Ich bau’ mir meine Welt: Wie sich Kinder entwickeln

Das hat es von seinen Eltern!“ Nur ein Spruch? Keineswegs. Denn, wenn Ei- und Samenzelle verschmelzen, sind die ersten Merkmale der Persönlichkeit bereits festgelegt. „Neben körperbezogenen Merkmalen wie Haar- und Augenfarbe sowie Körperbau sind auch die Grundstrukturen für Fähigkeiten angeboren“, erklärt Sozialwissenschafter Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin. Univ.- Prof.in DDr.in Lieselotte Ahnert vom Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien ergänzt: „Untersuchungen, die zweieiige mit eineiigen Zwillingen verglichen, zeigen einen Einfluss der Gene auf Intelligenz und Temperament.“

Die Familie als Triade. Zu diesen vererbten Anlagen mischen sich die Faktoren Umwelt und Erziehung. Dies in Summe ergibt die Basis für die Entwicklung eines Menschen. Während sich der körperliche Prozess mit den ersten Schritten, Worten und Gesten automatisch entwickelt, haben Eltern großen Einfluss auf das soziale und psychologische Wachstum. Hurrelmann: „Die Triade zwischen Mutter, Vater und Kind ist enorm bedeutend. Wird ein Kind nur von einem Geschlecht erzogen, fehlt die richtige Mischung für ein gesundes Beziehungsverständnis. Das kann sich in späteren Jahren auswirken.“ Alleinerziehende sollten daher darauf achten, den fehlenden Teil der Triade durch andere soziale Strukturen zu ersetzen. Fehlt etwa der Vater im Alltag, sollte das Kind regelmäßig Zeit mit anderen erwachsenen Männern verbringen. „Das können Freunde der Mutter sein oder auch der Opa oder Onkel“, so Hurrelmann. Denn für eine gesunde Erziehung braucht das Kind beide geschlechtsspezifischen Einflüsse. Während Männer Struktur vermitteln, sind Frauen eher für emotionale Werte wie Harmonie zuständig.

„Damit Kinder gesund und glücklich aufwachsen, brauchen sie Liebe, Geborgenheit und Förderung ihrer Fähigkeiten.“
Mag.a Sonja Wehsely, Gesundheits- und Sozialstadträtin

Binden, stärken, loslassen. „In der Entwicklungspsychologie reden wir von Aufgaben, die ein Kind bewältigt, um wieder ein Stück weit kompetenter und autonomer zu werden“, so Ahnert. „In den ersten Lebensjahren ist es die Herstellung von Bindung, dann zunehmend die Stärkung zum Erkunden der Umwelt und gegen Ende der Volksschulzeit die Entwicklung der Autonomie.“ Wichtig in jeder Lebensphase: Kinder müssen gefördert werden. „Aber bitte im richtigen Rhythmus“, räumt Hurrelmann ein. Jedes Kind hat eine eigene genetische Basis und damit auch unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeiten. Es gibt Dreijährige, die schon schrei ben lernen wollen, und Fünfjährige, die erste Rechnungen lösen. „Will ein Kind lernen, so soll es auch gefördert werden“, stellt der Experte klar. Aber: Der elterliche Überehrgeiz darf nie zu einer Überforderung des Kindes führen. Vielmehr soll es ein spielerisches Lernen sein. Ansonsten, so Hurrelmann, verliert das Kind den Rhythmus, sondert sich ab und bezieht eine soziale Randstellung, „weil es ja so gänzlich anders ist als die anderen“.

Soziale Strukturen. Kinder fördern, wenn sie lernen wollen – klingt simpel. Doch so einfach ist es dann doch nicht. „Die soziale Herkunft schlägt sich auf das Zusatzangebot nieder“, weiß Hurrelmann. Er beobachtet eine zunehmende soziale Spaltung. „Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, in allen Ländern“, sagt er. „Das spiegelt sich auch im Leistungsspektrum wider.“ Von Tennisstunden über Gitarrenunterricht bis hin zu Englischkursen: Nicht alle Eltern können dies den Kindern finanzieren, auch wenn sie es gerne wollen.

„Der Nachwuchs braucht eine Umwelt, die auf dessen Entwicklungsbedürfnisse eingeht.“
Univ.-Prof.inDDr.in Lieselotte Ahnert, Entwicklungspsychologin

Die innere Kraft. So haben viele aus sozial schwächeren Familien gute Fähigkeiten, die sich nicht entfalten können. Und doch gibt es immer wieder Einzelne, die es schaffen. Wie der US Musiker Ray Charles. Er wuchs unter widrigen Bedingungen auf, musste mit sechs Jahren mitansehen, wie sein Bruder starb, erblindete mit sieben, verlor seine Mutter mit 14 und erlernte das Klavierspielen in einem Hinterhof. Trotzdem wurde er der erfolgreichste schwarze Musiker seiner Generation und erhielt unzählige Preise. Er starb mit 73 nach einem erfüllten Leben. Welche innere Kraft ermöglicht einem Menschen eine so unerwartet positive Entwicklung? Damit befasst sich die Resilienzforschung. „Theoretisch ha – ben alle eine Chance, ihrem Leben so eine Wende zu geben“, erklärt Klaus Hurrelmann. Doch den meisten geht die Kraft aus. „Je nachdem wie viel dieser Stärke vererbt worden ist, desto länger hält man durch“, sagt der Experte. „Ans Ziel gelangen aber nur in etwa 20 Prozent. Der Rest scheitert am prägenden Umfeld, das entmutigt oder Steine in den Weg legt. Man braucht mindestens eine stärkende Person, sonst ist gar nichts möglich.“

Alle haben dieselben Chancen. Mädchen schreiben und Buben rechnen gut. Dieses Schwarz-Weiß-Denken war einmal. „Das Ablegen alter Rollenbilder hat Kräfte entfaltet“, weiß Hurrelmann. Dennoch ist diese Entwicklung noch nicht zu Ende. Es ist an den Eltern, den Kindern die Scheu vor manchen Fächern zu nehmen – im Sinne der Vorbildwirkung. Denn, so Hurrelmann: „Kinder kann man nicht erziehen, sie machen es einem ja doch nach.“

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