Gemeinsam statt allein: Was Selbsthilfe wirklich ist

Hand aufs Herz: Wie selbstständig leben Sie? Wahrscheinlich stecken Sie die schmutzige Wäsche in die Waschmaschine, die gebrauchten Teller in den Geschirrspüler und frische Lebensmittel in den Einkaufskorb. Sie tanken auch Ihr Auto selbst und vielleicht schaufeln Sie sogar den Schnee vom Gehsteig. Sie brauchen keine Hilfe, um sich selbst bei den Aufgaben im Alltag zu helfen. Doch der Schein trügt. „In der modernen Welt wird erwartet, dass man alles in Eigenverantwortung löst“, erklärt ao. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Forster vom Institut für Soziologie an der Universität Wien. Sein Schweizer Branchenkollege, Prof. Dr. Heinzpeter Znoj vom Institut für Sozialanthropologie an der Universität Bern, stößt in dasselbe Horn: „Die gesamte Umwelt hat sich gewandelt und scheint uns heute die Plattform für ein vollkommen eigenständiges Leben zu bieten.“ Längere Öffnungszeiten der Supermärkte, Waschmaschinen und Geschirrspüler in jedem Haushalt, Autos in den Garagen sowie U-Bahn-Stationen um die Ecke – all das macht selbstständig. Dadurch steigen auch die Erwartungen, das Leben ohne Unterstützung anderer zu meistern. Doch die Experten bringen es auf den Punkt: Selbsthilfe geht immer Hand in Hand mit gegenseitiger Unterstützung der Menschen.

„Mit der verbesserten Medizin steigt auch der Bedarf an psychosozialer Betreuung. Deshalb boomen die Selbsthilfegruppen auch so.“
Dipl.-Psychologe Jürgen Matzat

Die Illusion der „Ich-AG“. Es beginnt bei ganz simplen Situationen, wie etwa: Man ist hungrig, also macht man sich etwas zu essen. Doch dafür muss man in den Supermarkt, und zwar dann, wenn er geöffnet ist. Vor Ort gibt es Angestellte, die einem etwa die 20 Dekagramm Extrawurst herunterschneiden und einpacken, damit man sie dann an der Kassa bezahlen kann. Jede Form von Selbsthilfe ist also an eine ganze Reihe von sozialen Strukturen gebunden. Solche Prozesse sind auf nahezu alle Situationen umlegbar und haben eines gemein: Es sind immer andere eingebunden. „Der Mensch ist dem Menschen ein Helfer, bewusst oder unbewusst“, sagt Dipl.-Psych. Jürgen Matzat, Leiter der Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. „Alles andere wäre banal, sonst gäbe es keine Menschen mehr.“

Der Wandel sozialer Netze. Umso kurioser ist es, dass sich laut Fachleuten der menschliche Kontakt über die Zeit hinweg verringert hat. Regelmäßige Aufeinandertreffen in Waschküchen oder Gemeinschaftsgärten zum Aufhängen der Wäsche gaben der Nachbarschaft ein Gemeinschaftsgefühl und machten sie dadurch zu einer eigenen Art von „Selbsthilfegruppe“ . Das ist zur Rarität geworden. „Den Preis für die Unabhängigkeit durch die moderne Technik bezahlen wir mit Anonymität“, betont Znoj. Denn seien Sie ehrlich: Wie gehemmt wären Sie, wenn Sie jetzt sofort beim Nachbarn klingeln und um Milch bitten müssten?

„In der modernen Welt wird erwartet, dass man alles selbst lösen kann. Doch das ist eine Utopie.“
Dr. Rudolf Forster, Soziologe

Familienstrukturen verlagern sich. Doch die Technik ist nicht die einzige Ursache für den Wandel der Gesellschaft –und damit der gesamten Selbsthilfe. Früher waren Großfamilien gang und gäbe – u. a., um die Existenz zu sichern. Denn je größer die Familie, desto mehr Personen, die zum Haushaltsbudget beitragen. Heute gebärt eine Österreicherin im Schnitt nur noch 1,4 Kinder. „Dadurch kommt es zu einer Verlagerung der sozialen Kontakte“, so Forster. So hat man zwar heute weniger Geschwister, dafür steigt die Lebenserwartung der Eltern und Großeltern – mit ihnen ist man also länger verbunden, als frühere Generationen es waren.

Höhere Erwartungen.In Kleinfamilien sind die Verbindungen zu den einzelnen Familienmitgliedern umso stärker. „Das kann jedoch auch zu großen Problemen führen“, weiß Znoj. „Etwa, wenn es um die Gesundheit geht.“ Die Technik führte nämlich zu einem verbesserten medizinischen System. „So ist es möglich, anderen durch Organspenden das Leben zu retten. Durch diese neue Möglichkeit der Selbsthilfe werden die wenigen, aber dafür intensiven Kontakte in Familien belastet.“ Matzat bringt noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: „Eine paradoxe Auswirkung von guter gesundheitlicher Versorgung ist die Zunahme chronisch kranker und behinderter Menschen – weil diese mit ,bedingter Gesundheit‘ nun länger am Leben gehalten werden können.“ So steigt der Bedarf an psychosozialer Betreuung – ein Mitgrund, warum die Zahl von Selbsthilfegruppen kontinuierlich zunimmt. Ihren Ursprung haben diese in der Bewegung der „Anonymen Alkoholiker“ in den USA. Unmittelbare Vorläufer in Europa waren etwa die Kriegsopferverbände. Diese wurden nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. Die Versorgungsengpässe in den 50ern und 60ern trieben die Entwicklung der Selbsthilfegruppen weiter voran. Heute spielen sie auch in der Medizin eine wichtige Rolle.

Virtuelle Selbsthilfe. Um sich selbst zu helfen, braucht man also andere. Immer und überall. Das Internet ist ein Tool, das dies zunehmend vereinfacht. „Es gibt mittlerweile sogar immer mehr virtuelle Selbsthilfegruppen“, erklärt Forster. „Vor allem für jene, die mobil eingeschränkt sind, ist das eine große Erleichterung.“ Aber, so ergänzt der Experte, ein persönliches Zusammentreffen sei doch immer noch am wirkungsvollsten – egal ob im Rahmen einer Selbsthilfegruppe oder für die Selbsthilfe im Alltag. „Einen Computer kann man eben nicht umarmen“, sagt Matzat. Und die Milch, die gerade ausgegangen ist, kommt auch nicht durch die Breitbandleitung.

Sind diese globalen Vernetzungen also Fluch oder Segen? Das wagt man nicht einzuschätzen, da sind sich alle drei Experten einig. „Wichtig ist, soziale Netze und persönliche Kontakte zu pflegen“, sagt Znoj. Facebook, Twitter und Co können eine wertvolle Ergänzung sein. Doch es sollte auch ohne sie gehen. Also: Bringen Sie der Nachbarin oder dem Nachbarn einfach mal ein paar Kekse vorbei. Dann haben Sie nächstes Mal weniger Hemmungen, wegen der Milch an der Tür zu läuten. Und seien Sie gewiss: Sie werden sich gut fühlen. Das ist doch auch eine Art von Selbsthilfe.

INTERVIEW mit Prof. Dr. Heinzpeter Znoj, Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern

Was ist Selbsthilfe?
Sie beginnt bei der Einzelperson, etwa wenn man sich in den Finger schneidet und ein Pflaster darüberklebt, und führt über gegenseitige Hilfe im Freundeskreis bis hin zur Selbsthilfegruppe. Immer gilt: Man kann sich nie völlig alleine helfen.

Welche Entwicklungen gibt es?

Früher war es normal, einander zu helfen. Heute lebt man isolierter. Hinzu kommt: Die Familien werden kleiner. Außerdem ist man in der Wohlstandsgesellschaft nicht mehr auf sie angewiesen.

Was kann man dagegen tun?
Gegensteuern, indem man soziale Kontakte pflegt, nicht nur über E-Mail, Handy oder Facebook, sondern persönlich.

Autor: Marlene Auer

Vorheriger ArtikelFrage des Monats
Nächster ArtikelBesser atmen im Winter

Interessantes

- Advertisement -Jentschura

Empfehlungen