Der steinige Weg zum eigenen Ich

Zukunftsangst oder Zukunftshoffnung, Zeit des Abschieds und des Neubeginns: Das Jugendalter ist geprägt von großen Veränderungen und wichtigen Entscheidungen. Der Körper verändert sich rapide, die Beziehungen zu Eltern und FreundInnen müssen neu geordnet und die eigene Identität gefunden werden. In der Psychologie spricht man von Entwicklungsaufgaben, die ein junger Mensch erfüllen muss, um ins Erwachsenenleben eintreten zu können. Während für manche Heranwachsende diese Entwicklung in sanften Wellen verläuft, erleben andere Jugendliche die Pubertät als Zeit der Krisen und dramatischen Erfahrungen.

Ich find’ mich ok. Wenn die Brüste wachsen und die Hüften runder werden oder am Körper Haare sprießen und die Stimme tiefer wird, ist das für viele Jugendliche nur eines: peinlich. Das Selbstwertgefühl leidet unter dem „neuen“ Körper. Noch dazu, wo die Pubertät
immer früher einsetzt. Dr.in Beate Großegger, wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Jugendkulturforschung: „Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft, in der der Körper biologisch früher ,reif‘ ist. Das heißt aber nicht, dass der Geist genauso schnell mitkann. Kognitive Fähigkeiten sind nicht fertig ausgebildet, bei Buben hinkt die Sprachentwicklung hinterher. Sie können schwer begreifen und artikulieren, was sie fühlen und was sie sich wünschen.“ Zusätzlich zeigen die Medien und „coole“ SchulkollegInnen vor, wie man sich als Jugendliche/-r zu verhalten hat. Von selbst hätte man die Puppe vielleicht noch gar nicht gegen den MP3-Player getauscht.

Die Pubertät (pubertas, Geschlechtsreife) beginnt, wenn der Körper verstärkt Geschlechtshormone produziert. Mädchen durchlaufen die Pubertät meist zwischen dem zehnten und 18. Lebensjahr, Buben zwischen dem zwölften und 20. Lebensjahr. Die sekundären Geschlechtsorgane werden ausgeprägt, bei Mädchen kommt es zur ersten Menstruation, bei Jungen beginnt die Spermaproduktion. Wer lernt, mit dem neuen Erscheinungsbild umzugehen, sich und sein Gefühls – chaos zu akzeptieren, hat eine wichtige Entwicklungsaufgabe erfüllt. Die körperliche Veränderung allein macht ein Kind aber noch nicht jugendlich.

Bye Oldies, hi Friends. Auch wenn es für Eltern schwer zu akzeptieren ist: Die Ablösung vom Elternhaus ist ein wichtiger Teil der Entwicklung. Da gehört es auch dazu, dass Eltern nicht immer die ganze Wahrheit wissen – ob über das Weggehen, die Schule oder den Sex. Jugend-Expertin Großegger: „Wir Erwachsenen können die Jugendlichen in dieser Phase unterstützen, indem wir zuhören, ihre Ideen unterstützen und ihnen Freiraum geben. Dabei sollte man keinesfalls überfürsorglich sein.“ Respektieren Eltern diese Freiräume nicht, kommt es zum Dauerkonflikt.

Bravo statt Micky Mouse. Die FreundInnen, die Peergroup, gewinnen an Bedeutung. Drei von vier Jugendlichen sind Mitglied einer Szene, die – wie etwa die Musik-, Computerspiel- oder Skateszene – nicht nur eine attraktive Freizeitumgebung bietet, sondern auch für ein Lebensgefühl steht. Der Jugendkultur- Guide (Institut für Jugendkultur) analysiert: „Wenn Jugendliche in der Szene unterwegs sind, sind sie weit weg von Problemen, die es mit Eltern gibt, weit weg vom Schulstress, weit weg vom starren Trainingsplan im Sportverein.“ Um das 20. Lebensjahr verliert die Szene wieder an Bedeutung. Die gute Nachricht für Erwachsene: Vollständig verlässt die unbeschwerte Jugendkultur den Menschen von heute nie. Ausflippen beim Metallica-Konzert oder ein neues Skateboard ist auch mit 30 plus noch ok.

Entscheidung fürs Leben? Die Berufswahl kann Jugendlichen und Eltern schlaflose Nächte bescheren. Lehre, Matura, Uni? Technik, Sozialberuf oder Naturwissenschaft? „Es hilft, wenn die Berufswahl als Prozess verstanden wird. Einmal Beschlossenes muss ja nicht das ganze Leben so bleiben“, so die Psychologin Liane Hanifl, Wiener Gesundheitsförderung. Diese Einstellung hilft dabei, den Druck zu reduzieren. Das ist wichtig. Denn schon unter den 11- bis 14-Jährigen fühlen sich laut Institut für Jugendkulturforschung 70 Prozent gestresst. Der Nährboden für die neuen Volkskrankheiten Burnout und Depression wird also schon früh gelegt. Beratung durch Eltern, Schule und professionelle Einrichtungen kann helfen. Aber: „Jugendliche mit Gesundheitsthemen zu erreichen, ist sehr schwierig“, weiß Hanifl.Grundsätzlich ist Jugendlichen nach FreundInnen, Ausbildung und Partnerschaft ihre Gesundheit sehr wichtig. Während sie in die erstgenannten Bereiche investieren, wird die eigene Gesundheit aber gern vernachlässigt.

Weltbild basteln. Eine eigene Identität zu entwickeln, sich ein Weltbild zu zimmern, gehört ebenfalls zum Erwachsenwerden. Dabei werden die Werte der Eltern hinterfragt, gesellschaftliche Normen auf ihre Richtigkeit hin überprüft. „Große Revoluzzer gibt es aber kaum noch. Die Jugend ist heute sehr pragmatisch. Sie erfüllt wochentags ihre Aufgaben und lebt sich am Wochenende aus –Stichwort Komasaufen. Sie ,sampelt‘ sich aus unzähligen Optionen ihr – oft widersprüchliches Lebensmodell zusammen“, erklärt Großegger. Umweltaktivismus und Shopping schließen einander nicht aus. Auch der Generationenkonflikt ist heute schwächer. Großegger: „Die Eltern sind verständnisvoll, informieren sich, sind offen. Das schafft Vertrauen und ein liebevolles Umfeld. Eigenständigkeit bleibt aber im Hotel Mama manchmal auf der Strecke.“

Interview mit Mag.a Liane Hanifl
Psychologin und Gesundheitsreferentin WiG

Vorbereitung auf das Berufsleben ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe der Jugend. Wie können Erwachsene dabei unterstützen?
Im Kontakt mit den jungen Menschen ist es wichtig, eine wertschätzende und respektvolle Haltung einzunehmen. Das heißt: Jugendliche nach ihren Träumen fragen und nicht eigene Ideen überstülpen. Respekt zeigen für das, was sich junge Menschen wünschen.

Aufgaben der Eltern?
Es wäre wichtig, Jugendliche dazu zu befähigen, die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu erkennen und zu nutzen.

Was kann die Schule tun?
Ideal ist es, wenn Jugendliche möglichst viele verschiedene Berufsfelder kennenlernen – auch durch Praktika.

Wann sollten sich Jugendliche über die Berufswahl Gedanken machen?
Die Berufswahl ist ein langfristiger komplexer Prozess, der in der Volksschule beginnen sollte und in der Unterstufe fortgesetzt wird. Gute Begleitung und Unterstützung ist wichtig, da hohe Anforderungen der Berufswelt und die schwierige Arbeitsplatzsituation viele Jugendliche unter Druck setzen.

Autor: Christine Oberdorfer

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