Ich bin, wie ich bin!*)

Es gibt Menschen, die einen Raum betreten und alle Blicke auf sich ziehen. Die mit aufrechter Körperhaltung durchs Leben gehen und bei Gesprächen mit lauter Stimme, unmissverständlichen Gesten und direktem Blickkontakt ihren Standpunkt deutlich machen und ihre Interessen durchsetzen. Diese Menschen kennen ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen und Grenzen und packen jedes Problem lösungsorientiert an. Dann gibt es aber auch Menschen, die den Anschluss an sich selbst verloren haben, die nicht wissen, wer sie sind, und folglich immense Schwierigkeiten haben, ihre Wünsche, Vorhaben und Erwartungen zu verwirklichen. Jene Menschen, die selbst ihr größter Feind sind und – auf längere Sicht gesehen und in schweren Fällen – emotionalen Suizid betreiben. Jene Menschen, die ein massives Problem mit ihrem Selbstvertrauen, ihrer Selbstsicherheit und ihrer Selbstannahme haben.

Hindernis für Selbstentfaltung. Was versteht man eigentlich unter dem Begriff „Selbstbewusstsein“? Dazu Univ.-Prof. Dr. Johannes Wancata, Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie im Wiener Allgemeinen Krankenhaus: „Zum einen ist damit gemeint, sich seiner selbst bewusst zu sein. Wie verstehe ich mich selbst? Wie nehme ich mich wahr? Aber auch die Art und Weise des eigenen Auftretens und die Kommunikation mit anderen Menschen werden mit diesem Begriff beschrieben.“ Ein schwaches Selbstbewusstsein kann so ausgeprägt sein, dass es zur Krankheit wird – das sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden, betont der Experte: „Ein geringes Selbstbewusstsein kann ein massives Hindernis für die persönliche Selbstentfaltung und für ein erfolgreiches, erfülltes und zufriedenes Leben darstellen.“

Ich bin nichts wert. Rund 3,5 Prozent der österreichischen Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einem geringen Selbstwert, Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Menschen mit einem geringen Selbstbewusstsein sind meist schüchtern, introvertiert und unsicher im Auftreten. Sie entschuldigen sich oft – auch für Dinge, für die sie gar nichts können –, und stellen die eigenen Bedürfnisse hintenan. Sie gehen keine Risiken ein und sind von der Anerkennung (und der Meinung) anderer Personen abhängig, denn sie trauen sich selbst nicht zu, Erfolg zu haben. „Diese Menschen richten ihren Fokus ausschließlich auf ihre Schwächen“, erklärt Wancata. An sie gerichtetes Lob wird hinterfragt, das eigene Licht unter den Scheffel gestellt („Das kann doch jeder“). Dies führt zu Problemen im Privatleben und im Beruf. Wobei es nicht selten ist, dass Menschen, die mit ihrem Selbstbewusstsein zu kämpfen haben, in manchen Lebensbereichen auf andere durchaus sicher wirken. Dazu Katerine Dyckmans, Psycho- und Neurotherapeutin (www.alltagsautisten.de): „Menschen haben verschiedene Mechanismen gefunden, um den Makel des geringen oder fehlenden Selbstbewusstseins zu kaschieren. Manche mit einer erhöhten Aggressivität und manche spielen im Leben eine Rolle wie ein perfekter Schauspieler und versuchen, einen Schein aufrechtzuerhalten, an dem der Körper und somit die Psyche zerbrechen kann.“

Kindliche Prägung. Das Selbstbewusstsein – ob gering oder ausgeprägt – wird uns nicht in die Wiege gelegt, sondern in der Kindheit und der Jugend geprägt. Einschneidende Erlebnisse wie emotionaler oder körperlicher Missbrauch, das Verlassenwerden von einer geliebten Person oder körperliche Erkrankungen, die mit Schmerzen und Einschränkungen im Alltag einhergehen, können zu Störungen in der Ausprägung des Selbstbewusstseins führen. „Menschen, die über einen langen Zeitraum einen geliebten Menschen pflegen mussten, entwickeln immer wieder ein geringes Selbstbewusstsein, da sie von ihrem sozialen Umfeld oft kein Verständnis bekommen und ausgegrenzt werden“, erklärt Wancata. Wird von den Eltern ein zu großer schulischer Druck ausgeübt, der zur Überforderung führt, kann auch dies negative Folgen nach sich ziehen. Dyckmans erklärt: „Wenn Kinder in einem Umfeld heranwachsen, in dem sie ausschließlich für ihre Leistungen gelobt werden und nicht für ihr Wesen an sich, dann nimmt ihr Selbstbewusstsein einen großen Schaden.“ Dank zahlreicher Studien und Forschungen weiß man heute aber auch, dass es biologische Faktoren gibt, die das Entstehen eines (krankhaften) geringen Selbstwerts beeinflussen, wie zum Beispiel Veränderungen im Gehirn im Serotonin-Stoffwechsel.

Sozialphobie. Ein geringes Selbstbewusstsein kann massive negative Auswirkungen auf die Psyche haben. Gefühle wie Aggression und vor allem Hilflosigkeit sind nicht selten. Das Risiko, eine Alkoholsucht zu entwickeln, ist um ein Vielfaches höher. „Als krankhaft bezeichnet man ein geringes Selbstwertgefühl dann, wenn es über längere Zeit auftritt und zu deutlichen Einschränkungen im Alltag führt“, erklärt Wancata. Hier spricht man vor allem von zwei Krankheitsbildern: der Sozialphobie und der Depression. Die Sozialphobie zeichnet sich vor allem durch die Befürchtung, sich vor anderen Menschen zu blamieren, aus, was oftmals dazu führt, dass die Wohnung nicht mehr verlassen wird, Prüfungen und Bewerbungsgespräche abgesagt werden. Depressive Menschen wiederum fühlen sich vor allem niedergeschlagen, traurig und antriebslos und werten sich selbst als Person ab. In beiden Fällen ist es ratsam, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Im Rahmen einer Psychotherapie wird über die Krankheit aufgeklärt, negative Denkprozesse aufgezeigt und versucht, das Leben (und das Denken) wieder in richtige Bahnen zu lenken. Zusätzlich kann zur Unterstützung medikamentös mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern therapiert werden.

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