Die erste Zeit zuhause

Hinzu kommt oftmals Unsicherheit und Angst, mit diesem kleinen, noch ungewohnten Wesen irgendetwas „falsch“ zu machen. Auf der Geburtenstation wurden die Mütter/Eltern noch rund um die Uhr betreut, auf einmal tragen sie selbst die alleinige Verantwortung und müssen wissen und entscheiden wann das Baby beispielsweise genug getrunken hat, wann es wieder gewickelt werden muss und ob es schon müde ist oder noch Ansprache möchte.

Das Leben mit einem Säugling bringt so viele Veränderungen mit sich, dass es ganz natürlich ist, sich immer wieder unsicher und ängstlich zu fühlen. Hilfreich hierbei ist zu akzeptieren, dass der aktive Übergang zur Mutterschaft – die „Geburt als Mutter“ – Zeit und Unterstützung braucht. In vielen anderen Kulturen ist es aus diesem Grund durchaus üblich, dass die Mutter mehrere Wochen lang von Verwandten umsorgt wird, sodass sie, fern vom Alltagsstress, in aller Ruhe die Bedürfnisse ihres Kindes kennen lernen und sich mit ihrer neuen Rolle vertraut machen kann.
Die Situation in den meisten Industrieländern ist eine ganz andere: Von Frauen wird heute erwartet, dass sie spätestens eine Woche nach der Geburt wieder voll einsatzfähig sind und alles genauso „funktionieren“ muss wie vorher. In diesem Sinne stellen viele Frauen an sich selbst ungeheuere Ansprüche, so sollte beispielsweise die Wohnung so sauber wie früher, das Essen so abwechslungsreich wie früher, sie selbst so fit und gepflegt wie früher sein. Dies entspricht ja durchaus auch dem Bild, das durch die Medien vermittelt wird, von der strahlenden, gut aussehenden jungen Mutter, die es scheinbar mühelos schafft, Partner, Haushalt und Baby unter einen Hut zu bringen. Wer würde schon gerne in einer Elternzeitschrift das Bild einer total erschöpften Frau sehen, die nachmittags noch im Pyjama herumläuft, der von Milchflecken übersät ist?
Zu dieser totalen Überforderung kann es sehr leicht kommen: Zur körperlichen Schwächung nach überstandener Schwangerschaft und Geburt kommen nun wiederholte Schlafunterbrechungen und die fast 24-stündige Aufmerksamkeit, die der kleine Erdenbürger anfangs einfordert. Ein echter „Full-time-job“ also, nur ohne wirkliche Nacht- oder Wochenendruhe. Ohne tatkräftige Hilfe, und sei es, dass z.B. die Oma mit dem Enkerl zwei Stunden spazieren fährt, ist da der Zusammenbruch schon fast vorprogrammiert.

Unterstützung anzunehmen und sie auch einzufordern (z.B. gegenüber dem berufstätigen Partner) ist – besonders in der Anfangszeit – unabdingbar. Freilich erfordert dies einiges an Geschick, Ideenreichtum und v.a. Organisationstalent. Wann könnte beispielsweise der Vater aufs Baby aufpassen und wann hat die Oma ihren freien Nachmittag? Wie lassen sich Urlaubszeiten am besten koordinieren? Wäre eine Haushaltshilfe leistbar und wenn ja in welcher Form (Au pair oder stundenweise)? Soll zu einem Babysitter, einer Leihoma oder Tagesmutter Kontakt aufgebaut werden? Gibt es vielleicht gute Bekannte mit Kindern, wo ein wechselseitiges Aufpassen denkbar wäre?

Meist gibt es ein bis zwei solcher Alternativen, die realisierbar sind und Freiräume schaffen. Freiräume für kleine Erholungsnischen, die verhindern helfen, dass der Mutter irgendwann „die Decke auf den Kopf fällt“. Denn wo das Gefühl entsteht, nur mehr „Babyversorgungsarbeit“ zu leisten, sind die eigenen Bedürfnisse meist vollends auf der Strecke geblieben. Nehmen Sie sich also ruhig – und mit gutem Gewissen! – Zeit nur für sich; für ein wohltuendes Bad, einen gemütlichen Lesenachmittag, einen kleinen Einkaufsbummel, für ein Treffen mit Freunden und einen Abend mit dem Partner. Sich selbst wieder als eigenständige Person wahrzunehmen und zu spüren ist schließlich Grundvoraussetzung, um dem Baby (und auch jedem anderen Menschen) wieder freudig begegnen zu können!

Die ersten Monate mit Ihrem Kind sind eine wunderbar aufregende und intensive, auf jeden Fall eine ganz besondere Zeit. Gönnen Sie sich und Ihrem Baby sie bewusst wahrzunehmen und zu leben. Sicherheit und Alltagsroutine stellen sich – ohne großes Dazutun – nach einigen Wochen von selbst ein und bald können Sie sich nicht mehr richtig vorstellen, wie es damals war…..vor dem Baby.

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Autor: Mag. Barbara Khalili-Langer, Mag. Dr. Sandra Miessenböck

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