Gesundes Essen für uns alle!

Den meisten ist Barbara van Melle noch als Moderatorin der ORF-Sendungen „Thema“ und „Schöner Leben“ in Erinnerung. Letztere wurde 2009 eingestellt, seitdem geht die sympathische 53-Jährige beruflich neue Wege. Van Melle ist Chefin der Non-Profit-Organisation „Slow Food Wien“ (www.slowfood-wien.at), die sich als „Verein zur Förderung des Rechtes auf Esskultur, Genuss und der regionalen Vielfalt der Lebensmittel“ versteht. Laut „Slow Food“ sollen Lebensmittel öko-gastronomisch, gut, sauber und fair sein. Österreichische Bio-Qualitätsprodukte anstatt amerikanisches Fast Food oder importierte Erdbeeren aus dem Ausland also. Man könnte auch sagen: „Gutes und gesundes Essen als Menschenrecht“.
Und van Melle hält mit Feuereifer Vorträge über dieses Thema, bietet Koch-Workshops an und verknüpft soziale Projekte mit dem Thema Ernährung. Und sie sucht nebenbei Verbündete in den obersten (wirtschaftlichen und politischen) Reihen.

GESÜNDER LEBEN: Wieso sind Organisationen wie „Slow Food“ so wichtig?
Barbara van Melle: Es braucht die Zivilgesellschaft, die Non-Profit-Organisationen, wenn man in der Gesellschaft etwas bewegen möchte. Wir haben zwar die Politik, aber gerade in der Umsetzung von praktischen Projekten, wenn man zu den Wurzeln des Problems vorstoßen will, wird hier oft zu lasch gehandelt. Wenn zum Beispiel Kinder in der Schule nicht für den richtigen Geschmack anhand von Projekten sensibilisiert werden, helfen auch alle wunderbar ausformulierten Rahmen-Gesundheitsziele nichts.

GL: Eines der großen Anliegen von „Slow Food“ sind Bioprodukte …
Van Melle: „Slow Food“ als auch ich selbst sind überzeugt, dass die Zukunft der weltweiten Landwirtschaft in der biologischen Landwirtschaft liegt. Wichtig ist, ganzheitlich zu denken und über den Tellerrand zu schauen. Es geht um die Erhaltung eines gesunden Grundwassers und um den Schutz unseres Bodens. Kurz: Ausschlaggebend ist, verantwortungsbewusst und ökologisch mit den Ressourcen hauszuhalten. Weiters wollen wir den Menschen die Ernährungs-Souveränität zurückgeben. Wir wollen ihnen das zurückgeben, was sie schon immer hatten. Im Zuge der Industrialisierung ist dieses Denken verloren gegangen.

GL: Sind Sie gegen Industrialisierung und Globalisierung?
Van Melle: Nein, das wäre zu banal gedacht. Wir leben in einer globalisierten Welt, und es wäre ein Fehler zu sagen, alles daran ist schlecht. Wenn es aber um Landwirtschaft geht, ist viel Negatives passiert. Zum Beispiel ist der Verlust der Sortenvielfalt ein Problem der Industrialisierung: In den letzten 100 Jahren haben wir 75 Prozent des Saatguts auf den europäischen Äckern verloren, in den USA sind es sogar 95 Prozent. Wenn wir Saatgut verlieren, verlieren wir Biodiversität. Damit wiederum verlieren wir die Vielfalt des Geschmacks. Mittlerweile gibt es aber viele Bewegungen, die auf dieses Problem aufmerksam machen, weshalb „Slow Food“ auch mit anderen Organisationen, wie der „Arche Noah“, zusammenarbeitet. Und wir haben tatsächlich bereits einen Wandel im gesellschaftlichen Denken erreicht: Viele Supermärkte bieten mittlerweile qualitätsreiche Bioprodukte an. Paradeiser sind heute geschmackvoller als noch vor ein paar Jahren.

GL: Es wird diskutiert, ob es bei Bioprodukten in Wirklichkeit nur um Geldab-zocke geht…
Van Melle: Dort, wo Produkte entfremdet werden, sprich: wo nicht mehr nachvollziehbar ist, woher sie kommen, entsteht ein Vertrauensverlust. Das ist bei Bio genauso passiert wie bei herkömmlichen Produkten. Bio-Äpfel aus Argentinien? Da bin ich auch skeptisch. Auf der anderen Seite gibt es aber auch großartige konventionell wirtschaftende Bauern. Mir ist es wichtig, nicht schwarz-weiß zu denken. Zum Beispiel ist Massentierhaltung sowohl im konventionellen als auch im Bio-Bereich sehr kritisch zu betrachten. Wobei man an dieser Stelle wiederum unseren Fleischkonsum überdenken müsste. Es hängt letztendlich alles miteinander zusammen.

GL: Das Wissen um Ernährung hat stark abgenommen. Wie bringt man dieses Wissen wieder unter die Leute?
Van Melle: Einerseits boomen Kochbücher und Kochsendungen, andererseits wird aber zu Hause nicht mehr gekocht. Die Basis des alltäglichen Kochens, das Ritual des gemeinsamen Essens ist verloren gegangen. Kochsendungen sind anscheinend eine Ersatzhandlung dafür. Es gibt aber auch eine Entwicklung, die ich „Event-Kochen“ nenne: Es ist trendig geworden, wenn junge Leute einander einladen und sich dann gegenseitig bekochen. Wie man das Ernährungsverhalten ändern kann? Indem man die Menschen, vor allem die Kinder, so früh als möglich mit Projekten, die im Alltag verhaftet sind, erreicht. Sobald man sich damit auseinandersetzt, woher Lebensmittel kommen, schätzt man sie auch mehr. Denn mal ehrlich: Wann haben Sie das letzte Mal einen Apfel vom Apfelbaum gepflückt?

GL: Wann haben denn Sie das letzte Mal einen Apfel gepflückt?
Van Melle: Ich habe einen Garten, kann mich also glücklich schätzen. Ich bin ein Mensch, der beispielsweise Fallobst liebend gern beim Backen weiterverarbeitet.

GL: Sie haben vier Kinder. Wird bei Ihnen zu Hause Essen zelebriert?
Van Melle: (lacht) Ja, absolut! Ich koche so gut wie jeden Tag und einmal täglich wird gemeinsam gegessen. Ich arbeite selbst sehr viel und bin überzeugt, dass man auch neben dem Beruf Zeit fürs Kochen findet. Ich rede nicht von 3-Gänge-Menüs, sondern von einfachen Dingen, die in einer halben Stunde gekocht sind. Ich backe auch mehrmals in der Woche einen Kuchen.

GL: Was sind Ihre Spezialitäten?
Van Melle: Ich mache gerne Pasta selbst. Und ich liebe asiatische Küche. Man macht mir aber keine größere Freude, als mich täglich einen Kuchen backen zu lassen.

GL: Woher kommt Ihre Leidenschaft für das Thema Ernährung?
Van Melle: Ich bin mit gutem Essen und mit Tischkultur aufgewachsen. Ich bin überzeugt, dass man solche Leidenschaften weitergibt. Ich sehe das bei meinen eigenen Kindern: Meine Jüngste ist zehn und fängt jetzt auch an, sich fürs Kochen zu interessieren.

GL: Was bedeutet für Sie Glück?
Van Melle: Sich bewusst zu machen, was man an Glück hat, anstatt sich stets zu fragen, was man noch alles haben könnte. Zum Beispiel gibt es kein größeres Glück, als gesund zu sein – und genau dessen muss man sich auch bewusst sein.

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