Ich fürchte mich vorm Blumentopf

Jetzt beginnt der Kleine doch glatt, sich vor dem Gummibaum zu fürchten. „Bitte, Mami, tu den bösen Blumentopf weg”, verlangt er. Sonderbar, denkt seine Mama, versucht aber, verständnisvoll zu sein: „Warum ist der denn böse? Hast Du eine Geschichte von einem bösen Blumentopf gehört?” Nein, hat er nicht, aber „der Blumentopf ist böse”. Ein Spiel ist das auch nicht, der Kleine schaut wirklich verängstigt aus. Vielleicht hat er sich ja an einer Topfblume gestochen? „Nein. Mach ihn weg. Er ist böse.”

In so einem Fall spricht die Wissenschaft von „Fantasieangst”. Bei vielen Kindern tritt das übrigens erst mit 4 Jahren auf. Es ist eine von vielen verschiedenen Ängsten, die Kinder so durchmachen. Einige Ängste haben wirklich reale Gründe und Schutzfunktion, einige verursachen die Erwachsenen durch ihr Verhalten. Manche Ängste hängen mit der beginnenden Selbstständigkeit und Ablösung des Kindes zusammen. Früher war die Welt ganz heil, wenn vertraute Personen da waren. Jetzt beginnt das Kind, sich als eigene Person im Gegensatz zur fremden Welt wahrzunehmen. Das kleine „Ich” steht dem großen unbekannten „Anderen” gegenüber. Damit kommt es nicht immer zurecht.

Gleichgültig, was die Ursache ist: Ihr Kind fürchtet sich und ist der Angst hilflos ausgeliefert. Bitte nehmen Sie es ernst und lachen Sie es nicht aus, auch wenn das manchmal schwer fällt, weil die Situation so komisch ist. Sie können Ihrem Kind nicht die Angst nehmen. Aber Sie können es unterstützen, „angstfähig” zu werden. Das heißt, ihm helfen, dass es Ängste unterscheiden und überwinden und damit umgehen lernt.

Die wichtigste Aufgabe für Sie als Eltern ist es, Ihrem Kind uneingeschränkten Rückhalt zu geben. Ihr Kind soll wissen, dass es bei Ihnen Verständnis, Trost, Unterstützung und Geborgenheit findet. Ein „Ich habe Angst” mit „Aber, Du bist doch ein mutiger, tapferer Bub, der hat keine Angst” zu beantworten, hilft Ihrem Kind gar nicht, es kann zusätzlich verunsichern. Schlimmstenfalls zwingt diese Antwort Ihren kleine Jungen dazu, seine Ängste zu verstecken und zu unterdrücken. Und er bekommt das Gefühl, dass er bei Mami und Papi keinen Trost und keine Geborgenheit mehr finden kann.

Tipps für Eltern

  • Akzeptieren Sie die Angst Ihres Kindes, trösten Sie es. Auch wenn die Angst für Sie unverständlich ist, nehmen Sie Ihr Kind sehr ernst.
  • Manchmal können Sie Ihrem Kind helfen, eine Angst zu überwinden, z.B. vor dem brummenden Staubsauger. Lassen Sie Ihr Kind damit (abgeschalten, natürlich) spielen, erklären Sie ihm mit der Geschichte vom Staubkorn, wozu dieses laute Ungetüm gut ist.
  • Scheint Ihnen Ihr Kind übertrieben ängstlich, überlegen Sie: Warnen Sie es vielleicht zu oft? Z.B. „Da kannst Du Dir weh tun”, „Du kannst das kaputt machen”. Ist das der Fall, versuchen Sie lieber, aktiv mit Ihrem Kind Gefahren zu erkennen und sich gezielt zu schützen. Positive Erfahrungen machen sicherer und nehmen Angst.
  • Überfordern Sie Ihr Kind nicht. Verlangen Sie generell von Ihrem Kind nicht zu viel, und fordern Sie es nicht zu Mutproben auf.
  • Wenn Ihr Kind unter hartnäckigen Angstzuständen leidet oder sich vor überhaupt nichts fürchtet, besprechen Sie das mit Ihrem Arzt oder suchen Sie eine Beratungsstelle auf.

Eins, zwei, drei, ganz viele Gründe, sich zu fürchten

  • Realangst ist wichtig, als Warnung vor echten Gefahren, z.B. Angst vor dem heißen Ofen. Auch von Eltern vermittelte Ängste z.B. vor offenen Fenstern schützen die Kinder.
  • Trennungsangst setzt ein, wenn Kinder mobiler werden, also die „Sicherheitsbasis” Mama/Papa zunehmend verlassen können, um die Welt zu erkunden. Manchmal bekommen sie dann „Angst vor dem eigenen Mut” und klammern besonders stark. Das zweite und dritte Lebensjahr heißt deshalb auch „Rockzipfelalter”.
  • Magische Angst entsteht meist durch ungeschicktes Verhalten Erwachsener. Das Drohen mit dem „schwarzen Mann”, dem Krampus, dem lieben Gott lässt Kinder fürchten, magische Kräfte könnten ihnen schaden. Auch der Einsatz von Strafen aktiviert die magische Angst. Durch harte Strafen ge-steigerte Angst kann Unruhe, Aggressivität, Schlafstörungen, Essensprobleme u.a. hervorrufen.
  • Angstkonditionierung bedeutet, dass Kinder bestimmte Dinge oder Menschen mit einem Angst machenden Erlebnis in Zusammenhang bringen. Das ist z.B dann der Fall, wenn sich ein Kind vor Katzen fürchtet, weil einmal ein Angst erregendes Geräusch ertönte, während es mit einer Katze spielte. Meist vergisst das Kleinkind die Ursache und reagiert nur mehr panisch, sobald es eine Katze sieht. Erklären hilft da wenig, da ist vielmehr eine große Portion Geduld nötig. Wenn Ihr Kind tatsächlich panisch vor der Katze davonläuft, nehmen Sie es sicher und geborgen in den Arm. Mit der Zeit und in Ihrer sicheren Geborgenheit kann Ihr Kind die Katze auch wieder neu kennen lernen.
  • Fantasienangst entwickeln viele Kinder im dritten Lebensjahr. Sie fürchten sich völlig grundlos vor harmlosen Dingen oder Situationen: dem Blumenstock, der Dunkelheit, der WC-Spülung etc. Grund sind die rasanten Entwicklungsprozesse, die die Kinder gerade durchmachen. Sie bekommen Angst vor dem vielen Unbekannten, Neuen und können es nicht zuordnen. Also suchen sie einen „Stellvertreter”, den sie „beherrschen” können – den Blumentopf, den die Mami wegräumt. Mehr als das können Eltern kaum tun. Wenn diese Entwicklung mit ca. fünf bis sechs Jahren abgeschlossen ist, verschwinden solche Ängste von selbst.
  • Angst vor dem Schlafengehen taucht im zweiten und dritten Lebensjahr immer wieder auf. Ursache ist auch hier die Entwicklung des eigenen Ich und die Auflösung der engen Beziehung zu Mutter/Vater. Besonders in der Dunkelheit kommt diese Unsicherheit hoch.

Wussten Sie, dass …:
… es im Rockzipfelalter völlig falsch wäre, mehr Distanz anzustreben, wenn ein Kind„wie eine Klette“ an der Mutter/am Vater hängt? Das Kind hat in dieser Situation das Gefühl, aufgrund seiner Entwicklung mehr Zuwendung und Geborgenheit zu brauchen. Wenn ein Kind die Eltern als verlässliche „Sicherheitsbasis“ erlebt, traut es sich dann auch wieder, allein die Welt zu erkunden.

Autor: Maga. Irene M. Kernthaler-Moser, Journalistin

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