Ich habe keine Angst (mehr)!

Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt (aktuell Rang 12), die Kriminalitätsrate ist gering, die Aufklärungsquote hoch. Österreich ist kein primäres Ziel von islamistischen Attentätern. Die Sozialsysteme funktionieren vergleichsweise gut und eine flächendeckende medizinische Versorgung ist gegeben. Die Arbeitslosigkeit ist zwar gestiegen, aber immer noch niedriger als der europäische Durchschnitt. Die äußeren Rahmenbedingungen lassen also vermuten, dass Herr und Frau Österreicher relativ entspannt und ohne große Sorgen ein angenehmes Leben führen.

Sorgen nehmen zu. Doch die Realität ist eine andere. Sorgen und Ängste sind nicht weniger geworden, sie haben in den vergangenen Jahren sogar zugenommen. Der Grund dieser Entwicklung: Man fürchtet zu verlieren, was man hat. Und da die meisten Menschen hierzulande nicht in Armut leben, gibt es viele, die schlicht um ihren Wohlstand fürchten. „Die Menschen machen sich heute um ihren Lebensstandard mehr Sorgen als früher. Das Gefühl der Verunsicherung ist gestiegen. Natürlich will niemand, dass sich sein Leben verschlechtert. Umso mehr man besitzt, desto mehr hat man zu verlieren. Und das schlägt sich in Ängsten und Sorgen nieder“, bestätigt der Linzer Psychotherapeut
Dr. Hans Morschitzky. Unser erreichter Lebensstandard führt also zu einem Jammern auf hohem Niveau. Aus der Sicht der Menschen in ärmeren Staaten sind die Ängste und Sorgen hierzulande oft wenig nachvollziehbar.

Existenzielle, reale Ängste. Im Steigen sind vor allem sogenannte reale oder existenzielle Ängste. Sie betreffen zentrale Punkte unseres Lebens wie Arbeitsplatz, Geld, Sicherheit und Gesundheit. Hat man sich daran gewöhnt, dass diese Bereiche in Ordnung sind, treten Verlustängste auf, wenn sie plötzlich infrage gestellt werden. Viele befällt die Angst, das erreichte Niveau nicht halten zu können. Die typischen Sorgen und Ängste von Herrn und Frau Österreicher betreffen folgende Punkte:

  • Sinkender Wohlstand, Abstieg, Verarmung.
  • Verlust des Arbeitsplatzes. Die gestiegene Arbeitslosenzahl in Österreich und der Zustrom von Fremden vermehren die Angst um den eigenen Job.
  • Unsichere Pensionen: Angst, dass das aktuelle Pensionssystem in Zukunft nicht mehr leistbar ist. Angst, persönlich finanziell nicht abgesichert zu sein (z. B. bei Arbeitsunfähigkeit, Scheidung etc.).
  • Leistbare Gesundheitsversorgung: Angst, dass man im Alter gesundheitlich schlecht versorgt ist; das steigende Gefühl, dass sich nur mehr die Reichen gute Ärzte leisten können (Zweiklassensystem).
  • Sinkende soziale Absicherung: Dabei spielt aktuell der Zustrom von Flüchtlingen eine bedeutende Rolle und die Sorge, dass die Österreicher die Flüchtlinge finanzieren müssen. „Die Ablehnung und die Angst vor Flüchtlingen hat meist nichts oder wenig mit Ausländerfeindlichkeit zu tun. Vorherrschend ist die Sorge, dass der soziale Kuchen, der verteilt wird, immer kleiner wird“, so Morschitzky.

 

Irreale Ängste. Freilich gibt es auch Ängste, die irreal, also unbegründet, sind. Diese werden oft durch aktuelle Ereignisse, die medial stark präsent sind, gesteigert. Beispiel: der momentane Waffen-Boom in Österreich. Noch nie war das Land so sicher wie heute, noch nie gab es so wenige schwere Verbrechen. Doch nach den Übergriffen in der letzten Silvesternacht auf Frauen in Köln und den wochenlangen Medienberichten darüber fühlen sich plötzlich viele Frauen in Österreich nicht mehr sicher und kaufen Pfeffersprays und Co wie nie zuvor. Auch Faustfeuerwaffen werden zu Tausenden gekauft – vor allem in der Steiermark und in Kärnten. Offenbar fürchtet man wegen der von der Südgrenze kommenden Asylwerber um sein Hab und Gut. Auch diese Angst ist irreal. Die Verbrechensrate von Asylwerbern weist keine erhöhte Kriminalität auf. Das gilt in besonderem Maße für syrische Flüchtlinge. Eine weitere irreale Angst zeigt sich in der Urlaubsplanung in diesem Jahr. Tausende Österreicher meiden heuer die Türkei, Tunesien und Ägypten. Die tatsächliche Gefahr, dort einem Terrorangriff zum Opfer zu fallen, ist jedoch verschwindend gering, die Angst davor daher unverhältnismäßig groß.

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