Gewitter im Kopf

Sie taucht oft unerwartet auf, bleibt einige Zeit „auf Besuch“ und lässt einen erschöpften „Gastgeber“ zurück: Wer von einer Migräne-Attacke schon einmal überrascht wurde, weiß, wie anstrengend und zermürbend ihr Erscheinen sein kann. Obwohl die Migräne bereits im zweiten Jahrhundert v. Chr. diagnostiziert wurde, sind ihre exakten Ursachen noch nicht bekannt bzw. belegt. „Grundsätzlich handelt es sich um eine angeborene, körperlich bedingte, chronische Erkrankung, bei der die Genetik eine bedeutende Rolle spielt“, so Univ.-Prof. Dr. Christian Wöber, Leiter des Spezialbereichs Kopfschmerz an der Wiener Universitätsklinik für Neurologie. Die heute gängigste Theorie geht von einer erhöhten Nervenaktivität im Bereich zwischen Rückenmark und Gehirn, dem sogenannten Hirnstamm, aus. Der dort sitzende „Migränemotor“ ist bei einer genetischen Prädisposition leichter erregbar, löst verstärkt Impulse an benachbarte Nerven aus und gibt den Blutgefäßen den Befehl, sich – wie bei Erregung notwendig – zu erweitern, um mehr Blut durchzupumpen. Der Effekt: ein verstärktes Ausschütten von Botenstoffen wie z. B. Serotonin, Entzündungen an den Gefäßwänden und eine erhöhte Durchlässigkeit der Hirnblutgefäße, wodurch flüssige Blutbestandteile austreten und sich kleine Schwellungen im Gehirn bilden können. Das Resultat: die Migräne. „Die Diagnose erfolgt im ausführlichen Gespräch mit dem Patienten“, so Wöber. „Auf Basis dieser Beschreibung ist uns die Zuordnung des Krankheitsbildes und die Unterscheidung von anderen Kopfschmerzarten möglich. Apparative Untersuchungen können ,lediglich‘ andere Krankheiten ausschließen. Die Migräne selbst ist mit keinem Diagnoseverfahren nachweisbar.“ Zu den eindeutigen Symptomen, die von der International Headache Society in einem Kriterienkatalog festgelegt wurden, zählen u. a. Kopfschmerzattacken, die (unbehandelt oder erfolglos behandelt) vier bis 72 Stunden anhalten, einseitig auftreten, pochend oder pulsierend sind und sich bei körperlicher Betätigung verschlimmern. Darüber hinaus treten während des Anfalls Übelkeit/Erbrechen oder Licht-, Berührungs- und Geräuschempfindlichkeit auf. Vorboten sind oft Müdigkeit (häufiges Gähnen), erhöhte Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen oder Heißhungeranfälle. „Etwa 10 bis 15 Prozent aller Betroffenen leiden unter Migräne mit Aura. Dabei treten Sehstörungen mit Flimmerbildern oder Lichtblitzen, Sprachstörungen oder Ameisenlaufen im Gesicht und Arm auf. Die ,Aura‘ hält  15 bis 30 Minuten an, klingt dann ab und wird vom Kopfschmerz abgelöst“, beschreibt Wöber. Nach der Migräneattacke bleiben oft für längere Zeit noch dumpfe Schmerzen bestehen; die Betroffenen fühlen sich entkräftet und ermattet.

Die Nadel im Heuhaufen finden.

Welche Auslöser zum Ausbruch dieses „Donnergrollens“ im Kopf führen, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Zu den häufigsten „Triggern“, wie diese Faktoren genannt werden, gehören hormonelle Veränderungen, Stress bzw. das abrupte Abklingen von Stress (Stichwort „Wochenendmigräne“), emotionale Belastungen, Ernährungsgewohnheiten, zu wenig Flüssigkeit, Lärmbelastung, Lichtreize, Zigarettenrauch oder Abweichungen vom normalen Tagesablauf mit zu viel oder zu wenig Schlaf. „Die Menstruations-Migräne gehört zu den häufigsten Formen der Erkrankung und ist auf den natürlichen Abfall des Östrogenspiegels, der vor der Monatsblutung eintritt, zurückzuführen“, geht Wöber auf einen Aspekt ein. Zu weiteren Auslösefaktoren gehören auch die persönlichen Ernährungsgewohnheiten. „Unregelmäßige Essenzeiten, Diäten, aber auch ganz spezielle Nahrungsmittel wie z. B. bestimmte Käsesorten (z. B. Emmentaler oder Parmesan), Eiweiße in Milchprodukten, Nüsse, Gewürzmittel, Konservierungsstoffe oder Süßungsmittel können – meist in Kombination mit anderen Triggern wie z. B. Stress – zu Migräne-Attacken führen“, erklärt Christian Neumeir, Heilpraktiker, Dozent und Buchautor („Migräne. Schmerzattacken vermeiden und behandeln“) aus Bayern. Beobachtet wurde außerdem, dass Koffein oder auch Koffeinentzug bzw. Alkoholkonsum zu den zitierten Beschwerden führen können. Wichtig: Diese Faktoren können, müssen aber nicht jedes Mal einen Migräne-Anfall auslösen. Mithilfe eines Migräne-Tagebuchs, also einer Art Kalender, in der man die Attacken mit ihren Symptomen skizziert, vermutete Trigger notiert, Intensität und Dauer sowie Begleitumstände wie z. B. beruflichen oder privaten Stress festhält, ist es möglich, die Basis für ein Therapiegespräch zu legen, den Auslösern auf die Spur zu kommen und nachfolgende Therapien maßzuschneidern.

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