Der Baum biegt sich in jungen Jahren

Kinder werden mit bestimmten Fähigkeiten geboren. Weder die Kinder noch die Eltern sind sich anfangs dieser Fähigkeiten bewusst. Doch bald fängt Ihr Kind an, seine körperlichen Besonderheiten, Gefühle und Gedanken, Stärken, Schwächen und Begabungen zu entdecken. Damit es sich selbst kennenlernt und seiner Fähigkeiten bewusst wird, muss es verschiedene Anregungen erhalten. Etwa Spielsachen, die zur Kreativität anregen (Bausteine, Buntstifte, …), kleine Herausforderungen im Alltag, und ehrliches konkretes Lob.

Gehirnzellen sind von Geburt an darauf ausgerichtet, zu lernen. Dabei vermehrt sich die Zahl der Verbindungen im Gehirn. Sobald ein Kind Gelegenheit findet, seine Fähigkeiten anzuwenden, werden diese Verbindungen gestärkt. Gleichzeitig gehen vorhandene und nicht genutzte Fähigkeiten langsam verloren.

Bemühungen, eine nicht vorhandene Fähigkeit beim Kind mit Zwang zu erschaffen, sind vergeblich: Manche Eltern möchten, dass die Kinder ihre eigenen Wünsche erfüllen und vielleicht die von ihnen verpassten Möglichkeiten nachholen. Ein Beispiel: Eine Mutter, die immer davon geträumt hat , Klavier zu spielen, bringt ihre Tochter zum Klavierunterricht . Wenn dieses Mädchen keine Begabung zum Klavierspielen hat, wird es nach vielen Anstrengungen einige Stücke spielen können, es wird aber niemals eine gute Pianistin. Oder: Ein Vater, der aus seinem Sohn einen Fußballspieler machen will, bringt ihn schon früh zum Fußballtraining. Ist der Sohn für diesen Sport nicht begabt, werden alle Bemühungen umsonst sein. Dazu kommt eventuell noch, dass in der Zwischenzeit andere Begabungen dieser Kinder brachliegen, statt angemessen gefördert zu werden.

Es gibt keine erfolglosen Kinder, sondern nur Kinder, die ihre Fähigkeiten nicht entdeckt haben. Um den Erwartungen von Eltern und Gesellschaft mühsam gerecht zu werden, leben sie an ihren Begabungen vorbei. Um in Mathematik gut zu sein, übersehen sie, wie gut sie etwa Gedichte schreiben, Musik machen oder ein Handwerk ausüben können. Der Vater von Denis hat das zum Glück rechtzeitig bemerkt. „Wenn er will, schafft er das auch“, hat er oft zu Denis‘ Mutter gesagt, als die Nachbarstochter ins Gymnasium wechselte. Doch Denis wollte in die Sport-Hauptschule gehen, wobei ihn auch seine Lehrer unterstützten. Dort gehört er heute zu den Besten. Er ist zufrieden und hat klare Berufsaussichten. Was seine Mutter dazu meint? „Ich bin stolz auf meinen Sohn. Er ist ein guter Sportler und wird seinen Weg gehen.“

Stellen Sie realistische Anforderungen an Ihr Kind. Betrachten Sie es, solange es klein ist, als gerade erst geöffnete Schatztruhe seiner Begabungen. Und wenn es größer ist, als selbstverantwortlichen und wertvollen Menschen – genau so, wie es ist .

Denn diese Wertschätzung steigert das Selbstwertgefühl. Wertschätzung erlebt Ihr Kind in der Art, wie mit ihm umgegangen und gesprochen wird. Sagen Sie daher nicht pauschal: „Du machst das toll“, sondern beschreiben Sie, was es so toll macht.

Weiters stärken gut dosierte Herausforderungen den Selbstwert. Zu schwierige Aufgaben machen mutlos oder aggressiv. So viel Selbstbestimmung wie möglich – so viel Hilfe wie nötig, lautet der Grundsatz. Weitere Selbstwertquellen für Ihr Kind sind Anerkennung von Lehrpersonen und Freunden, Hobbies und Kreativität sowie körperliches Wohlbefinden.

Aufpassen heißt es für die Eltern auch bei eigenen Ängsten und Sorgen! Büsra erlaubt ihrem zweijährigen Sohn nicht, mit Wasserfarben zu malen, weil sie nicht möchte, dass er  sich schmutzig macht. Und ihre vierjährigeTochter darf nicht aufs Fahrrad, weil sie stürzen und sich verletzen könnte. Natürlich sind die Bedenken begründet. Doch bei den Kindern bewirken sie Unsicherheit und ein Bremsen der Entwicklung. Denn was man nicht ausprobiert, kann man nicht lernen. Besser wäre es  daher, wenn Büsra ihrem Sohn zumMalen eine Schürze umbinden und ihrer Tochter einen Helm aufsetzen würde.

Tipps für Eltern

  • Setzen Sie nur realistische Ziele fest, die die Fähigkeiten Ihrer Kinder nicht übersteigen.
  • Unterstützen und fördern Sie die Stärken Ihres Kindes, anstatt seine Schwächen zu kritisieren.
  • Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit sich auszudrücken.
  • Geben Sie Ihrem Kind die Möglichkeit sich in verschiedenen Sparten zu versuchen, um verschiedene Fähigkeiten zu entdecken.
  • Behindern Sie nicht die Bemühungen Ihres Kindes sich zu behaupten und zu entwickeln. Wenn ein vierjähriges Kind etwa sein Bett alleine machen will, unterstützen Sie sein Bemühen, anstatt zu sagen: “Streng dich nicht an, du bist noch klein“. Wenn das Kind spürt, etwas geschafft zu haben, entwickelt es Selbstvertrauen und hat keine Angst, Neues auszuprobieren.
  • Vergleichen Sie Ihr Kind nicht mit anderen Kindern. Jedes Kind ist für sich eigen. Der Vergleich mit Anderen hindert das Kind daran, sich so zu akzeptieren, wie es ist.

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Autor: Mag.a Katharina Ratheiser

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