Diabetes Oft unerkannt, aber immer gefährlich

Früher nannte man sie sinngemäß „Altersdiabetes“: die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus Typ 2, die in Österreich zu den häufigsten Erkrankungen bei Menschen über 65 Jahren zählt. Doch mittlerweile ist Diabetes zu einer Volkskrankheit geworden: Laut aktuellen Schätzungen sind allein in Österreich zwischen 600.000 und 700.000 Menschen davon betroffen. Das Fatale daran: Nur etwa zwei Drittel wissen von der Erkrankung, weil die Symptome der Zuckerkrankheit lange Zeit unbemerkt bleiben. Wird die Krankheit endlich diagnostiziert, bestehen in manchen Fällen bereits bleibende Schäden an Nieren, Augen und Nervenbahnen.

Vorbeugen ist möglich, heilen nicht mehr! Bis zu 60 Prozent aller Diabetes-Erkrankungen wären durch regelmäßige Gesundheitschecks vermeidbar, betont Univ.-Prof. Thomas Stulnig, Stoffwechselexperte der Meduni Wien: „Wie bei Krebserkrankungen ist auch bei Diabetes die Früherkennung der Schlüssel zum Erfolg. Die Frühstadien des Diabetes nennen wir Frühdiabetes, bei dem die Blutzuckerwerte bereits über der Norm liegen. Jedes Jahr entwickeln bis zu zehn Prozent der Personen mit Frühdiabetes einen definitiven Diabetes, wenn nicht rechtzeitig eingegriffen wird. Langfristig sind es 70 Prozent und mehr.“ Daten aus England sprechen von einem dramatischen Anstieg von Frühdiabetes in den vergangenen Jahren auf bis zu 35 Prozent der Bevölkerung. Zahlen, die auch für Österreich gelten könnten. Stulnig: „Frühdiabetes ist zwar leicht erkennbar, ein Nüchternblutzuckertest allein übersieht aber viele Risikopatienten.“ Daher empfiehlt der Mediziner, für eine gezielte Diabetes-Vorsorge auch den sogenannten HbA1c-Wert im Blut zu messen oder einen Zuckerbelastungstest durchzuführen.

Regelmäßig testen. Dr. Gabriele Müller-Rosam, Internistin aus Wien, rät übergewichtigen Menschen jeden Alters, sich zumindest alle drei Jahre auf Frühdiabetes testen zu lassen. Wer bei Risikofaktoren wie erhöhten Blutdruckwerten, veränderten Blutfettwerten, Diabetiker in der Familie oder körperlicher Inaktivität ein Kreuzerl macht, sollte sich spätestens ab 44 Jahren konsequent untersuchen lassen. Müller-Rosam: „Gerade diese Patienten suchen meist ohnehin wegen anderer Beschwerden regelmäßig Ordinationen auf – hier liegt es also auch in der Verantwortung der niedergelassenen Ärzte, routinemäßig auch auf Frühdiabetes und Diabetes zu testen.“ Weiß man von seinem erhöhten Risiko, kann man mit gezielten vorbeugenden Maßnahmen sehr viel bewirken. „Frühdiabetes kann komplett rückgängig gemacht werden, bei Patienten mit manifestem Diabetes sind Lebensstiländerungen bereits deutlich weniger wirksam“, so die Ärztin. Die wichtigsten Maßnahmen zur Verhinderung einer Zuckerkrankheit sind gar nicht so schwierig umzusetzen: Reduzierung des (Über-)Gewichts um mindestens fünf Prozent, weniger Fett und Zucker und dafür mehr Ballaststoffe auf dem Speiseplan sowie gezielte körperliche Aktivität – am besten mindestens vier Stunden pro Woche.

Übergewichtige Kinder vor Diabetes bewahren. Besorgniserregend ist laut Diabetes-Experte Univ.-Prof. Dr. Kurt Widhalm, dass bereits bei 10 bis 15 Prozent der übergewichtigen Jugendlichen Frühdiabetes nachgewiesen werden kann. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Übergang vom Frühdiabetes zu einem unheilbaren Diabetes bei Kindern und Jugendlichen viel schneller vor sich geht als bei Erwachsenen“, warnt der Mediziner. Vorbeugende Maßnahmen bei Kindern und Jugendlichen gegen die Entwicklung von Diabetes durch Übergewicht und Bewegungsmangel werden vom Österreichischen Akademischen Institut für Ernährungsmedizin (ÖAIE) seit 2013 mithilfe des Projekts „EDDY“ erforscht: Dazu hat man an vier Wiener Schulen erste Daten von Schülern im Alter von 10 bis 12 Jahren erhoben. Das Ergebnis ist wenig erbaulich: 24 Prozent der Kinder gelten als übergewichtig, 9 Prozent sind sogar fettleibig, knappe 3 Prozent stachen als extrem fettleibig hervor. Widhalm: „Die Blutbilder dieser Kinder zeigen häufig Eisenmangelzustände, Vitaminunterversorgungen, Anomalien im Fettstoffwechsel und weitere gravierende Auffälligkeiten.“ Mit einem Team von Medizinern, Sport- und Ernährungswissenschaftern sowie Psychologen wird nun laufend daran gearbeitet, den Lebensstil der Schüler zu verbessern. Denn bei Kindern werden jene Verhaltensweisen geprägt, die für den Rest ihres Lebens wirken. „Gesundheitliche Vorbeugemaßnahmen sind hier besonders wichtig“, so Widhalm. „Kinder, die sich des Gesundheitsrisikos bewusst sind, essen nachweislich weniger fettreiche Produkte und achten mehr auf ihre Fitness.“ 

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