Die Zukunft nach Corona

Wir sind erfolgreiche Krisenkinder: Die gesamte Evolution hindurch konnte, ja musste sich der Mensch behaupten. Das wird uns auch jetzt gelingen. Trendforscher Matthias Horx im Interview über das „neue Normal“.

Auch, wenn wir das nicht gerne so sehen – das ganze menschliche Leben ist ja eine Krise. Nur dadurch kommt es überhaupt zu Veränderung“, beginnt der renommierte deutsche Forscher und Wissenschaftsautor Matthias Horx, der auch in Wien ein Zukunftsinstitut betreibt, einen aktuellen Vortrag für die vergangene „Pfizer Reception“. Daher hat unser Gehirn die Kapazität zur Bewältigung solcher Probleme und wir können dies auch nutzen. Die häufigste Frage an ihn sei seit Beginn der Pandemie gewesen, so Horx: „Wann ist das alles vorbei, und wann können wir wieder unser altes Leben führen?“ „Niemals“, lautet die lapidare Antwort des Experten. Aber nicht, weil sich die Welt so verändert hätte, sondern wir sind anders geworden. Das ist unumkehrbar, aber nicht unbedingt negativ. Neue Erfahrungen, Betrachtungsweisen, aber auch Innovationen haben viele von uns wachgerüttelt. Wir beurteilen Verhaltensweisen von vor der Pandemie jetzt schon ganz anders. Das Partymotto: „Feiern, bis der Arzt kommt“ etwa, ist spätestens seit Ischgl gar nicht mehr lustig.

Diese aktuelle Krise unterscheidet sich von anderen, wie Börsen-Crash oder sogar Kriege, weil sie wirklich alle Ebenen unseres Daseins betrifft und sie in Schwingungen versetzt: Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Institutionen, Kultur, Werte und jedes Individuum. Es veranlasst somit, dass die Gesellschaft handeln muss. Sie reagiert, die Werte verschieben sich, man macht bisweilen verblüffende Erfahrungen. Wie viele von uns konnten sich etwa den Alltag gar nicht mehr vorstellen, ohne zu reisen, ohne Fitness-Studio, Restaurant-Besuche, vollem Terminplan, Freizeitstress? Doch dann kam – zwangsweise – oft die innere Umkehr: Brauche ich das wirklich? Vielleicht ist es gut, einmal entschleunigt zu werden und zu verzichten? Auch das „neue Normal“ kommt um die Auseinandersetzung mit dem Megatrend des vergangenen Jahrzehnts, der Globalisierung, nicht herum. Während die immer weiter vorangetrieben wurde, haben wir bereits vor Corona vermehrt Sehnsucht nach Heimat und nationaler Identität entwickelt. Das birgt nun die Chance der sogenannten „Glokalisierung“, eine Wortschöpfung des Experten, die für Globalisierung, die gleichzeitig das Lokale mit einbezieht, steht.

Das passiert gerade etwa auf dem Lebensmittelsektor, durch erhöhte Nachfrage an Bio- und Regionalprodukten. Firmen beginnen wieder selber zu produzieren, um Abhängigkeiten zu verringern. Menschen wollen zurück zur Natur, dörfliche Strukturen in Städten („Grätzl“) kehren zurück. „Wir konzentrieren uns vermehrt auf Dinge, die bereits verloren geglaubt waren: Garten, wohnen, Beziehungen.“

Ganzheitliche Gesundheitssysteme sind gefragt

Die Versorgungsdebatte in der Pandemie hat aber auch Abhängigkeiten gezeigt, die vielen gar nicht bewusst, oder sogar egal waren, etwa in Bezug auf die ausgelagerte Arzneimittelherstellung nach Indien und China. „Der Gesundheitsbegriff wiederum verschiebt sich in der Bedeutung von „nicht krank“ zu gutem Lebensgefühl unter ganzheitlichen Aspekten. Sozusagen ein aktives Gesundheitsgefühl“, konstatiert Horx. Wir sind also aufgefordert, in Zukunft Systeme mit ganzheitlichemAspekt einzurichten. Das hat uns die Krise eindeutig gezeigt.

Glauben Sie, dass die Wissenschaft und deren Erkenntnisse ab jetzt mehr Bedeutung bei gesundheitspolitischen Entscheidungen haben werden?

Allerdings. Der Erfolg der Impfstoffentwicklung war ein sehr schlagendes Argument, und viele, viele Menschen müssen sich ja in der Pandemie mit einer medizinischen Wirklichkeit auseinandersetzen. Das bleibt nicht ohne Folgen, auch wenn es immer einen Anteil von Menschen gibt, die antiwissenschaftlich denken und fühlen.

Wie wird das Jahr 2020 die kommenden Generationen verändern?

Es ist ein Schlüsseljahr, das eine neue Ära einläutet. Eine Ära der Ökologie, in der die Probleme der globalen Industrialisierung in Richtung Zukunft gelöst werden müssen. Stichwort Globale Erhitzung. Das geht nur, wenn die Generationen bei diesem Projekt zusammenarbeiten. In der Corona-Krise haben ja die Jüngeren Rücksicht auf die Älteren und Schwächeren geübt, jetzt sollten auch die Älteren etwas zurückgeben, indem sie sich am „Projekt Neuer Lebenswandel“ beteiligen.

Welche Gesundheitskonzepte werden sich am ehesten durchsetzen – ist das eine Chance für mehr Vorsorgemedizin?

Vorsorge findet ja weniger durch „Medizin“ statt. Sondern eher durch Fragen des Lebenswandels, der Gesundheitskultur. Dafür gibt es allerdings nach Corona einen gigantischen Bedarf. Wir sind ja alle mit der Frage nach unserer Immunologie konfrontiert worden, und das Virus ist ja dort so tödlich, wo viele Zivilisationskrankheiten zusammenkommen. Ernährung, Bewegung, gesunder Sport, Seele, Stress, unser Verhältnis zur Natur – all das werden die Mega-Fragen unserer Zeit.

Wird die Wichtigkeit persönlicher Kontakte und des sozialen Lebens wieder zunehmen?

War sie denn vorher unwichtig? Ich glaube nicht. Aber es kommt zu so etwas wie zu einer Fokussierung auf die wirklich wichtigen Beziehungen im Leben. Wir fragen uns: Wer kann uns wirklich halten, wer „gehört zu uns“. Davon wird vieles bleiben. Wir haben erlebt, wie tief abhängig wir von Nähe und Liebe sind.

Sie sprechen in einem Vortag von „Glokalisierung“. Was dürfen wir uns darunter vorstellen

Die Verbindung des Lokalen und des Globalen auf einer höheren Ebene. Ich kann Dialekt sprechen UND Englisch. Ich kann einen weiten Horizont und Wurzeln haben. Und die Produktionsketten der Gloablisierung werden sich verändern, in Richtung regionalere Rohstoffquellen. Wir brauchen als Menschen beides, Weitsicht und Heimat, Offenheit und Verwurzelung. Nur dann kann ein finsterer Kampf der „Locals“ gegen die „Globals“ vermieden werden.

Warum ist Künstliche Intelligenz in der Medizin Ihrer Ansicht nach nicht die große Hoffnung, von der viele sprechen?

Weil sie nicht alles lösen kann, auch wenn sie uns helfen kann, Medikamente zu entwickeln und Diagnostik im Detail zu verfeinern. Aber Heilung ist immer nur im menschlichen Verhältnis möglich, Arzt und Individuum, Mensch und Umwelt. Wenn wir irgendwann nur noch mit Diagnosemaschinen kommunizieren, dann ist die menschliche Geschichte zu Ende.

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