„Guten Tag“, „Hello“, „Salam“ oder „Wie kann ich mein Kind mehrsprachig erziehen?“

Kinder aus binationalen Familien, also Kinder, die zwei- und mehrsprachig aufwachsen, sind heute keine Seltenheit mehr. Für ihre Eltern stellt sich in der Regel – spätestens nach der Geburt – die Frage, in welcher Sprache sie nun mit dem neuen Erdenbürger kommunizieren sollen.

Eine allgemein gültige Antwort auf diese Frage gibt es nicht, da die Rahmenbedingungen für den Spracherwerb in jeder Familie unterschiedlich sind und es unzählig viele Schattierungen von Mehrsprachigkeit gibt. Da ist beispielsweise die polnische Frau, die mit ihrem türkischen Mann und ihrem Kind in Österreich lebt. Oder die afrikanische Familie, die schon vor Jahren nach Österreich ausgewandert ist. Oder – auch dies ist nicht so selten – österreichische Eltern, die sich bewusst dafür entscheiden, ihr Kind deutsch-englisch zu erziehen, obwohl sie selbst einsprachig aufgewachsen sind.

Was bedeutet es nun für den Entwicklungsprozess eines Kindes, mit zwei oder mehr Sprachen aufzuwachsen? Werden Kinder durch die Mehrsprachigkeit möglicherweise verunsichert und belastet? Forschungsergebnisse zu diesem Thema zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Möglichkeit mit mehreren Sprachen aufzuwachsen stellt eine große Bereicherung dar, zumal jede Sprache ja auch ihre ureigenen kulturellen Traditionen und Werte, Denk- und Verhaltensmuster transportiert. Durch jede zusätzliche Sprache kann der eigene Horizont erweitert und Raum für Phantasie und Kreativität geschaffen werden.

2. Wie sehen die Rahmenbedingungen aus? oder: Jede Familie ist anders

Eine Reihe von Faktoren können das mehrsprachige Aufwachsen eines Kindes erleichtern oder aber erschweren:

  • Die Lebenssituation des Kindes In stabilen, harmonischen Lebensumständen lernen Kinder leichter als in jenen Situationen, in denen Schwierigkeiten und Konflikte gerade im Vordergrund stehen (z.B. Trennung der Eltern, Fluchterfahrungen usw.)
  • Sprachtrennung Günstig ist das Trennen der Sprachen. Dem Kind muss klar sein, wer wann welche Sprache mit wem spricht.
  • Intensität und Qualität des sprachlichen Inputs Für jede Spracherziehung gilt: So viel gemeinsame Zeit als möglich zum Spielen, Sprechen, Vorlesen usw. nutzen. Das Kind braucht dabei stets, seinem Alter und seinem Sprachentwicklungsstand entsprechende Anregungen. Bücher, Spiele, Videos können hier eine wertvolle Hilfe sein.
  • Familiäres Umfeld, Freundschaften und Kontakte Für Kinder ist es immens wichtig zu erfahren, dass es viele Menschen (und nicht beispielsweise nur den Papa) gibt, die die jeweilige Sprache sprechen. Vor allem der Kontakt zu Gleichaltrigen spielt hier eine wichtige Rolle, die Sprache ist dann nicht mehr nur eine Erwachsenensprache.
  • Reisen Reisen in das jeweilige Land der „fremden Sprache“ stellen für Kinder eine ganz besonders intensive und lustvolle Möglichkeit dar, das Gelernte anzuwenden und zu vertiefen. Auch die andere Kultur kann auf diese Weise ganz dicht erlebt werden.
  • Unterschiedliches Sprachprestige Kinder merken schnell, dass manche Sprachen (z.B. Englisch) mehr Ansehen genießen als andere, die bilinguale Erziehung ist mit diesen Sprachen oft leichter. Bei Sprachen mit geringerer öffentlicher Wertschätzung ist es für Eltern daher besonders wichtig, ihrem Kind die Bedeutung und Kultur, die mit dieser Sprache verbunden sind, zu erklären und nahe zu bringen.
  • Spaß oder Stress Zuletzt gilt: die mehrsprachige Erziehung darf dem Kind keinen Stress bereiten, Spaß und Freude am Spracherwerb sollten immer im Vordergrund stehen.

3. Der mehrsprachige Alltag

  • Sprachtrennung
  • Der wichtigste Grundsatz ist, eine klare Regelung zu treffen, wer wann welche Sprache spricht. Hierbei gibt es mehrere Möglichkeiten:
  1. Eine Person spricht immer nur eine bestimmte Sprache (und zwar diejenige, die er/sie selbst am besten beherrscht);
  2. In der Familie wird eine andere Sprache gesprochen als in der Umgebung;
  3. Sprachtrennung nach Situationen, z.B. Wochenendsprache – Werktagssprache oder Sprache, wenn Papa (Mama) da ist – Sprache, wenn Papa (Mama) nicht da ist usw.
  • Tipps für die gelungene Sprachtrennung:
  1. Eine Entscheidung von Dauer treffen;
  2. Möglichst gleichmäßige Anregungen in allen Sprachen;
  3. Die Sprache sollte von einem selbst gut beherrscht werden, man sollte sich in ihr wohlfühlen (z.B. „Muttersprache“);

  • Der richtige Zeitpunkt
  1. Mit mehrsprachiger Erziehung kann schon in der Schwangerschaft begonnen werden;
  2. Beide (oder mehrere) Sprachen gleichzeitig zu vermitteln ist vorteilhafter als nacheinander;
  3. Spätestens zwei Jahre vor Schulantritt ist zu klären, ob das Kind die Schulsprache gut genug beherrscht. (Kindergarten bzw. zusätzliche Sprachförderung.)
  • Stolpersteine
  1. Kinder verweigern eine Sprache (z.B. weil sie „wie alle anderen“ sprechen möchten): Lassen Sie dem Kind Zeit und respektieren Sie den Wunsch des Kindes zu wählen, welche Sprache im Moment am besten passt. Bleiben Sie jedoch weiter bei ihrer Sprache und suchen Sie eventuell Kontakte zu anderen Familien mit Kindern.
  2. Kinder mischen die verschiedenen Sprachen: Sprachmischungen- und zwar sowohl auf Wortebene als auch auf Grammatikebene – sind durchaus üblich, vor allem während das Kind sprechen lernt. Die Vorbildwirkung der Eltern ist nun besonders wichtig – achten Sie auf die Sprachtrennung!
  3. Kinder mit Sprachstörungen: Haben Sie Zweifel an der altersgemäßen Sprachentwicklung Ihres Kindes, empfiehlt es sich, möglichst früh einen Experten (Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Logopäden) zu kontaktieren. Für den jeweiligen Einzelfall muss dann gut überlegt werden, ob mehrsprachige Erziehung Sinn macht oder nicht.

Kostenlosen Rat und Hilfe gibt es auch in den psychologischen Beratungsstellen der MAG ELF – unter der Servicetelefonnummer 4000/8011 erhalten Sie alle Informationen.

Autor: Mag. Barbara Khalili-Langer, Psychologin

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