„Geschiedene“ Kinder

Nichts geht mehr, heißt es für rund die Hälfte aller Ehepaare in Österreich, die vor dem Scheidungsrichter landen. In dieser tendenziell steigenden Zahl sind alle Paare ohne Trauschein, die sich ebenfalls für getrennte Wege entscheiden, noch gar nicht berücksichtigt.

Glücklich ist, wer neue Wege gehen kann – doch da war doch noch was: Ja, allein in Wien werden jedes Jahr über 3.000 Kinder zu Scheidungskindern! „Sie sind oft die größten Verlierer bei Trennungen. Vor allem vor der Scheidung, wenn zwischen Verhandlungsterminen viel Zeit vergeht und zu Hause eine konfliktgeladene Atmosphäre herrscht, leiden Kinder ganz besonders“, sagt Mag. Veronika Richter. Die Mediatorin ist Eltern- und Kinder-Coach, befasst sich seit Jahren mit der Problematik und soeben ist ihr neues Buch, der Ratgeber „Rückenwind für Scheidungskinder“ erschienen.

Weinende Dritte
„Kinder leben mitten im Hochspannungsfeld der Eltern und wissen oft nicht genau, worum es eigentlich geht“, sagt Richter. „Zwischen Mutter und Vater hin- und her gerissen, fühlen sie sich mit ihren Problemen alleine gelassen und sind zutiefst verunsichert. Sie sehnen sich danach, dass sich die Wogen glätten, sich die Eltern wieder vertragen und wieder Ruhe in den Familienalltag einkehrt.“

Mediatorin Richter weiß, wovon sie spricht. Begleitet sie doch u.a. beim Verein „Rainbows“, beim Wiener Familienbund und im Team „Kooperative Rechtspraxis“ seit 15 Jahren Kinder und Eltern in Trennungssituationen und neuen Familienkonstellationen. Für Kinder sind diese Veränderungen oft sehr schwierig und emotional belastend und viele Eltern machen es ihrem Nachwuchs auch nicht gerade leichter: Zorn und Verbitterung stehen für sie im Vordergrund. Was den Expartner anbelangt, gehen die Emotionen hoch, die Kinder bleiben dabei oft auf der Strecke, werden als Druckmittel oder Partnerersatz missbraucht.

Sicherheit vermitteln
Was es braucht, sind Geduld, Rücksichtnahme, Aufarbeitung der eigenen Gefühle und Vertrauen – das empfiehlt die Expertin Eltern an erster Stelle, denn: „So gut oder so schlecht Sie die Trennung vollziehen, so gut oder so schlecht wird es auch Ihren Kindern damit gehen.“

Das gilt auch für die erste Zeit, in der man den Kids auch sagen muss, was Sache ist. „Die eigenen Befindlichkeiten sollte man dabei tunlichst hintanstellen. Vielmehr sollte man Kindern das Gefühl geben, dass sowohl Mama als auch Papa nach wie vor für sie da sind und dass sie auch beide lieb haben dürfen.“ Außerdem brauchen sie Gewissheit darüber, wie ihr Leben in Zukunft aussehen wird. Richter: „Entlasten Sie Ihr Kind. Erklären Sie ihm, dass nicht es, sondern die Großen selbst die Verantwortung für das Scheitern tragen. Gehen Sie geduldig auf Fragen ein, antworten Sie ehrlich und trennen Sie genau, was auf die Ex-Paar-Ebene und was auf die Eltern-Kind-Ebene gehört.“

Die Mediatorin rät auch dringend dazu, ehestmöglich einen Zeitplan zu erstellen und festzulegen, wann, wer Zeit für das Kind hat. „Kinder sollten diesbezüglich Wünsche äußern dürfen und man sollte sie unbedingt ernst nehmen, auch wenn sie im Moment nicht erfüllbar sind. Die endgültige Entscheidung über die Zeitaufteilung liegt aber bei den Eltern.“

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