„Du bist jetzt unser großes Kind“

„Du bist der Große, Du musst das verstehen. Dein kleiner Bruder hat jetzt Hunger. Er braucht gleich das Flascherl. Du kannst ein bisserl warten, nicht wahr? Schau doch, wie lieb er ist.” Seit der kleine Bruder da ist, hört Stefan das immer wieder. Papa und Mama haben diesen da viel lieber als ihn, davon ist er inzwischen überzeugt. Er kann tun, was er will, die Eltern kümmern sich nicht mehr um ihn. Der Bruder braucht nur einen Muckser zu machen, und schon ist die Mama bei ihm. Das macht ihn ganz schön wütend, den Stefan. Obwohl er schon lieb ist, der kleine Bruder. Aber taugen tut er eigentlich zu nichts. Von Spielen mit ihm kann keine Rede sein. Dann schreit der Papa immer nur „Pass auf, tu ihm nicht weh.”

Ein kleines Geschwisterchen zu bekommen verändert für das ältere Kind sehr viel – vor allem, wenn es das Erstgeborene ist. Wahrscheinlich  muss es zum ersten Mal in seinemLeben damit zurechtkommen, dass eine fixe Beziehung – das Dreieck Kind-Mama-Papa – aufgebrochen wird. Und es muss nicht nur die Zeit, sondern auch die Zuwendung der Eltern mit dem „Eindringling” teilen. Kinder haben eine große Sehnsucht nach anderen Kindern, und gleichzeitig werden sie durch einen Neuankömmling in den eigenen vier Wänden stark verunsichert. Wo ist der eigene Platz, wo scheinbar der Raum enger geworden ist? Eifersucht ist eine ganz normale Reaktion. Sie, liebe Eltern, können durch einen besonders verständnisvollen Umgang mit Ihrem „Großen” versuchen zu verhindern, dass die Eifersucht zu groß wird. Aber ganz verhindern können Sie diese wohl nicht.

Manchmal gehen die Ängste der Kinder erstaunlich weit: Es gibt Kinder, die glauben, die Eltern hätten ein neues Kind bekommen, weil sie schlimm waren und Mama und Papa sie loswerden wollen und nicht mehr lieb haben.

Eigentlich liegt es auf der Hand, was für Eltern die einzige richtige Antwort auf solche Ängste des Kindes sein kann: Zeigen Sie ihm oder ihr immer wieder, wie lieb Sie sie/ihn haben und dass Sie seine/ihre Schwierigkeiten verstehen. Sagen Sie Ihrem Kind, was Sie an ihm besonders mögen: die schönen Augen, die lustigen Späße, die klugen Fragen … Und beweisen Sie Ihrem Kind, dass das Geschwisterchen ihm nichts wegnimmt.

Und Sie können darauf setzen, dass die meisten Kinder bei aller Eifersucht gerne Geschwister haben. Kinder, die sich selbst geliebt fühlen und daher unbeschwert durchs Leben gehen, sind meist bereit, auch ihre Geschwister zu lieben. Normalerweise beginnen sich Geschwister bald füreinander zu interessieren. Kinder scheinen untereinander sogar ein eigenes Kommunikationssystem zu haben; Babys reagieren auf Kinder schon in den ersten Wochen ganz anders als auf Erwachsene.

Das Kleine kann und will ja vom Großen so viel lernen … Wenn das Jüngere ca. drei Jahre alt ist, festigt sich die Geschwisterbeziehung meist. Was natürlich nicht heißt, dass es dann  keine Probleme mehr gibt, man denke nur an die Streitereien um Spielzeug … Und gewisse Eifersüchteleien unter Geschwistern können sich ein ganzes Leben lang halten. Aber das macht die Beziehung zwischen Brüdern/Schwestern so besonders: Sie ist – neben der Eltern-Kind-Beziehung – eine Beziehung, die Ihr Kind durch das ganze Leben begleiten wird.

Tipps für Eltern

  • Bereiten Sie Ihr Kind auf das Geschwisterchen vor, aber wecken Sie keine falschen Hoffnungen. Wenn Sie einen lustigen Spielgefährten ankündigen, wird Ihr Kind von einem ständig schreienden Wickelkind enttäuscht sein.
  • Veranlassen Sie Ihr Kind nicht dazu, Eifersucht oder Wut zu unterdrücken. Helfen Sie ihm, seine Gefühle zu zeigen. Spielen Sie z.B. mit der Puppe eine Familie, die gerade ein neues Baby bekommen hat.
  • Lassen Sie das ältere Kind bei der Babybetreuung mithelfen. Zeigen Sie ihm, dass es dem Kleinen helfen oder etwas beibringen kann. Aber überfordern Sie das Große nicht.
  • Zwingen Sie es nicht, Spielzeug an das Kleine abzugeben oder mit ihm zu spielen. Sagen Sie ihm, dass es selbst entscheiden darf, was es hergibt – und dass es auch in Ordnung ist, wenn es etwas nicht hergeben will.
  • Zeigen Sie ihm, dass es Vorteile hat, der/die Große zu sein. Erklären Sie: „Das Baby muss warten, bis ich ihm etwas gebe. Du kannst es Dir selber holen.” Unternehmen Sie allein mit dem/der Großen manchmal etwas ganz Besonderes, das das Kleine nicht kann, z.B. einen Zoobesuch.
  • Machen Sie mit dem Älteren feste Zeiten aus, wo Sie nur für es da sind, z.B. Kuschelzeit vor dem Einschlafen, Vorlese- oder Spielzeit.
  • Der Vater oder andere Bezugspersonen sollten sich bereits vor der Geburt des Geschwisterchens mehr Zeit für das Erstgeborene oder die anderen Geschwister nehmen, sich anfangs nach Möglichkeit nur ihnen widmen.
  • Bitten Sie BesucherInnen, sich nicht sofort auf das Baby zu stürzen, sondern erst einmal dem älteren Kind viel Beachtung zu schenken.
  • Wenn die Kinder älter werden und die Reibereien um Zerstörung oder Wegnehmen von Spielsachen beginnen: Mischen Sie sich so wenig wie möglich ein. Vermeiden Sie die Rolle des ständigen Schiedsrichters – und geben Sie vor allem nicht immer einem Kind recht. Wenn das Kleine z.B. den mühsam erbauten Turm umgestoßen hat, helfen Sie dem Großen, das wieder zu reparieren.

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