Ein Nest ist gut fürs Fliegenlernen

Wenn wir als ganze Familie auf Reisen gingen, dann pflegte mein Vater zu sagen: „Kinder, wir gehen großen Abenteuern entgegen!“ Er sagte das, egal, ob wir für ein Wochenende zum Skifahren nach Niederösterreich oder 6 Wochen durch die Türkei zogen. Uns Kindern hat dieser Spruch immer sehr gefallen: diese Mischung aus rauem Geruch des Lagerfeuers und der Gefahr, in einem U-Bahn-Schacht vielleicht doch verloren zu gehen, war sehr prickelnd. Und wir konnten uns immer darauf verlassen, dass mein Vater das sagte und dass wir alle wohlbehütet wieder nach Hause kommen würden.

Es gibt noch andere Beispiele: Franz kommt nach Hause, und noch bevor er sich die Schuhe ausziehen kann, zieht sein Sohn Patrick schon an seinem Ärmel und schiebt ihn zum Esstisch. Papa muss den von Patrick schön gedeckten Tisch bewundern. Und ein paar Gänseblümchen sind auch da! Patrick  strahlt über das ganze Gesicht. Und sein Papagibt ihm einen dicken Kuss, weil er das alles so schön hergerichtet hat. Nach dem Essen hat Patrick vielleicht keine so große Lust mehr zum Abräumen – Hand aufs Herz, wer findet Geschirrspülereinräumen schon lustig? Er räumt dann gemeinsam mit seinem Papa ab und lernt so, dass es auch Ausdauer braucht. Ihr Kind braucht die Geborgenheit der Familie zum Ausprobieren und zum Üben. In jedem Alter äußert sich das anders. Ihr Kind erlebt: wie man mit den alten Nachbarn nett plaudert; was beim Bettenbeziehen wichtig ist; wo man beim Einkaufen sparen kann; wie man Palatschinken macht; wann frau Schuhe zum Schuster bringt; wie ein richtiges Familienfest ausschaut, wann man jemanden um Hilfe bittet und wie man z.B. zum Kindertheater kommt.

Volksschulkinder wollen nützlich wie die Großen sein und eine Sache gut vollenden. Für Sie bedeutet das, dass Sie Ihrem Kind zunehmend kleine Aufgaben im Haushalt übertragen können. Besprechen Sie, wer aller im Haushalt was macht und was zuerst erledigt sein muss, bevor Spielen angesagt ist. Zeigen Sie Ihrem Kind, was Ihnen bei den einzelnen Arbeiten wichtig ist – wo kommen z.B. die Gabeln in den Geschirrspüler hin? Und sagen Sie dazu, warum: „weil sonst die Zinken nicht gut sauber werden!“ Und wenn alles eingeräumt ist, freut sich Ihr Kind genauso über Lob wie Sie.

Es sind oft die scheinbar kleinen Dinge, die Ihr Kind freuen. Für die Familie arbeiten zu können stärkt das Selbstwertgefühl Ihres Kindes. Auch gemeinsames Tun stärkt die Beziehung der Familienmitglieder untereinander. Es ist doch toll, mit dem eigenen Vater den Dachboden des Hauses eigenhändig ausbauen zu können – und zu sehen, dass die Eltern auch ein bisschen angewiesen sind auf die Hilfe. Ihr Kind braucht keine Beschäftigungstherapie, sondern Möglichkeiten, die eigene Familie mitzugestalten.

Tipps für Eltern

  • Die Zeit Ihres Kindes ist jetzt stark von der Schule geprägt. Das bedeutet eine Umstellung für alle Beteiligten. Seien Sie alle miteinander geduldig: es dauert, bis sich solche großen Umstellungen eingespielt haben.
  • Entwickeln Sie gemeinsam Rituale, mit denen Sie die Woche gliedern. Ob Sie z.B. jeden Morgen mit lautem Kikeriki zum Frühstück rufen, oder ob Sie ein besonders Abschiedsritual auf dem Weg zur Schule haben, hängt von Ihrer gemeinsamen Phantasie und Ihren Wünschen ab. Aber lassen Sie sich die Chance nicht entgehen, einzelne Teile Ihres Alltags durch Rituale zu krönen. Diese „Pfosten des Besonderen“ geben Ihrem Kind Halt und Sicherheit.
  • Unternehmen Sie als gesamte Familie gemeinsam Ausflüge und Abenteuer (auch im Kopf oder am Spielbrett). Gemeinsame Erlebnisse sind eine besondere und wichtige Form der Zuwendung.
  • Vielleicht macht Ihnen ein Familienarbeitsplan Spaß. Sie tragen ein, was die ganze Woche zu tun ist und wer es macht. So sieht jeder, wie viel jedes einzelne Familienmitglied zum Wohlfühlen der ganzen Familie beiträgt. Übrigens, jeder Beitrag ist wichtig, die großen und die kleinen Hände!
  • Für Ihr Kind ist die Schule sein Arbeitsplatz, den auch Sie immer besser kennen lernen. Geben Sie Ihrem Kind auch die Chancen, wieder einmal Ihren eigenen Arbeitsplatz zu besuchen, und zeigen Sie, wie Sie sich dort organisiert haben.
  • Achten Sie immer wieder auf unverplante Zeiten, die Sie einzeln oder gemeinsam verbringen können.

Grundbedürfnisse der Kinder im Alter von 6–12 Jahren:

  1. Liebe und Geborgenheit. Ihr Kind wünscht sich stabile, dauer hafte, zuverlässige und liebevolle Beziehungen, Verlässlichkeit und Rituale im Tagesablauf.
  2. Neue Erfahrungen. Ihr Kind will die eigene Umgebung und sich selbst immer besser kennen lernen. Wie finde ich zur Schule? Wo ist die Post? Was bietet der Supermarkt? Wie bitte ich jeman den um Hilfe? Wie kommt der Igel in den Garten?
  3. Anerkennung und Lob. Kinder brauchen Rückmeldung. Sie wollen verstehen, was an ihrem Tun für andere wichtig ist. Sie versuchen zu erkennen, wo sie mit sich selber zufrieden sein können. Und sie müssen lernen hinzuschauen, in welchen Bereichen sie sich anstrengen müssen und wo ihnen alles ganz leicht von der Hand geht.
  4. Übersicht und Orientierung. Ihr Kind hat viele Fragen: Was ist richtig und was ist falsch? Was ist wichtig und was nicht? Und für wen? Und warum? Ihr Kind sucht Vorbilder und klare Richtlinien. Hier sind Erwachsene sehr gefordert, ihren Standpunkt zu erklären und konsequent vorzuleben.

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