„Frauen ticken einfach anders!“

Die Frauenmedizin als Teil der geschlechtsspezifischen Medizin ist ein Versuch, verstärkt auf die Bedürfnisse von Frauen einzugehen. Wir sprachen mit Frauen- und Gendermedizinexpertin Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer von der Medizinischen Universität Wien, die erst Anfang des Jahres zur „Wissenschafterin des Jahres 2016“ gewählt wurde, über die größten Fortschritte, die dieser junge medizinische Forschungszweig in den letzten 25 Jahren für sich verbuchen konnte. Plus: Wo besteht noch Forschungsbedarf? Und: Wie wird die Zukunft aussehen?

GESÜNDER LEBEN: „Frauenmedizin“ – was heißt denn das eigentlich genau?
Alexandra Kautzky-Willer: Frauenmedizin ist immer aus Sicht der sogenannten Gendermedizin zu betrachten. Das bedeutet, dass hier – basierend auf dem biopsychosozialen Konzept – die Gesundheit der Frau in all ihren Lebensphasen im Fokus steht. Es geht also sowohl um die Erkennung und den Umgang mit Krankheiten und Beschwerden, die Frauen quasi vom Mutterleib bis zum Tod begleiten können, als auch um entsprechende Präventionsmaßnahmen. Denn: Frauen sind definitiv anders. Und das hat Folgen.

GL: Welche?
Da Frauen – genetisch und hormonell bedingt – anders ticken, gibt es auch sehr viele Unterschiede in der Häufigkeit und Ausprägung von Krankheiten – vor allem zwischen Pubertät und Menopause. Erst mit dem Einsetzen der Menopause und dem gleichzeitigen Östrogen-Abfall haben Frauen zunehmend mit „typisch männlichen“ Krankheiten, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Beschwerden, zu tun. Im hohen Alter gleichen sich Frauen und Männer biologisch (wieder) an. Frauen leben aber durchschnittlich länger als Männer.

GL: Seit wann schenkt man der Gendermedizin erhöhte Aufmerksamkeit?
Bereits in den 1990er-Jahren gab es zur geschlechtsspezifischen Medizin sehr prominente Artikel – vor allem aus dem Bereich der Kardiologie. Oft aufgegriffen wurde das Thema Herzinfarkt: Man konnte zum Beispiel nachweisen, dass hier die Sterblichkeitsrate unter Frauen wesentlich höher als bei Männern ist. Und wissen Sie warum? Weil die Diagnose – übrigens nach wie vor weniger oft gestellt –, Herzinfarkt bei Frauen, weniger oft erkannt wird und die Behandlung weniger Evidenz-basiert ist. Diese neuen Forschungsergebnisse haben letztlich dazu geführt, dass weltweit – aber vor allem in den USA – zahlreiche Frauengesundheitszentren entstanden sind. In Europa wurde die Gendermedizin erst um die Jahrtausend-wende populär. Mittlerweile gibt es an den meisten Universitäten eine Arbeitsgruppe oder eine Stabsstelle, die sich mit geschlechtsspezifischer Medizin beschäftigt.

GL: Wo gab es in den letzten 25 Jahren die größten Fortschritte?
Es geht zum Glück nicht mehr um „Bikini-Medizin“. Wir haben uns weg von der reinen gynäkologischen Betrachtungsweise und hin zu einem ganzheitlichen Ansatz, als Teil der Gendermedizin, bewegt. Vor allem bei den kardiovaskulären Erkrankungen wie Herzinfarkt, Herzrhythmusstörungen oder Schlaganfall hat man große Unterschiede hinsichtlich Risikofaktoren, Diagnostik, Symptomatik, Therapieformen und medikamentösen Nebenwirkungen zwischen den Geschlechtern entdeckt.

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