Ich motiviere Frauen sogar beim Zahnarzt zum Laufen Von Karin Podolak

Mehr als 30.000 Teilnehmerinnen können nicht irren: Der Breiten-Laufsport ist eine Domäne der Damen. So viele Starterinnen waren es 2019 beim Österreichischen Frauenlauf im Wiener Prater. Mastermind hinter der Erfolgsgeschichte und unermüdliche Kämpferin für ein bewegtes Leben, Ilse Dippmann, sieht gerade jetzt die Chance für einen Neubeginn, hofft auf den Nachwuchs und kann der Krise auch etwas Positives abgewinnen, wie sie im Interview verrät.

Eigentlich würde ich – und Zigtausende andere – jetzt schon fleißig für den Österreichischen Frauenlauf trainieren, aber der musste auf Herbst verschoben werden. Freizeitsport liegt zwar im Trend, viele Frauen geben allerdings nach kurzer Zeit frustriert wieder auf. Hast du ein paar gute Tipps?
Nach wie vor ist mein Motto: Frauen und Mädchen sollten unbedingt mit dem Laufen beginnen, weil es die einfachste und beste Sportart für sie darstellt. Am Anfang muss man aber Geduld haben. Wenn ich mir das bewusst mache, passiert es nicht so oft, dass man glaubt: ’Das Laufen ist gar nichts für mich’ und wieder damit aufhört, nur weil man es falsch angefangen hat. Eine Fitness, die du vielleicht 10/15 Jahre vernachlässigt hast, kannst du nicht in 10/15 Tagen zurückgewinnen.

Du hast dafür zusammen mit der Sportordination auch eigene Trainingspläne entwickelt?
Zehntausende Frauen haben mit diesem Programm begonnen: In der ersten Woche 1 Minute laufen, 2 Minuten gehen, 8-mal wiederholen. In den nächsten Wochen steigert sich die Dauer der Laufeinheiten, bis man eine halbe Stunde durchhalten kann. Mittlerweile stehen zahlreiche Pläne für Anfängerinnen bis Fortgeschrittene mit unterschiedlichen Zielzeiten für 5 und 10 km gratis zum Download auf unserer Website zur Verfügung. Da findet jeder etwas Passendes – und los geht’s! Man muss das Ganze in den Alltag integrieren, das ist das Wichtigste. Zwei fixe Tage in der Woche im Kalender notieren, Verbündete suchen. Die Nachbarin, die Kollegin, Schwester, Tochter. Das geht auch mit Sicherheitsabstand. Wenn es möglich ist, sich gleich draußen treffen und zu zweit losstarten. Wesentlich ist die Überlegung, wie man für sich persönlich Bewegung am besten in den Alltag integrieren kann, ohne dass es in Stress ausartet. Sagen Sie sich vor: Das ist jetzt meine Stunde, die da vor mir liegt, die gehört nur mir und das will ich jetzt genießen.

Das klingt, als wäre es ganz einfach…
Nicht immer, ich habe auch nicht ständig die volle Motivation oderFreudeundmussmich oftzuden erstenSchritten gegen den inneren Schweinehund durchsetzen. Doch schon nach 10 Minuten kommt das Lächeln im Gesicht und du spürst – ja – die Energie. Aber natürlich, für die Anfängerin ist das am Anfang hart. Durch langsames Ein steigen spürt man bald, was sich da im Körper alles abspielt und positiv verändert. Erreichbare Ziele setzen. Z.B. als Einstieg erst einmal pro Woche laufen und im Alltag noch irgendetwas anderes etablieren, das mit Bewegung zu tun hat. Etwa öfter zu Fuß gehen beim Einkaufen oder am Weg zur Arbeit. Mit besserer Kondition kommt der Wunsch nach Steigerung automatisch.

Was bedeutet eigentlich die „magische 72“?
Alles, was du innerhalb von 72 Stunden in die Tat umsetzt, hat eine über 90-prozentige Erfolgsaussicht, fortgeführt zu werden. Daher beginne jetzt!

Warum sollen wir jede Gelegenheit ergreifen und die Laufschuhe schnüren?
Freuen Sie sich darauf, wie sich danach das Wohlgefühl einstellt! Das brauchen wir derzeit ganz besonders. Man muss wissen, wie schön das ist, nach einer Laufeinheit das Glücksgefühl auf sich wirken zu lassen, wie man fühlt, das Laufen verändert das Leben. Sei es, dass man fitter für den Alltag wird, stressresistenter. Alles wirklich gute Gründe, wie ich meine, und es gibt noch viel mehr. Laufen ist zudem eine hervorragende Gewichtskontrolle.

Was man ja auch an dir sieht, liebe Ilse! Machst du wirklich nie eine Diät?
(Lacht). Das höre ich immer wieder. Ich halte mein Gewicht tatsächlich seit 40 Jahren und habe noch nie Kilos gezählt. Dazu gehört auch bewusste Ernährung. Wir sitzen hier beim Interview im Büro des Frauenlaufs eigentlich am Mittagstisch – also nun seit mehr als einem Jahr leider nicht mehr –, der auch gleichzeitig unser Kommunikationsort ist und wo immer schon gesund gegessen wurde. Das ist sehr wichtig. Aber das Schnitzerl von der Mama mit Erdäpfelsalat ess ich genauso gern.

Stimmt es, dass regelmäßige Bewegung das Essverhalten nachhaltig verändert?
Durch die Botenstoffe, die man dabei produziert, Endorphine, Dopamin, braucht man gar nicht so viel Süßes und Fettes, weil durch Laufen in der Natur, in der Sonne, in der frischen Luft so viele schöne Gefühle erzeugt werden, dass man eine Befriedigung durch Essen gar nicht mehr braucht. Laufen tut der Seele wahnsinnig gut! Du bleibst jung, lebendig, lebensfroh. Das erlebe ich einfach immer wieder. Man kann dadurch so viel Kraft schöpfen.

Wie bei den Frauenlauftreffs, die du vor mehr als zweiJahrzehnten ins Leben gerufen hast?
Ja, diese Rückmeldung haben ich und die Frauenlauftrainerinnen immer wieder von den Teilnehmerinnen gehört. Seit 1997 stand ich dafür jeden Mittwoch um 18.30 in der Wiener Prater Hauptallee. Zuerst allein mit nur ein paar Frauen, dann aber mit 20 Trainerinnen und ihren Gruppen! Und noch mehr in ganz Österreich sowie Bratislava. Eigene Treffs sind für die „Girlies“ vorgesehen.

Brauchen Mädchen besondere Anregungen, um sich zu mehr Bewegung aufzuraffen?
Unbedingt. Ich hoffe, dass es uns bald gelingt, wieder mit den Mädels zu trainieren. Teenager sind sogar im Turnunterricht schwer zu motivieren. Der überwiegende Teil der Jugendlichen sitzt zu Hause und bewegt sich nicht. Das ist so schade! Gerade in der Pubertät wäre das enorm wichtig. Denn Sport macht selbstbewusst, verhilft zu einem positiven Körperbewusstsein, verringert Schulstress, steigert die Konzentration, zeigt dir, dass du Ziele, die du dir gesteckt hast, auch erreichen kannst! Beim ASICS Österreichischen Frauenlauf haben über Schulen, aber auch im Familien- und Freundeskreis, jedes Jahr mehr als 5000 Mädchen teilgenommen. Mit einem Ziel vor Augen und einem Gemeinschaftsgefühl. Da geht es nicht nur um Laufen. Es geht um Empowerment. Dass junge Frauen bestärkt werden, für sich etwas zu tun und zufrieden zu sein mit dem Körper, den sie haben.

Wie machst du das jetzt selber in diesen außergewöhnlichen Zeiten. Ilse ohne Lauftraining. Gibt es eigentlich nicht, oder?
Stimmt. Ich gehe weiterhin mindestens zwei- bis dreimal in der Früh um 6.00 laufen und habe festgestellt, wenn ich einen Termin mit einer Laufkollegin fixiert habe, dann stehe ich auch auf um 5.30. Der Wecker läutet, ich überlege nicht, denn ich habe mich ja verabredet. Die Laufsachen sind hergerichtet, die Schuhe stehen bereit, der Tag beginnt. Wenn du dann läufst, der aufgehenden Sonne entgegen, mitten im Vogelgezwitscher, das gibt so viel her!

Wie kommst dumit derHerausforderung durch die Pandemie zurecht?
Man muss auch das Positive sehen: die Entschleunigung, man kommt mehr ins Reden. Am Nachmittag sind viele Menschen auf der Prater Hauptallee unterwegs, die nicht nur sporteln, sondern einfach Bewegung im Freien machen und sich wohlfühlen dabei.

Macht die Motivationstrainerin eigentlich auch einmal Pause?
Aber warum denn? Es gibt tatsächlich keine Frau, die ich nicht versuche, zu motivieren. Egal ob ich zum Zahnarzt geh oder mit der Kassiererin im Supermarkt spreche. Da kommt so viel zurück in meinem Leben. Das ist schon echt schön…

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