Eltern können / müssen / sollen NICHT perfekt sein

Als Vater kommen sie in fröhlicher Stimmung von ihrem sehr gut bezahlten Job nach Hause, machen mit ihrem Kind noch einen Ausflug, spielen danach noch einige Gesellschaftsspiele und diskutieren über die letzte Comicserie.

Als Mutter sind sie nicht berufstätig, widmen ihre Zeit ausschließlich ihrem Sprössling, führen ihn von da nach dort, sind ein aktives Mitglied des Elternvereins der Schule, arrangieren gut durchdachte Nachmittagsjausen für die Freunde ihres Kindes, verwenden nur Lebensmittel aus biologischem Anbau.

Als Eltern leben sie in einer harmonischen Beziehung, sind ständig guter Laune, streiten nicht, opfern sich liebevoll und bedingungslos für ihr Kind auf, erheben niemals ihre Stimme, machen langfristige Förderungs- und Erziehungspläne, lesen gemeinsam die neuesten wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zur Erziehung, die sie problemlos in ihren Alltag integrieren. Alles perfekt!

Bei ihnen ist das ein bisschen anders? Da haben sie aber Glück gehabt oder wollen Sie wirklich in einer so perfekten Welt leben?
Natürlich wollen alle Eltern das Beste für ihre Kinder, aber der Anspruch alles perfekt zu machen ist nicht nur unrealistisch, sondern auch ungesund. Wir alle kennen diesen kleinen Antreiber, der uns zuflüstert „du musst tun“ oder „du darfst das nicht“ und obwohl wir uns abmühen, ist er nie zufrieden. Die Angst etwas falsch zu machen, seinem Kind zu schaden, es nicht genügend für das Leben zu rüsten, ihm all das zu geben, was man in seiner Kindheit schmerzlich vermisst hat, die wertvollen Anregungen seiner eigenen Eltern umsetzen zu wollen, Schuldgefühle, weil man dem Nachwuchs aus welchen Gründen auch immer nicht alles bieten kann, der gesellschaftliche und/oder persönliche Leistungsdruck – all das können Ursachen für Streben nach Perfektion sein. Zudem steht heutzutage jedem von uns viel Wissen über Erziehung zur Verfügung. Einerseits tragen diese Informationen zum besseren Verständnis für die Erlebniswelt der Kinder bei, andererseits können sie aber auch verunsichern und die Ansprüche an sich selbst zusätzlich erhöhen. Es ist sicherlich wichtig, dass sich Eltern bewusst mit dem Thema „Erziehung“ auseinandersetzen und sich Anregungen holen, sie haben aber nicht gleich versagt, wenn nicht alles perfekt umzusetzen ist. Kinder und Eltern sind in ihrer Individualität zu respektieren. Ratgeber können nicht alle möglichen Reaktionen und Gegenreaktionen beschreiben. Im Leben spielen Empfindungen eine gewichtige Rolle – sowohl die der Eltern als auch die der Kinder. Da kann es schon vorkommen, dass sie als Elternteil Ärger oder Wut verspüren und aus Hilflosigkeit vielleicht eine Handlung setzen, die sie später bereuen. Gefühle gehören zum Menschsein und sie sind erlaubt, weil sie unvermeidbar sind.

Ich kenne keinen Elternteil, der über unendliche Geduld verfügt, jedem auch noch so unmöglichen Verhalten seines Kindes Verständnis entgegenbringt und der seine Gefühle immer unter Kontrolle hat. Selbstverständlich lieben sie ihr Kind, aber sie kennen sicherlich auch Situationen, wo sie Ihr liebes, tobendes, trotzendes, motzendes, usw. Kind auf den Mond wünschen. Darüber spricht man normalerweise nicht so offen, empfunden wird es aber in allen Familien, von den Großen und den Kleinen. Für unsere Gefühle brauchen wir uns nicht zu schämen, solange wir sie nicht ungebremst an unseren Familienmitgliedern auslassen oder irgendetwas zerstören. Für Kinder ist es wichtig zu erfahren, dass Mama und Papa manchmal auch traurig, verärgert oder wütend sein können, sie kennen dies von sich selbst nur zu gut. Aus der Beobachtung wie Erwachsene damit umgehen, lernen sie, was für sie vielleicht in derselben Stimmungslage hilfreich sein kann. Überlegen sie in einer ruhigen Minute was sie konkret tun können, um nicht bei schwierigen, belastenden Ereignissen aus Verzweiflung einen Tobsuchtsanfall zu bekommen. Sie könnten beispielsweise einem Konflikt schon im Vorfeld den Wind aus den Segeln nehmen oder ihren Ärger dem Kind mit entsprechenden konkreten Forderungen etwas zu tun oder zu unterlassen ruhig mitteilen, noch bevor Wut in Ihnen aufkeimt. Im Akutfall bleibt nur mehr sich aus der konkreten Situation mit einer kurzen Erklärung zurückzuziehen und die körperlichen Spannungen abzubauen. Erst später, wenn sich die Wogen auf beiden Seiten wieder geglättet haben, kann über das Ereignis in Ruhe gesprochen werden.

Der Anspruch perfekt zu sein ist unerreichbar. Stellen sie sich eine Person vor, die wirklich perfekt ist – eigentlich langweilig, berechenbar und irgendwie unheimlich. Menschen haben Stärken und Schwächen, das macht sie liebenswert und einzigartig, Menschen machen Fehler, aus welchen hilfreiche Erfahrungen für die Zukunft resultieren. Natürlich können daraus Konflikte entstehen, das kommt in jeder Familie vor. Aber Probleme gehören zum Leben, so haben wir die Chance gemeinsam Lösungen zu finden, die Möglichkeit voneinander zu lernen sowie selbst miteinander und aneinander zu wachsen. Manchmal kann schon der Eindruck entstehen, wir schaffen das nicht alleine. Hilfe von Freunden oder vielleicht auch von PsychologInnen anzunehmen ist keine Schande.

Es ist nicht die Aufgabe von Eltern vollkommen zu sein, das Bemühen nach bestem Wissen und Gewissen ist schon schwierig genug. Der Wunsch perfekt zu sein birgt auch die Gefahr dasselbe von den Kindern zu verlangen. Das wäre eine massive Überforderung der Kleinen, an der sie nur scheitern können. Erlauben sie sich und ihrem Kind einfach Menschen zu sein mit all ihren Unzulänglichkeiten. Respektieren sie ihren Sprössling als eigenständige Persönlichkeit, aber auch sich selbst mit ihren Möglichkeiten und ihren Grenzen. Vergessen sie nicht auf ihre eigenen Bedürfnisse und stellen sie nicht all ihre Interessen zugunsten jener ihres Kleinen zurück, damit ihr Kind mit ihrer Hilfe lernen kann in einer Gemeinschaft zu leben.

„Ideale sind wie Sterne, sie sind zwar nicht erreichbar, jedoch kann man sich an ihnen orientieren.“ Schon die alten Seefahrer nutzten die Sterne, um ihren Weg zu finden, was hindert uns daran dasselbe zu tun?

Autor:  Mag. Gabriele Gaiswinkler, Klinische- und Gesundheitspsychologin

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