Das Alter als Chance entdecken

Mehr als ein Drittel aller verkauften Gesichtscremen sind „Anti Age“- Cremen. Ab 25, spätestens 30 Jahren beginnt der Zahn der Zeit zu nagen. Mit teuren Tiegeln, Botox, Diäten, Sport, Lifting oder Gesichtsgymnastik kämpfen wir tapfer dagegen an, in die Schublade „alt“ gesteckt zu werden. Langfristig gesehen erfolglos. „Alle wollen alt werden, aber keiner will alt sein“, bringt Soziologe Dr. Roland Girtler die Misere auf den Punkt.

„Generation Happy End“ oder „Silver Age“: Ganz egal welche Beinamen für Menschen ab 65 generiert werden – ihr Stellenwert in der Gesellschaft ist, vorsichtig ausgedrückt, ausbaufähig. „In unserer Jugendgesellschaft ist die Toleranz für langsame Fußgängerinnen und Fußgänger und zunehmende Gesundheitskosten gering“, erklärt die Leiterin des Instituts für Altersökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien, Univ.-Prof.in Dr.in Ulrike Schneider. Anders sieht das Roland Girtler: „Wie ein Mensch von anderen behandelt wird, hängt immer vom eigenen Verhalten ab. Wer mit Würde und Stil altert und auf seinen Körper und das Benehmen achtet, wird mit Respekt behandelt.“

Was passiert im Körper? Warum alle höher entwickelten Lebewesen altern, konnte die Wissenschaft bisher nicht klären. Mit Schnelligkeit und Auffassungsgabe geht es bereits ab rund 30 Jahren bergab. Als maximale Lebensdauer hat der Mensch rund 120 Jahre „gespeichert“. Die Wissenschaft unterscheidet zwischen dem primären und dem sekundären Altern. Das primäre Altern wird durch Zellverfall hervorgerufen: abnehmende Flexibilität der Arterien, verringerte Kapazität der Harnblase, schlechtere Dehnbarkeit von Muskeln und Sehnen, die Beweglichkeit der Gelenke nimmt ab. Das sekundäre Altern ist durch äußere Faktoren wie Bewegungsmangel, Essverhalten oder Krankheit beeinflusst – und lässt sich teilweise steuern.

Die Lebenserwartung von Frauen betrug im Jahr 2010 83,2 Jahre, bei Männern 77,7 Jahre. Rund jede/jeder Sechste ist über 65 Jahre alt. Allein in Wien leben mehr als 300 über 100-Jährige. Tendenz steigend. „Man darf bei dieser Entwicklung aber nicht übersehen, dass die heute 70-Jährigen viel fitter sind als vorherige Generationen“, so Schneider. Ihre Potenziale zu nutzen, ist eine Herausforderung – und eine Chance für die Gesellschaft. Girtler: „Dienstleistungen – von der Pflege über ärztliche Leistungen bis zum Tourismus – sind wichtige Wirtschaftszweige, die Seniorinnen und Senioren intensiv nutzen. Sie haben eine hohe Kaufkraft, konsumieren gern und unterstützen so die Wirtschaft.“

Falten und Vergesslichkeit aufhalten. Um das Leben auch im fortgeschrittenen Alter genießen zu können, werden immer mehr SeniorInnen bewusst aktiv. Denn wer sein Gehirn regelmäßig trainiert, bleibt länger geistig fit. Dasselbe gilt für den Körper. Ein gesunder Lebenswandel – das heißt Alkohol in Maßen, gesunde Ernährung, wenig Sonne, Sport, kein Nikotin – ist der beste Jungbrunnen. Ulrike Schneider: „Gute soziale Netzwerke sind auch ein wichtiger Faktor. Wissenschaftliche Befunde deuten darauf hin, dass Elternund Großelternschaft das Mortalitätsrisiko zumindest für einige Jahre senken kann. Außerdem trainiert es das Gehirn, sich immer neuen Herausforderungen zu stellen. Egal ob durch Reisen oder durch neue Bekanntschaften.“

Länger aktiv, besser integriert.
Wie ältere Menschen von der Gesellschaft wahrgenommen werden, ist kulturell unterschiedlich. Vor allem in Asien ist Alter hoch angesehen. Altersdiskriminierung sieht Roland Girtler aber auch bei uns nicht: „Das Wissen und die Erfahrung älterer Menschen werden wieder mehr geschätzt. Als Soziologe habe ich immer am meisten von den Alten gelernt. Und mir persönlich fällt als mittlerweile 70-Jähriger auf, wie höflich und interessiert junge Menschen sind. Aber ich bin nun mal Optimist.“ Im Erwerbsleben zeigt sich dieser Trend noch nicht. Mit einem extrem frühen Pensionsantrittsalter ist Österreich im EU-Schnitt ein negativer Ausreißer. Schneider: „Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie die Politik sind gefordert, die Erwerbstätigkeit auch jenseits der 50 oder 60 attraktiv zu halten.“ Das würde auch ein drohendes soziales Problem lösen. Schneider: „Die Schere zwischen Arm und Reich wird in den kommenden 20 Jahren bei den älteren Menschen weiter aufgehen, Altersarmut wird zunehmen.“

„Mit der Pensionierung wird kein Schalter umgelegt. Maßnahmen für gesundes Altern – Work-Life-Balance, soziale Kontakte, Lebensstil – muss man bereits früher setzen.“
Univ.-Prof.in Dr.in Ulrike Schneider, Institut für Altersökonomie, WU Wien

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