Es ist noch nicht aller Tage Abend

“Nach der Scheidung habe ich mich ausschließlich auf die Kinder konzentriert, habe nur für sie gearbeitet, habe mich abgemüht und die ganze Zeit versucht, die Kinder die Abwesenheit des Vaters nicht spüren zu lassen.“ (Tugba, 30)

„Wenn meine Tochter frech oder schlechter Laune ist, möchte ich nicht schimpfen, weil ich immer daran denke, dass ich sie durch die Scheidung vom Vater getrennt habe.“ (Pelin, 25)

„Die Einsamkeit ist manchmal nicht auszuhalten. Auch unter meinen alten Freundinnen fühle ich mich nach der Trennung unverstanden und allein.“ (Lina, 39)

„In den Augen der Menschen lese ich immer wieder Fragen wie: Wird sie das alleine mit den Kindern schaffen? Wird sie es alleine aushalten? Wird sie sich einen neuen Mann anlachen? Offen gesagt habe ich genug von Schuldgefühlen und von der Angst zu versagen. Ich habe genug von den kontrollierenden Blicken der anderen. Manchmal will es einfach aus mir heraus und ich schreie. Dann sehe ich aber die Angst in den Augen der Kinder und bereue es.“ (Derya, 33)

All das sind Zitate alleinerziehender Mütter. Ihre Zahl nimmt zu. Auch alleinerziehende Väter gibt es immer mehr, doch es scheint, dass die Gesellschaft von Müttern noch mehr Aufopferung für die Kinder erwartet. Alleine Kinder aufzuziehen ist kein neues Phänomen, aber die Gründe sind heute andere als früher: Scheidung und Trennung statt Tod des Partners.

Das größte Problem für alleinerziehende Eltern sind Vorurteile und kritische Bemerkungen. Hat zum Beispiel ein Kind in der Schule Probleme, so wird der Grund sofort darin gesehen, dass es ein Scheidungskind ist. Deshalb: Wenn einmal nicht alles läuft wie geschmiert, führen Sie das nicht gleich auf die Familienform zurück! Auch so genannte „intakte“ Familien kennen Schlafmangel, Schulprobleme, Pubertätsstreitereien, kleinere und größere Krisen.

Entscheidend für sein Wohlbefinden und seine Entwicklung ist die Qualität der Beziehungen zu den Personen seiner Umgebung. Gut genug sind Sie, wenn Sie Ihrem Kind Zuwendung, Anerkennung, Geborgenheit und Ansprache geben. Diese Dinge lassen sich nicht in Zeit oder Mühe messen. Der Maßstab ist Ihr Gefühl als der Mensch, der dem Kind am nächsten steht: Wenn Ihr Sohn, Ihre Tochter im Großen und Ganzen ausgeglichen und zufrieden wirkt, sind Sie zweifellos „gut genug“. Verabschieden Sie sich von Schuldgefühlen wegen Dingen, die Sie ihm/ihr vielleicht nicht bieten können. Sie brauchen auch den anderen Elternteil nicht zu ersetzen. Ihr Kind sucht sich männliche und weibliche Vorbilder in der Familie und in der Umgebung. Was es von Ihnen braucht, sind Geborgenheit, Anerkennung, Ruhe und Abwechslung, Platz für Kreativität und Genuss. All das können Sie ihm selbstverständlich auch als Alleinerziehende(r) bieten.

Bemerkungen wie „Für mich gibt es nur mehr dich in meinem Leben“ oder „Ich will nur mehr, dass du glücklich wirst“, üben hingegen großen Druck auf die Kinder aus und können die Entwicklung einer unabhängigen Persönlichkeit behindern. Später, bei der notwendigen Loslösung in der Pubertät, leidet dann auch der/die Alleinerziehende. Daher gilt: Nur wer selbst glücklich ist, kann auch andere glücklich machen. Auch wenn eine Ehe glücklos endet, bedeutet das kein Ende. Eine Mutter oder ein Vater, der/die mit Mut und neuer Hoffnung einen Neubeginn wagt, gibt auch den Kindern Mut und Hoffnung.

Tipps für Alleinerziehende

  • Ihre Familie braucht Zeit, sich neu zu organisieren.
  • Versuchen Sie, auch die positiven Seiten des neuen Lebens zu sehen.
  • Ermutigen Sie Ihre Kinder beim Aufrechterhalten der Beziehung zum abwesenden Elternteil.
  • Zeigen Sie den Kindern, dass beide Elternteile in Fragen der Erziehung und der Betreuung um eine gute Zusammenarbeit bemüht sind.
  • Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit den Kindern hilft beim Zurechtfinden in der neuen Familiensituation.
  • Machen Sie sich bewusst, dass Sie nicht alleine sind und suchen Sie Kontakt zu anderen alleinerziehenden Eltern.
  • Beziehen Sie Probleme nicht gleich auf Ihre Familienform, sondern suchen Sie nach den Ursachen und bemühen Sie sich um eine Lösung.
  • Sie sollen und können den anderen Elternteil nicht ersetzen.
  • Trauen Sie Ihrem Kind zu, dass es in dieser Familienform glücklich leben kann.
  • Machen Sie sich bewusst, dass Ihr Kind einmal erwachsen sein und ausziehen wird und pflegen Sie auch eigene Interessen, Hobbys und Kontakte.
  • Pflegen Sie Kontakt zu Freunden und Verwandten, bei denen Sie sich wohl fühlen.
  • Erkundigen Sie sich nach Angeboten speziell für Alleinerziehende.
  • Machen Sie eine Liste mit hilfreichen Menschen, auf die Sie zurückgreifen können, wenn es eng wird.

Kinderbücher

  • Für Kleinkinder
    Brigitte Weninger: Auf Wiedersehen, Papa, Minedition
  • Für Kindergartenkinder
    Claire Masurel, Kady MacDonald Denton: Ich hab euch beide lieb!, Brunnen-Verlag
  • Für Volksschulkinder
    Martina Baumbach: Und Papa seh ich am Wochenende, Thienemann Verlag
  • Für Ältere
    Peter Härtling: Lena auf dem Dach, Beltz Verlag

Autor: Mag.a Katharina Ratheiser

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