Das Glück liegt im Garten

Andrea lebt auf dem Land und verbringt nicht nur von Mai bis September jede freie Minute in ihrem Garten, schließlich weiß die Kärntnerin: Will sie das ganze Jahr über die Früchte ihrer Gartenarbeit ernten, muss sie auch in den kalten Monaten ihren grünen Daumen in die Erde stecken. Roland hingegen kann von einem derartigen Garten nur träumen, wohnt er doch im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Nichtsdestotrotz schätzt er sich glücklich, denn er darf eine gar nicht allzu kleine Terrasse sein Eigen nennen. Dort zieht er Paradeiser, Pfefferoni und Chilis, pflanzt Kräuter an, erntet sogar eigene Weintrauben und verbringt die lauen Sommerabende inmitten von Sträuchern und Blumen, um die sich seine Frau kümmert. Doch: Warum sind Andrea und Roland so glücklich, wenn sie mit ihren Händen in der Erde wühlen? Und kann jeder dieses „grüne Hochgefühl“ erleben?

Tut gut. Nein, nicht jeder findet sein Glück im Garten. Doch dass man durch Gartenarbeit Erholung, Wohlbefinden, Gesundheit und Freude erlangen kann, ist sogar wissenschaftlich nachgewiesen. Ein Wissen, das immer öfter im medizinischen bzw. therapeutischen Bereich genutzt wird – Stichwort Gartentherapie. Freilich bietet das Garteln auch dem, wenn man so will, gesunden Menschen eine Vielzahl an gesundheitsfördernden Möglichkeiten. Und dabei tut uns die Bewegung nicht nur körperlich gut, wie DI Karin Schauer, gelernte Landschaftsgärtnerin sowie studierte Landschafts- und Gartenarchitektin in Gablitz (www.lebensorte.at), erklärt: „Wenn man zum Beispiel wütend ist, kann man einer eher groben Tätigkeit nachgehen und dadurch Stress und Energie abbauen.     Ist man unruhig, kommt man etwa durch Unkraut-jäten oder Blumenschneiden wieder zur Ruhe.“ Zudem spürt man bei der Gartenarbeit die Natur hautnah – laut Schauer ein sinnliches und lustbetontes Erlebnis: „Man riecht immer irgendetwas, kann meist etwas naschen, ist von Naturgeräuschen umgeben und sieht sich nicht zuletzt stets mit den Elementen des Wetters konfrontiert – die Hitze des Sommers, das Laub im Herbst, Wind, Regen, Schnee. Kurz: Man ist ganz nah an der Natur.“ Selbst das kleine Zimmerpflänzchen vermag positive Emotionen in uns auszulösen, über die wir auch gerne sprechen. Und damit bekommt das Ganze zusätzlich eine soziale Komponente, die wiederum dazu beiträgt, dass die Arbeit mit Pflanzen, Blumen und Co. glücklich macht. Gartenexpertin Schauer ist im Übrigen der Meinung, dass man nicht unbedingt mit einem „grünen Daumen“ geboren sein muss, um sein Glück in der Natur zu finden. Unter anderem weil die Gartenarbeit einen ständigen Lernprozess darstellt: „Man kann im Garten Erfahrungen sammeln, etwa indem man seiner Kreativität freien Lauf lässt, experimentierfreudig ist und neue Dinge ausprobiert.“ Damit nicht genug, lehrt uns die Gartenarbeit Geduld, wie DI Birgit Steininger, Leiterin des Masterlehrgangs Green Care an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik in Wien, betont: „Bei der Arbeit im Garten gibt es Zeitabläufe, die man nicht beeinflussen kann. Während wir den Alltag manchmal beschleunigen können, ist das in der Natur nicht möglich.“

Natur erleben. Abgesehen davon kann man die Kraft der Natur sogar dann spüren, wenn man gar keine Gartenarbeit verrichtet. So haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt, dass schon drei Minuten ungerichteter Aufmerksamkeit auf die Natur einen erholenden Effekt haben. Laut Steininger hängt das damit zusammen, „dass uns die Natur nicht überfordert. Obwohl wir ständig mit Reizen konfrontiert werden, ist die natürliche Umgebung für uns Menschen ein vertrautes Umfeld“, so die Expertin für Gartentherapie. Dass schon das Erleben der Natur und der Aufenthalt im Garten das Wohlbefinden steigern können, weiß auch Bernhard Haanl (www.haanlgatengestaltung.at). Bereits seit über zehn Jahren ist er im Bereich Gartengestaltung tätig und legt neben der Bepflanzung viel Wert auf ergänzende Elemente, wie das Rauschen des Wassers, unterschiedliche Stein- und Holzskulpturen bzw. -möbel oder speziell angelegte Wege. Als Vorbild dienen Haanl japanische Gärten, die zum Teil ausschließlich für das Auge errichtet werden. „Die Besucher sitzen in einem Tempel und schauen sich den Garten an, als wäre es ein eingerahmtes Bild, das sie in einen meditativen Zustand versetzt. Und dazu bedarf es einer ganz speziellen Zusammensetzung der in Größe und Form unterschiedlichen Pflanzen sowie anderer Elemente“, sagt Haanl.  Er selbst betrachte den Garten wie ein Künstler sein Bild und verfeinere den Plan so lange, bis das Gesamtbild stimmig ist. Erst dann kann mit der eigentlichen Gestaltung des Gartens angefangen werden. An erster Stelle stehe die Begehung vor Ort, denn „jeder Ort ist anders und hat etwas ganz Besonderes.“ Auch hierzulande hat Bernhard Haanl schon den einen oder anderen japanischen Garten angelegt – unter anderem im eigenen Gartenreich in Neusiedl bei Güssing: „Garten der Seele“ heißt Haanls Schaugarten, der sich über ein Areal von zehn Hektar erstreckt und sich als detailreiches Gesamtkunstwerk präsentiert, das zahlreiche Sitznischen bietet, wo die Besucher die Natur genießen können. Und es wirkt: „Es fällt mir immer wieder auf, dass die Menschen, die unseren ‚Garten der Seele‘ besuchen, diesen danach ruhiger und ausgeglichener, aber dennoch mit mehr Energie verlassen.“

Garten planen. Wie der eigene Garten ausschauen soll, ist eine ganz individuelle Geschichte. Ein Punkt liegt Schauer besonders am Herzen: „Leider kommen die meisten erst nach Fertigstellung des Eigenheims auf uns zu. Das ist schade, denn Haus und Garten, aber auch Wohnung und Terrasse sollten eine Einheit bilden. Und das wäre natürlich einfacher, wenn wir bei der Planung von Anfang an einbezogen wären.“ Es sei auch ein Kostenfaktor, gibt Schauer zu bedenken: „Ist der Bagger schon einmal da, könnte zum Beispiel gleichzeitig das Gartengelände bearbeitet werden.“ Ob die zukünftigen Gärtner schon beim Errichten des Gartens mitarbeiten oder nicht, bleibt freilich jedem selbst überlassen. Laut Karin Schauer ist das allerdings nicht vorrangig: „Erst wenn unsere Arbeit getan ist, fängt der Garten an sich zu entwickeln. Erst dann beginnt das eigene Garteln.“ In diesem Sinne: Raus in den Garten!

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