„Die heilungsraten sindstark gestiegen!“

Österreichweit werden jährlich etwa 39.000 Menschen mit der gefürchteten Diagnose Krebs konfrontiert – Männer etwas häufiger als Frauen. Die immer höher werdende Lebenserwartung hat zweifelsohne zum Anstieg der Erkrankung geführt: Krebs tritt mit zunehmendem Alter öfter auf. Dank intensiver Forschungsarbeit und moderner Medikamente ist es Medizinern aber gelungen, gute Früherkennungs- und Behandlungsmethoden zu entwickeln. Auf welche Erfolge wir im Detail zurückblicken, erklärt Univ.-Prof. Mag. Dr. Walter Berger, Professor für Angewandte und Experimentelle Onkologie und stellvertretender Leiter des Instituts für Krebsforschung (IKF) an der Medizinischen Universität Wien.

GESÜNDER LEBEN: Wo gab es in den vergangenen 25 Jahren die größten Fortschritte in der Krebsforschung?
Walter Berger: Die Diagnose- und Therapiemöglichkeiten sind gezielt verbessert worden, sodass man auch viele aggressive Formen wie Prostata- und Hautkrebs, aber auch Darm- und Lungenkrebs besser in den Griff bekommen hat, also Heilungsraten und Überlebenszeiten selbst bei metastasierenden Krebsformen stark gestiegen sind. Hinzu kommt, dass die Sensibilität für die Erkrankung in der Bevölkerung ebenfalls größer geworden ist. Das führt dazu, dass einerseits Auffälligkeiten oft schon früher unter die ärztliche Lupe genommen werden, andererseits die Therapien früher und gezielter starten können und Genesungschancen steigen.

GL: Inwiefern gab es Verbesserungen in der Diagnostik?
Die Entschlüsselung der menschlichen Erbsubstanz hat maßgeblich dazu beigetragen, Tumorproben nach molekularbiologischen Gesichtspunkten zu analysieren. Dank molekularer High-Tech-Services ist es nun innerhalb weniger Tage möglich, den genetischen Fingerabdruck des gesunden Gewebes im Vergleich zum Krebsgewebe zu erstellen. Dadurch fällt es Experten heute leichter, an der Wurzel anzusetzen und maßgeschneiderte Therapien für Patienten mit bestimmten Krebsformen einzuleiten.

GL: Wodurch zeichnen sich diese maßgeschneiderten Therapien aus?
Aktuell gibt es hier zwei Trends: zielgerichtete Medikamente und neue Formen der Immuntherapie, bei der das körpereigene Abwehrsystem dazu angeregt wird, den Tumor selbst zu bekämpfen. Die Betonung liegt auf ,neuen‘ Formen. Dabei kommen nun sogenannte Immun-Checkpoint-Inhibitoren, also Antikörper, zum Einsatz, welche jene Mechanismen blockieren, die Tumore – perfid, wie sie bildlich gesprochen sind – leider oft verwenden, um Sabine Krobathdas Immunsystem in seiner Funktion zu unterdrücken. Diese neuen Immuntherapien erbringen bereits bahnbrechende Erfolge im Kampf gegen Krebs – vor allem bei bestimmten Krebsformen.

GL: Welche Krebsformen sind das?
Der größte Erfolg ist hier sicherlich bei der Melanom-Behandlung zu verzeichnen. Sogar Patienten mit ausgedehnter Metastasierung haben immer wieder einen verblüffenden Genesungsprozess durchlaufen. Man könnte schon fast von ,Heilung‘ sprechen. Ich bin mir sicher, dass die neuen Immuntherapien dem gefürchteten malignen Melanom viel von seinem Schrecken nehmen werden. Wir sind auf dem besten Weg oder eigentlich dort schon angelangt, viele Melanome sehr gut behandeln zu können. Darüber hinaus gibt es beispielsweise Subgruppen bei Lungen- oder Nierenkarzinomen, die ebenfalls gut darauf ansprechen. Insgesamt sind es derzeit aber nur ein Viertel aller Betroffenen, bei denen die neuen Formen der Immuntherapien erfolgreich angewandt werden können.

GL: Warum sind es nicht mehr?
Weil an der Entwicklung neuer Checkpoint-Inhibitoren für bestimmte Krebsformen noch gearbeitet wird. Das Mutationsspektrum bei vielen Krebsarten ist schließlich so groß, dass man fast schon sagen könnte, dass jeder Patient seine eigene Krebserkrankung hat. Und auf diese Individualität muss noch in ausgedehnten klinischen Studien reagiert werden. Ich denke, dass es in spätestens fünf bis zehn Jahren für jeden Krebspatienten eine eigene immunstimulierende Therapie geben wird.

GL: Wie sieht es denn bei krebserkrankten Kindern aus? Was hat sich hier in den vergangenen 25 Jahren verändert?
Extrem viel – vor allem bei den Heilungsraten. Etwa 80 Prozent aller Fälle sind heute heilbar. Das hat auch damit zu tun, dass die genetischen Veränderungen von kindlichen Tumoren viel genauer definiert und oft weniger heterogen sind. Man findet daher oft immer widerkehrende und wenige Mutationen. Anders verhält es sich bei Erwachsenen-Tumoren. Hier ist sehr oft eine extreme Heterogenität anzutreffen. Kindliche Tumore können daher gezielter therapiert werden. Das ist sicherlich einer der Gründe für den Behandlungserfolg. Andererseits spielt auch die Tatsache, dass der kindliche Organismus nebenwirkungsresistenter ist und einfach mehr wegsteckt, eine große Rolle. Wenn man also eine Heilungschance sieht, kann man bei Kindern relativ starke Therapien durchführen.

GL: Warum erkranken Kinder überhaupt an Krebs?
Das weiß man bis dato eigentlich nicht genau. Der Lebensstil kann im Gegensatz zu Erwachsenen, die zum Teil rauchen oder übergewichtig sind, nicht wirklich so oft als Ursache in Betracht gezogen werden. Vermutlich spielt der Zufall – natürlich nur bis zu einem gewissen Grad – eine Rolle.

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