„Das hat er von dir!“ Die Bedeutung von Veranlagung und Erziehung für die kindliche Entwicklung

Die Gretchenfrage: Was ist einem Kind in die Wiege gelegt und was ist erziehungsbedingt?

Alle Eltern sind bemüht, ihr Kind bestmöglich zu erziehen und zu fördern. Trotzdem gelingt es nicht immer die angestrebten Ziele zu erreichen. So kann es z.B. vorkommen, dass sich ein Kind sprachlich oder motorisch langsamer als andere Kinder entwickelt, dass es sich aggressiver verhält als man das möchte, dass trotz viel Lernaufwand die Noten zu wünschen übrig lassen…

Insbesondere dann, wenn ein Kind wie Felix Schwierigkeiten macht und die Eltern als Erzieher verunsichert oder besorgt sind, stellen sie sich Fragen wie „Was machen wir falsch? Ist das Verhalten unseres Kindes Ausdruck der Art und Weise wie wir mit ihm umgehen?“ oder „Ist sein Verhalten durch Faktoren vorbestimmt, auf die wir keinen Einfluss haben?“.

Die Frage, wie viel Gewicht die Erbanlagen bei der Entwicklung eines Kindes haben und welche Rolle Erziehungs- und Umwelteinflüsse spielen, beschäftigt die Psychologie seit langem. Von der Annahme, alle Merkmale und Verhaltensweisen seien in der genetischen Ausstattung vorprogrammiert und unveränderbar, bis hin zu der Überzeugung, jeder Mensch käme als „unbeschriebenes Blatt“ auf die Welt und könne durch entsprechende Umwelteinflüsse in jegliche Richtung „geformt“ werden, reichten in der Vergangenheit die wissenschaftlichen Überlegungen.

Angeboren oder anerzogen?

Die Überlegungen, warum ein Kind ein bestimmtes Verhalten an den Tag legt (beispielsweise Felix mit wütendem Schreien reagiert, weil er partout nicht schlafen gehen will), wird oft mit der Erklärung beantwortet: „Das hat es von seinen Eltern!“

Aber damit kann zweierlei gemeint sein:

  1. Die Verhaltensweise wurde von den Eltern geerbt, ist also angeboren und in jenen Genen festgelegt, die das Kind bei der Verschmelzung von Ei und Samenzelle mitbekommen hat. Diese Vorstellung würde bedeuten, dass keine Möglichkeit zur Beeinflussung oder Veränderung besteht. Felix hat sein temperamentvolles (zum Teil wütendes) Gehabe von seinem Vater oder seiner Mutter „geerbt“.
  2. Dieses Verhalten hat das Kind von seinen Eltern bzw. durch Umwelteinflüsse (andere wichtige Bezugspersonen, Kindergarten, Schule etc.) gelernt und es kann beeinflusst oder verändert werden. In diesem Fall müsste man annehmen, dass Felix im Laufe seiner Entwicklung gelernt (beobachtet, erfahren etc.) hat, dass man sich durch vehementes Brüllen erfolgreich widersetzen kann.

Wie stark nun genetische Anlage einerseits und Umwelteinflüsse (wie etwa Erziehung) andererseits zur Ausprägung eines bestimmten Verhaltens bei einem bestimmten Menschen beitragen, lässt sich mit dem derzeitigen Wissensstand noch nicht beantworten. Wenngleich heute feststeht, dass es sich dabei immer um ein Zusammenwirken von Anlage und Umwelt handelt, lassen sich deren Anteile beim einzelnen Menschen nicht prozentuell erfassen. Was nun bei Felix „stärker“ ist – sein angeborenes Temperament oder seine Lernerfahrungen – muss somit unbeantwortet bleiben.

Grundsätzlich gibt es beim Menschen – im Vergleich zu anderen Lebewesen – wesentlich weniger Merkmale, die eindeutig in genetischen Programmen ihre Grundlage haben, d.h. der menschliche Säugling ist mit relativ wenigen angeborenen Verhaltensweisen ausgestattet.

Die Erbanlagen, die das Kind zu gleichen Teilen von Mutter und Vater erhält, bestehen aus einem Entwicklungsplan und aus den Anlagen für körperliche und psychische Eigenschaften. Dabei sind einige individuelle Merkmale wie Körpergröße, Augenfarbe und Haarfarbe durch die genetische Ausstattung bestimmt. Andere Faktoren, wie etwa motorische und sprachliche Fähigkeiten, Sozialverhalten, Temperament, emotionale Stabilität und Intelligenz, sind in Form von Dispositionen vorgegeben, d.h. als Potentiale angelegt. Zu deren Entfaltung und Ausgestaltung bedarf es der Umwelt und insbesondere der Eltern, die dem Kind im Laufe seiner Entwicklung entsprechende Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten bieten.

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