Hilfe bei Scheidungskonflikten

Fast jedes Mal nässt er danach in der Nacht ein. Die Mutter ist ratlos: zwar gibt Martin an, gerne zum Papa zu gehen, aber wenn er danach immer ins Bett macht, heißt das doch, dass ihm dort irgendetwas nicht behagt, dass der Vater vielleicht nicht richtig auf ihn eingeht. Sie versucht mit dem Vater am Telefon darüber zu sprechen, doch der Vater ist keineswegs einsichtig. Er führt Martins Einnässen darauf zurück, dass er sich eben bei ihm wohler fühle und nicht so gerne zur Mutter zurückkehren möchte. Ab jetzt sind die Besuchskontakte wirklich schwierig geworden: Martin ist vorher völlig verkrampft und aufgeregt, er erzählt kaum noch etwas, wenn er zurückkommt, und ins Bett macht er weiterhin.

Nach einigen Wochen reicht es der Mutter und sie bringt beim zuständigen Bezirksgericht einen Antrag auf Aussetzung des Besuchsrechts ein, worauf der Vater sich einen Anwalt nimmt …

Wer von den Eltern ist „schuld“ bzw. macht etwas falsch? Solange alle Beteiligten das Problem primär unter diesem Gesichtspunkt betrachten, werden sie zu keiner für Martin gedeihlichen Lösung kommen. Günstiger ist es zu überlegen, wie sich die Situation wohl für Martin darstellt: er muss sich mit einer veränderten Familiensituation auseinander setzen, versteht eigentlich nicht, wie es dazu gekommen ist, er spürt den Groll der Eltern aufeinander, merkt, dass die Mama traurig ist, wenn er am Samstagmorgen abgeholt wird, und dass es dem Papa nicht gut geht, wenn er sich am Sonntagabend von ihm verabschiedet. Martin liebt beide Elternteile und möchte es beiden „recht machen“, er will mit ihnen in gutem Einvernehmen sein. Wenn dann die Mama über den Papa schimpft oder der Papa über die Mama, weiß er nicht, wie er sich verhalten soll …

Martin ist also in einen klassischen Loyalitätskonflikt geraten, beide Elternteile erwarten von ihm Parteinahme.

Sein Einnässen (auch psychosomatische Beschwerden, wie z.B. Erbrechen oder Bauchschmerzen sind bei jüngeren Kindern häufig) weist darauf hin, dass er sich mit den „Übergängen“ schwer tut: er muss sich aus der vertrauten Atmosphäre bei der Mutter lösen und sich auf die neue Umgebung beim Vater einstellen. Am Sonntagabend verläuft es entgegengesetzt: jetzt ist er mit dem Vater richtig vertraut geworden und muss sich erst auf die Mutter wieder einstellen: Martin ist also ein Reisender, der immer wieder neu ankommt und sich wieder verabschieden muss: sicher wird ihm das mit zunehmendem Alter und zunehmender Dauer einer solchen Regelung immer leichter fallen, er wird vielleicht sogar einmal stolz darauf sein, zwei Familien zu haben. Was können nun Eltern tun, um eine solche Entwicklung zu fördern.

Wie können Eltern für eine zufrieden stellende Besuchsregelung sorgen:

  • Die Häufigkeit und Dauer der Besuche beim außerhalb lebenden Elternteil möge von den Eltern unter Berücksichtigung der Wünsche und Interessen ihrer Kinder festgelegt werden. Mit der Aufforderung „besuche den Papa, wann immer du willst“ wird das Kind, gerade in der ersten Zeit nach der Scheidung, wenn zwischen den Eltern Misstrauen, Kränkungen und Wut im Vordergrund stehen, in eine Zwickmühle gebracht, da es immer (mindestens) einen Elternteil kränkt. Auch Jugendlichen sollte zumindest einen Rahmen für Besuchskontakte in der Anfangszeit vorgegeben werden.
  • Das Ausmaß der Besuchskontakte orientiert sich auch am Alter des Kindes: Je jünger ein Kind ist, umso schwerer fällt es ihm möglicherweise, sich von der vertrauten Bezugsperson zu lösen und längere Zeit in einer (zumindest anfänglich noch) fremden Umgebung zu verbringen. Gleichzeitig sollen die Intervalle zwischen den Kontakten möglichst kurz sein. Als Faustregel kann gelten: für Kleinkinder am besten eine wöchentliche Besuchszeit von einigen Stunden bis hin zu einem Tag, ab Volksschulalter meistens ganze Wochenende (im 14-Tage-Rhythmus), bei Jugendlichen stehen häufig Gleichaltrigenkontakte im Vordergrund, sodass es sehr spezifischer Absprachen bedarf. Die konkrete Festlegung der Besuchsregelung wird auch abhängen von der Entfernung der Wohnorte, der Art der Berufstätigkeit, des allgemeinen Lebensrhythmus, etc.
  • Kritische Punkte stellen immer das Abholen und Zurückbringen des Kindes dar: Wenn das Kind beim Hauseingang wartet oder über die Gegensprechanlage „hinuntergerufen“ wird, entgehen die Eltern zwar möglichen Konflikten, doch wie geht es wohl den Kindern damit, wenn sie erleben, dass ihre Eltern nicht einmal mehr bereit sind, einander gegenüberzutreten? Ihrem Kind ist es sicher angenehmer, von der Wohnung abgeholt zu werden und zu erleben, dass Sie beide höflich miteinander umgehen. Vermeiden Sie es aber tunlichst, in dieser ohnehin sensiblen Situation Probleme zu besprechen. Ein häufiger Streitpunkt beim Zurückbringen ist die Pünktlichkeit: ständiges Überschreiten der vereinbarten Zeit wird genauso nerven wie stures Beharren auf Minuten. Besser ist es, statt einer fixen Zeit einen fixen Zeitraum zu vereinbaren, z.B. zwischen 18:00 und 18:30 Uhr.
  • Ein gewisses Maß an Flexibilität und Bereitschaft zum Kompromiss ist von beiden Seiten erforderlich.
  • Wie können Sie Ihrem Kind, wenn es beim anderen Elternteil lebt, signalisieren, dass es nach wie vor einen wichtigen Platz in Ihrem Leben einnimmt: Stellen Sie Fotos Ihres Kindes in Ihrer neuen Wohnung auf. Ihr Kind braucht in Ihrer neuen Wohnung Platz für sich, damit es sich nicht nur wie ein Gast fühlt: richten Sie ihm eine Spielecke ein oder wenn möglich ein eigenes Zimmer. Es sollte nicht auf der Couch im Wohnzimmer schlafen müssen, wenn es bei Ihnen zu Besuch ist. Schaffen Sie Familienrituale: etwas, das immer wieder gleich abläuft, gibt Sicherheit und Halt, das kann z.B. gemeinsames Pizza essen am Abend sein oder vormittägliches Fußball spielen oder … Die Beziehung zum außerhalb lebenden Elternteil erhält mehr Stabilität, wenn es gelingt, sie auch im Alltag zu verankern: mit Ihrem Kind für die Mathematikschularbeit zu üben wird letztlich mehr Vertrautheit erzeugen als der x-te Praterbesuch.
  • Was können Sie, falls Ihr Kind bei Ihnen lebt, dazu beitragen, dass der Kontakt zum anderen Elternteil positiv ist? Erlauben Sie Ihrem Kind, den anderen Elternteil anzurufen. Informieren Sie den anderen Elternteil über wichtige Ereignisse/Veränderungen im Leben Ihres Kindes: Schulisches, Erkrankungen, etc. Ermöglichen Sie dem anderen Elternteil, an Kindergarten-, Schul- und Sportfesten teilzunehmen. Respektieren Sie die positiven Gefühle Ihres Kindes für den anderen Elternteil!
  • Bedenken Sie: Sie haben Ihre Partnerschaft beendet, aber nicht die Elternschaft Sie bleiben lebenslang Mutter und Vater Ihres Kindes. Kinder brauchen den Kontakt und die Auseinandersetzung mit beiden Geschlechtern, mit beiden Elternteilen für ihre Entwicklung. Untersuchungen belegen, dass es Kindern umso besser gelingt, die Scheidung ihrer Eltern zu bewältigen, je besser es den Eltern gelingt, ihre Konflikte einvernehmlich und eigenverantwortlich zu lösen. PsychologInnen der Stadt Wien können Sie als Eltern dabei unterstützen, vor allem im Rahmen der Beratungsstellen für Scheidungsfragen, Meditation und Konfliktregelung.

Beratungs-Informationen erhalten Sie in der MAG ELF – Servicestelle, Tel. 4000/8011, Mo-Fr 8-18 Uhr.

Autor: Dr. Charlotte Schmitt-Hold

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