Die Wölfe und das Leben

Vielen Österreichern ist Gudrun Pflüger als erfolgreiche Profisportlerin im Skilanglauf und Berglauf in Erinnerung. Schon damals, in den 1990er-Jahren, war die unberührte Natur Pflügers Heimat. Und das Aufgeben ein Tabu. Nach ihrer Karriere im Profisport übersiedelte Pflüger, die ein Diplom in Biologie besitzt, nach Kanada, um sich ihrer zweiten großen Leidenschaft zu widmen: den Wölfen. Sie erforschte die Lebenswelt der wilden Tiere und begab sich auf deren Spuren. „Meine Wege sind die der Wölfe“, sagt Pflüger heute und meint das durchaus auch metaphorisch. „Wenn ich auf ihren Spuren unterwegs bin, bin ich im Augenblick. Die Wölfe bringen mich an Plätze, die ich sonst nie betreten hätte, sie öffnen mir Grenzen, die ich sonst nie überschritten hätte. Sie machen mein Leben reicher.“ Pflügers Forschungsarbeiten, die in den Filmen „Auf der Spur der Küstenwölfe“ (mehrfach ausgezeichnet) und „Running with Wolves“ dokumentiert sind, gipfeln in einem Erlebnis, das Pflüger zur Koryphäe der Wolfsforschung machen sollte: 2005 verbrachte sie auf offener Wiese eine Nacht mit einem Wolfsrudel – einem Rudel, das zuvor noch nie Kontakt mit Menschen hatte. Die Tiere verhielten sich friedlich, akzeptierten Pflüger, die Wolfsjungen tollten sogar in unmittelbarer Nähe umher. Pflüger über diese Begegnung: „Ich habe mich noch nie so lebendig gefühlt, so als Mensch und zugleich so als Teil der Natur. So groß und so klein. So ich.“
Wolfspirit. Wenige Wochen nach der Wolfsbegegnung wurde bei Pflüger ein Gehirntumor diagnostiziert. Die Lebenserwartung: nur noch wenige Monate. „Ein Wolf zeigt sich dir nur, wenn er dir etwas erzählen oder mitteilen will. Und ich denke, dass die Wölfe mir einfach ihre Kraft mitgeben wollten und ihre Ausdauer für meine neue Reise“, ist Pflüger heute überzeugt. Und tatsächlich: Pflüger begann zu kämpfen, orientierte sich am unbändigen Lebenswillen, der Ausdauer und Zielstrebigkeit der Wölfe und machte diese Eigenschaften, die sie „Wolfspirit“ nennt, zu ihren eigenen. „Dank den Wölfen habe ich meine Liebe zum Leben gespürt, meinen Willen zum Überleben gestärkt und meinen Respekt gegenüber allem Lebendigen genährt.“ Und tatsächlich: Drei Jahre später hatte Pflüger den Krebs besiegt. Heute lebt sie mit ihrem Sohn Conrad und ihrer Hündin Nahanni wieder in Österreich. Stärker als jemals zuvor. Das Interview.

GESÜNDER LEBEN: Sie haben viele Jahre lang mit Wölfen „gelebt“. Was haben Sie von ihnen gelernt?
Gudrun Pflüger: Wölfe sind sehr anpassungsfähig, flexibel, extrem neugierig und intelligent. Sie können dort am besten (über)leben, wo ihnen der Mensch mit einer gewissen Toleranz begegnet. Sie brauchen nicht die unberührte Wildnis, wie das so manche Mitteleuropäer gerne glauben.

GL: Sind Wölfe die besseren Menschen?
Pflüger: Ich will die Wölfe nicht vermenschlichen. Wölfe sind faszinierende Tiere, von denen wir lernen können, dass wir uns vom Verhalten anderer Lebewesen eine Scheibe abschneiden können. Durch Ihre Ähnlichkeit mit den Menschen erinnern sie uns daran, dass wir nicht wichtiger als andere Lebewesen sind.

GL: Haben Sie die Wölfe beeinflusst?
Pflüger: Nachhaltig. Wenn wieder mal die innere Einstellung vorherrscht, dass etwas „unmöglich“ sei, dann denke ich besonders gerne an diese Begegnungen zurück, die man gemeinhin auch als „unmöglich“ einstufen würde.

GL: Sie fragen im Buch: „Was braucht der Mensch, um Mensch zu sein?“
Pflüger: Menschen brauchen nicht viel. Und vor allem keine Ablenkungen. Dafür aber lebenswerte Geschichten, klare Werte und vor allem Menschen, mit denen man auf derselben Wellenlänge ist. Und ganz viel Freude am Leben, auch und gerade wenn es einem Steine in den Weg legt.

GL: Sie schreiben, dass Zeit etwas Zusätzliches ist, nichts Hauptsächliches …
Pflüger: Ich beobachte spielende Wölfe, sehe meinen Hund an oder meinen dreijährigen Sohn: Die haben keine Uhr, die machen genau das, was sie im Moment als wichtig empfinden. Sie alle haben einen so erfrischenden Leichtsinn. Wir Erwachsene dagegen orientieren uns oft an Dingen, die vielleicht in der Zukunft passieren könnten. In der Wildnis geschehen die Dinge eins nach dem anderen, eins bedingt das andere, und umgekehrt. Da braucht man keine Uhr, dafür aber die Großzügigkeit, allen Vorgängen ihre eigene Geschwindigkeit zuzugestehen.

GL: Wie hat die Diagnose Gehirntumor Ihr Leben verändert?    
Pflüger: Zunächst komplett. Da ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Vor allem auch, weil ich total unvorbereitet da hinein gestoßen wurde.

GL
: Denken Sie, wären Sie auch ohne Wölfe gesund geworden?
Pflüger: Das weiß ich nicht, ich habe ja auch andere, sehr kraftvolle Hilfen gehabt, wie die vielen unterstützenden Menschen und eine Spezialtherapie. Aber ich hätte es sehr viel schwerer gehabt, mir einen ganz konkreten Grund vorzustellen, um die harten Zeiten während der Krankheit durchzustehen. Die Wölfe waren genau das. Klar und unerschütterlich.

GL: Haben Tiere auf uns Menschen heilende Kräfte?
Pflüger: Mag sein, denn wir Menschen lieben eigentlich die Natur und die Tiere. Ich bin davon überzeugt, dass wir Tiere brauchen – und ich meine nicht, um sie zu nützen, sondern um ein glücklicher, ganzheitlicher Mensch zu sein.

GL: Wie leben Sie heute Ihr Leben?
Pflüger: Auf jeden Fall dankbarer, denn ich weiß, dass kein Tag selbstverständlich ist. Und freier von Nebensächlichkeiten und Konsum. Zudem lebe ich genau das Gegenteil von Vorsicht. Zu viel Vorsicht kann auch von guten Möglichkeiten abhalten, vor allem vom Sich-selbst-Kennenlernen. Wir wachsen durch die Herausforderungen, die uns im Leben begegnen.

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