Essen als Medizin

Regional, saisonal, Slow Food, zurück zu den Wurzeln und zum Einfachen: All diese aktuellen Ernährungstrends sind im Grunde gar nicht so neu, denn schon die berühmte Äbtissin und Klostermedizinerin Hildegard von Bingen gab genau diese Empfehlungen bereits in ihrer Heilkunde weiter. „Da werden Kultur, Tradition und Religion miteinander verbunden“, bekräftigt Jutta Martin, Von-Bingen-Expertin und Autorin des Buches „Hildegard von Bingen Heilküche“. „Genau das ist es doch, was viele Menschen in unserer schnelllebigen Zeit wieder suchen: eine alltägliche Möglichkeit, Genuss und Gesundheit miteinander zu verbinden.“ Folgerichtig beschreibt Martin die Küche à la von Bingen als „zeitlos gültig“ und als so aktuell wie nie zuvor: „Die Küche als Zentrum der Kommunikation rückt allein schon durch die vielen Kochsendungen immer mehr in den Fokus der Menschen. Es wird aber zwischenzeitlich auch viel mehr hinterfragt, wo unser Essen herkommt und warum so viele Menschen durch schlechtes und falsches Essen krank werden. Viele Kräuterpädagogen zeigen den Menschen in Workshops, wie wichtig Kräuter in unserer Küche sind. Auch ist zu beobachten, dass viele Menschen in die Eigenverantwortung gehen und die Gesundheit in die eigenen Hände nehmen, denn zu fast 80 Prozent kann ich über die Wahl meiner Lebensmittel meine Gesundheit steuern.“ Kurz: „Das Bodenständige ist auf dem Vormarsch.“ Obwohl die Heilkunde von Hildegard von Bingen bereits 850 Jahre alt ist, hat die Universalgelehrte Weitblick bewiesen, was gesunde Ernährung betrifft: Nicht nur, dass sie 82 Jahre alt wurde (für damalige Verhältnisse ein biblisches Alter!), auch neue Forschungsergebnisse bestätigen, was von Bingen damals schon wusste: Eine ausgewogene Ernährung auf Basis von Dinkel, Gemüse und Obst kann die Entstehung von Krebs um fast 50 Prozent verringern. Martin: „Dies trifft auch auf die verschiedensten Erkrankungen unserer Zeit zu, die ihre Ursache in einer Fehlernährung haben.“

Alles ist eins
Ziel der Ernährungsehre à la Hildegard von Bingen war es, das Himmlische mit dem Irdischen zu verbinden. Von Bingen verstand „den Menschen als Mikrokosmos im Makrokosmos“, erklärt Martin, alles ist also miteinander verbunden: Mit jedem Bissen Brot und jedem Atemzug kommunizieren wir mit dem Universum. Laut Hildegard von Bingen besteht jeder Mensch aus den vier Elementen Feuer, Luft, Wasser und Erde. Geraten die Elemente in Ungleichgewicht, entstehen Krankheiten. Da es sich um Elemente aus der Natur handelt, kann auch nur die Natur heilen. Analog dazu spricht von Bingen von den vier Säften im menschlichen Körper: Blut, Galle, Schwarzgalle und Schleim, die sie wiederum in vier Temperamenten unterschied: Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker. Geraten diese vier Körpersäfte durcheinander, entstehen schlechte Säfte und somit erneut Krankheiten, erklärt Martin.

Wie Salben oder Pflaster
Von Bingen war eine der ersten Gelehrten, die den Zusammenhang zwischen körperlicher und seelischer Gesundheit erkannte. Wie schon der Philosoph Hippokrates lange vor ihr verstand auch von Bingen Essen nicht nur als reinen Treibstoff für den Menschen, sondern auch und vor allem als Medizin: Von Bingen erkannte die positiven Eigenschaften der Lebensmittel in ihrer Gesamtheit, fernab jeglichen Kalorienzählens. „Hildegard konnte in den Menschen reinschauen wie mit Röntgenaugen und so auch sehen, wie die einzelnen Nahrungsmittel wirken“, erklärt Martin. „Diese Subtilität, diese Feinstofflichkeit der Nahrung in Bezug auf den Menschen ist das Hauptkriterium der Hildegard-Medizin-Küche. Da geht es nicht um Geschmack, Vitamine, Vitalstoffe oder Kohlenhydrate, sondern tatsächlich um den Heilwert auf den Menschen. Wenn ich also weiß, welche Lebensmittel wie eine Medizin wirken und welche meinen Organismus schädigen, dann habe ich die beste Ausgangsbasis für eine wohlschmeckende Medizinküche, die meinem Körper guttut und auch wirksam gegen Beschwerden und Krankheiten eingesetzt werden kann.“ Da in der Hildegard-Heilkunde nach dem Ursachenprinzip behandelt wird, so die Expertin weiter, „ist der Erfolg durch die Esstherapie entsprechend groß, wenn ich die Wirkung der Lebensmittel auf den Menschen kenne“. So wirken einzelne Nahrungsmittel „angenehm wie Salben oder Pflaster“ auf das Innere unseres Körpers – und das, während wir sie mit Genuss verspeisen! Kritisch fügt Martin hinzu: „Eine Vollwertküche oder Gemüse in Bioqualität ist noch lange keine Gesundheitsküche.“

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