Gesucht: Führungskraft mit Fingerspitzengefühl

„Du verstehst mich nicht! Du gönnst mir meine Zukunft nicht! Weil du selber keine mehr hast!“ Anna, 13, knallt die Tür hinter sich zu und lässt ihre Mutter sprachlos und verletzt zurück. „Ich hasse dich, ich ziehe zum Papa!“ Markus, 15, schleudert seiner Mutter den Wohnungsschlüssel vor die Füße, schnappt seine Tasche und läuft auf die Straße. Zwei Szenen, die typisch sind für die radikalen Ablösungsversuche Pubertierender. Haben die Eltern etwas falsch gemacht? Und wie sollen sie reagieren?

Jahrelang haben Sie die Freuden und Nöte Ihres Kindes geteilt. Eigentlich sollten Sie es am allerbesten kennen. Und jetzt verstehen Sie plötzlich gar nichts mehr, denn Ihr Kind handelt völlig anders als gewohnt.

Sie beobachten einen ganz normalen Entwicklungsschritt. Ohne Veränderung gibt es kein Weiterkommen. Ihr Kind muss in dieser Lebensphase „anders“ werden. Es hält seinen inneren Entwicklungsplan ein. Eigentlich ist das der beste Beweis dafür, wie stabil die Beziehung zu Ihrem Kind ist. Es klingt paradox, aber: Die Eltern hinterfragen und beleidigen, das ist das Verhalten von Jugendlichen, die bisher genug Geborgenheit erfahren haben. Nur eine sichere Bindung lässt Spielraum zu und hält Spannung aus.

Gegen besonders kränkendes Verhalten setzen Sie sich mit klaren Worten zur Wehr: „So reden wir nicht miteinander.“ Doch soweit es Ihnen gelingt, nehmen Sie Angriffe nicht persönlich. Ihr Kind meint meist nicht wörtlich, was es sagt. Anna etwa will nur ausdrücken, dass sie ihre Erfahrungen selbst machen muss, während ihre Mutter ihr da viel voraushat. Auch Markus provoziert mit starken Worten und zielt auf den wunden Punkt seiner Mutter, die ihn alleine erzieht.

Obwohl Pubertierende manchmal brutal austeilen, sind sie selbst sehr unsicher und verletzlich. Sie mögen noch so sehr ihre Unabhängigkeit betonen, Zuwendung und Verlässlichkeit der Eltern sind ihnen nach wie vor wichtig.

Für Valeries Vater bricht am zweiten Schultag eine kleine Welt zusammen: Die 12jährige weist ihn an, sie nicht mehr direkt vor der Schule abzusetzen, sondern einen Block weit entfernt. Und: „Jausenbrote brauchst du mir auch keine mehr zu machen. Gib mir lieber Geld fürs Schulbuffet.“ Jetzt bin ich ihr also peinlich, geht ihm durch den Kopf, und beinahe antwortet er beleidigt, dass sie ja ganz allein in die Schule fahren kann. Doch er hält sich zurück: „Okay, ich setze dich dort bei der Ampel ab, da kann ich gleich links abbiegen und bin schneller im Büro. Das Jausenthema besprechen wir noch.“

Die Abgrenzungsversuche Ihres Sohnes oder Ihrer Tochter dürfen nicht dazu führen, dass Sie sich aus der Erziehung zurückziehen! Damit würden Sie die Beziehung abbrechen und Ihr Kind in seiner Unsicherheit allein lassen. Es würde dann auf verschiedene Weise versuchen, Ihre Hilfe und Zuwendung wieder zu bekommen – im Extremfall durch zerstörerische Handlungen.

Ihre Aufgabe ist es vielmehr, die Beziehung gerade in stürmischen Zeiten aufrecht zu halten. Es ist ein Balanceakt: Sie müssen Kränkungen aushalten und zugleich Ihre Grenzen verteidigen. Sie sollen stets in Rufweite bleiben und gleichzeitig Ihr Kind nicht mit zuviel Fürsorge entmündigen.

Vielleicht beruhigt es Sie, dass Sie dabei Fehler machen dürfen. Jugendlichen ist es viel lieber, wenn sie Eltern haben, die so sind wie
sie sind, als wenn diese „einen auf psychologischer Oberguru machen“, wie es der frischgebackene Lehrling Fritz ausdrückt. „Meine Mutter hat auf alles eine Antwort gewusst, weil sie ständig diese Erziehungsbücher gelesen hat. Ich habe mein Möglichstes getan, nur damit sie einmal falsch reagiert und sich ärgert …“

Ihre elterliche Verantwortung verändert sich im selben Tempo wie Ihre Tochter, Ihr Sohn erwachsen wird. Sie werden zunehmend als gleichberechtigtes Gegenüber gebraucht, von dem man „für voll“ genommen wird, an dem man sich reiben, mit dem man Konflikte durchstehen kann.

Die Eltern der 13jährigen Judith sind sehr modebewusst – und nun läuft ihre Tochter bei jeder Gelegenheit und jedem Wetter in dicken Strumpfhosen und ausgeleierten Pullis herum. Zum Glück erkennen die Eltern das Verhalten als bewusste Abgrenzung von ihrem eigenen Lebensstil und nörgeln nicht an Judith herum oder stellen sie vor Dritten bloß. „Mir gefällt’s nicht, aber ich mag dich, egal, was du trägst“, kommt immer wieder die Bestätigung von Mutter und Vater.

Jugendliche nehmen Kritik an, wenn ihre persönliche Würde gewahrt bleibt. Ein „Ich schätze dich – aber was du getan hast, war nicht in Ordnung“ trennt zwischen Person und Handlung und beweist Respekt. Es eröffnet außerdem die Möglichkeit, etwas wieder gut zu machen, und es beim nächsten Mal besser zu machen. Das zeigt eine positive Einstellung zur Zukunft. Diese Perspektive ist ungemein wertvoll für Jugendliche. Denn die Pubertät ist auch eine Suche nach einem tragfähigen Selbstbild und nach Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“. Wenn von Eltern zuversichtliche Rückmeldungen kommen, entwickeln Jugendliche Vertrauen, sich in der Welt bewähren und sie mitgestalten zu können.

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