Die Pubertät: Besser als ihr Ruf

Chaoszeit, Krisenjahre, Kriegszustand? Der Ruf, der der Pubertät vorauseilt, ist kein guter. Fragt man Eltern, deren Kinder sie bereits hinter sich haben, ist man überrascht: Es war gar nicht so schlimm, sagen die allermeisten. Und: „Ich bin stolz auf den Erwachsenen, der aus meinem Kind geworden ist.“

Die Pubertät: Eine Entwicklungsphase, die von enormen Veränderungen geprägt ist. Körper,Gefühlsleben, Denken und Beziehungen verändern sich rasant. Mit der Pubertät ist es ähnlich wie mit dem Gehenlernen: Der Beginn ist von Kind zu Kind verschieden und folgt seinem persönlichen Entwicklungsplan. In der Regel geben irgendwann zwischen dem 9. und 14. Geburtstag die Hormone den Startschuss für die Veränderungen; bei Mädchen setzt die Pubertät früher ein als bei Buben. Nach der meist ruhigen, stabilen Volksschulzeit werden die Karten jetzt noch einmal ganz neu gemischt. Ihr Kind wächst nicht nur, sondern verändert sich in seiner Gesamtheit, um erwachsen zu werden.

Psychologen teilen die Pubertät in drei Phasen ein: die Trennung von der Kindheit, den Übergang, und die Einfügung in die Erwachsenenwelt. Dabei gilt es jeweils unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen. Die erste heißt „Loslassen“ – und zwar für beide Seiten, für Eltern und Kinder. „Ich musste mich erst daran gewöhnen, meinen Sohn nicht mehr zu bemuttern“, erzählt Marlies über den inzwischen 15jährigen Laurenz. „Heute weiß ich, dass ich schon auch Angst um ihn hatte. Doch vor allem wollte ich den Zeitpunkt hinausschieben, wo er mich nicht mehr braucht.“

Laurenz ergänzt: „Auf einmal hat es genervt, dass sie sich um alles kümmern wollte.“ Und weiter: „Alles rund um die Schule habe ich dann begonnen, allein zu machen. Rechtzeitig aufstehen, Rucksack packen, Hausübungen und für Prüfungen lernen.“

Beim Frühstück sollte Mama aber noch dabei sein. Und Entschuldigungen schreiben, wenn Laurenz verschlafen hatte.

In der Pubertät pendelt Ihr Kind zwischen Anlehnungsbedürftigkeit und Freiheitsstreben. Es wünscht sich Selbstbestimmung, ist aber noch nicht ganz sicher, was es sich zutrauen kann. Zudem möchte es auf elterliche Geborgenheit nicht verzichten. Für Sie als Mutter oder Vater gleicht das einem Wechselbad. Zum Zahnarzt sollen Sie mitgehen, zum Friseur – bloß nicht. Bleiben Sie geduldig. Freuen Sie sich, dass Sie da und dort gebraucht werden und Ihr Kind die Beziehung zu Ihnen immer wieder sucht. Genießen Sie andererseits neue Freiräume und bauen Sie diese aktiv aus.

„Unsere Familie ist seit letztem Sommer in der Pubertät“, berichten Marius und Rita, die Eltern von Cora, 11. Beim Segelurlaub in Kroatien „wurde aus unserer süßen Tochter plötzlich eine anstrengende Zicke. Wir konnten es ihr mit nichts recht machen. Mal wollte sie im fremden Hafenort allein losziehen, mal wollte sie mit uns essen gehen, aber kein Lokal passte ihr. Landausflüge endeten regelmäßig mit Tränen“, erzählt Rita. Marius fügt hinzu: „Cora hat sich auch gewünscht, das Boot zu steuern. Wenn der Wind nicht so wollte wie sie, dann wurde sie wütend. Mehr als einmal musste ich eingreifen, bevor es wirklich gefährlich wurde.“

Typische Konflikte entstehen in der Pubertät dort, wo Jugendliche alles selbst können wollen, zugleich aber auf die Hilfe der Eltern angewiesen sind. Ihre Aufgabe ist es dann, die Selbstständigkeit zu unterstützen, und dennoch einzuschreiten, wenn Gefahr droht. Auch hier gilt wie beim Gehenlernen: Nur mit der Sicherheit, dass Sie es bei Bedarf auffangen, kann Ihr Kind loslassen.

Zudem brauchen Sie beim „Auffangen“ viel Fingerspitzengefühl. Denn Pubertierende sind schnell beleidigt, wenn sie kritisiert werden. (Weil sie wissen, dass die Kritik berechtigt ist … und das lässt sich mit ihrer „Coolness“ schwer vereinbaren.)

Als Eltern sollen Sie also Nähe und Geborgenheit bieten, sich aber gleichzeitig überflüssig machen. Das funktioniert nicht automatisch und von selbst. Die Pubertät kann man nicht „irgendwie durchtauchen“, ignorieren oder passiv über sich ergehen lassen. Weder als Kind noch als Elternteil. Sie rundet ab, was Sie vor einem Jahrzehnt begonnen haben, nämlich einen eigenständigen Menschen von der Geburt bis zum Erwachsensein zu begleiten.

Mit all der Erfahrung, die Sie bisher gesammelt haben, können Sie selbstbewusst an die neue Aufgabe herangehen. Sie wissen: In einem Familienleben, das von Respekt und Verantwortungsgefühl geprägt ist, sind die Schwierigkeiten dieser Etappe zu bewältigen.

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