Frau misstrauisch wurde und ihm vorwarf, sie zu betrügen. Die Ehekrise spitzte sich immer mehr zu, aber klärende Worte gab es immer noch nicht. Stattdessen baute sich das Lügengerüst genauso schnell weiter aus wie der Schuldenberg auf dem Konto. Längst schon war die Verstrickung mit der Scheinwelt („Ich kann das alles wieder zurück gewinnen, wenn ich nur genügend Geld investiere und dann wird sich alles zum Guten wenden“) aus dem Ruder gelaufen.

Die Schuldgefühle wurden immer massiver
Doch die Realität holte den mittlerweile schwer psychisch angeschlagenen Steirer immer öfter ein. Die Schuldgefühle, das Vermögen und die Liebe zu seiner Familie im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel gesetzt zu haben, führten zu Schlafstörungen, Albträumen und Verzweiflung: „Bis du dir denkst, du hast es total verbockt, da ist nichts mehr zu retten. Die anderen sind besser dran, ohne dich …“ Gott sei Dank fand Herr M. noch rechtzeitig Hilfe. Es kam zunächst genau abgestimmte medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva zum Einsatz, dann folgten Gesprächs- und Hypnosetherapie. Die Suchtexpertin und Psychologin, die ihn betreute: „Von dem Erfolg war mein Klient, der sich vorher nie jemandem anvertraut hatte, selbst am meisten überrascht. Er merkte, dass bereits offene Worte stark zur Entlastung einer Situation beitragen können und Ängste mindern.“
Herr M. ist seither sucht- und schuldenfrei, sein Vater hatte ihm damals finanziell unter die Arme gegriffen. Er hat gelernt, schon frühe Anzeichen von Überforderung zu erkennen und gegenzusteuern. Das macht er sich auch im Beruf zunutze, wo der Sozialarbeiter nun bei Schulungen offen über seine Spielsucht berichtet, um anderen Betroffenen Mut zu machen, sich ihren Problemen zu stellen und rechtzeitig Hilfe zu suchen.

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