Darm und Depression

Jeder von uns hat sich schon einmal deprimiert oder depressiv gefühlt. Niedergeschlagen, freudlos oder innerlich erschöpft zu sein, sind normale Reaktionen der Psyche auf private Enttäuschungen, berufliche Misserfolge oder den Verlust eines geliebten Menschen. Meist sind sie eng mit dem belastenden Ereignis verbunden und verschwinden wieder, sobald der Schmerz nachlässt. Im Gegensatz dazu ist eine Depression im medizinischen Sinn eine ernst zu nehmende Erkrankung. „Wenn man gedrückter Stimmung ist, sich nicht mehr konzentrieren, nicht mehr lesen, nicht mehr auf normale Lebensumstände reagieren kann und nicht mehr in der Früh aufzustehen vermag, am Abend geht es aber besser, dann liegt eine Depression vor“, erklärt Dr. Isabel Sacher-Thumb, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie und Psychotherapeutin. „Meist ist das verbunden mit Verdauungsproblemen, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Eine Depression kann als einmalige Episode oder auch immer wiederkehrend mit verschiedenem Schweregrad auftreten. Ziel der Psychiatrie ist es, dass der Patient das richtige Medikament bekommt und ohne Nebenwirkungen gut damit leben kann.“ Depressionen haben meist mehrere Ursachen, beginnend bei einer genetischen Disposition, Problemen im sozialen Umfeld oder am Arbeitsplatz. „Auslöser sind meist mehrere Schicksalsschläge hintereinander, aber auch chronische Schmerzen, etwa im rheumatischen Bereich wie Fibromyalgie, verursachen Depressionen. Nicht zu vergessen ist ein nachgewiesener Serotoninmangel“, erläutert die Expertin.

Glück aus dem Bauch heraus. Und was hat das mit dem Darm zu tun? Unser Darm ist das größte sensorische Organ in unserem Körper. Mit seinen vielen Falten und Ausstülpungen nimmt er eine 100-mal größere Oberfläche als unsere Haut ein. Und: Darm und Gehirn haben den gleichen Ursprung. In der embryonalen Entwicklung wandert ein Teil des Gewebes, das für die Nervenentstehung zuständig ist, in Gehirn und Rückenmark und wird zum zentralen Nervensystem (ZNS). Ein anderer Teil desselben Ausgangsgewebes wandert in den Bauch, lagert sich an den gesamten Verdauungstrakt, vor allem an den Darm an und wird das enterische Nervensystem (ENS). Verbunden werden die beiden durch den Nervus vagus. Über Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, kommunizieren ZNS und ENS miteinander. Einer davon ist das Hormon Serotonin, das im Gehirn dafür verantwortlich ist, Glücksgefühle zu vermitteln. Serotonin wird zu 95 Prozent in unseren Darmzellen produziert! Dass Serotonin etwas mit der Darmflora zu tun hat, weiß man schon sehr lange: Bereits 1996 zeigten Untersuchungen, dass die Ernährung und die im Darm lebenden Bakterien Einfluss auf gerade jene Darmzellen nehmen, die Serotonin bilden. Es lohnt sich also, den Darm und seine Bakterienbewohner zu pflegen. Unsere Darmflora umfasst etwa 100 Billionen Bakterien – mehr als 10-mal so viel, wie wir Zellen im gesamten Körper haben. Das ideale Verhältnis beträgt 85 Prozent „guter” Bakterien zu 15 Prozent „schlechter“ Bakterien. Die guten schützen den Darm vor Infektionen, weil sie die Schleimhaut innen dicht besetzen und helfen, die inneren Darmzellen zu ernähren. Die schlechten verursachen Fäulnis und Gasbildung oder rufen Infektionen wie Magen-Darm-Grippe hervor.

Antidepressiva gegen Darmprobleme. Wie die Darmflora die psychische Gesundheit und das Verhalten beeinflusst, zeigen zwei eindrucksvolle Studien, die Forscherteams 2011 veröffentlicht haben. Sie hatten Mäuse mit einem entzündlichen Darminfekt beobachtet und festgestellt, dass sie ein überängstliches Verhalten entwickelten. Gab man ihnen „gute“ Darmbakterien (Bifidobacterium longum), nahm ihre Ängstlichkeit ab. Durchtrennte man aber den Nervus vagus, hatten die Mäuse zwar einen entzündeten Darm, aber keine übernormale Ängstlichkeit. In der zweiten Studie wurde gesunden Mäusen das „gute“ Bakterium Lactobacillus rhamnosus gegeben. Die Mäuse zeigten weniger Verhalten, das Angst oder Depressionen gleicht, und ihr Stress-Level reduzierte sich. Auch hier blieb der Effekt aus, als die Forscher den Nervus vagus durchtrennten. Über den Zusammenhang zwischen Darm und Depressionen schreibt Giulia Enders in ihrem empfehlenswerten Bestseller „Darm mit Charme“: „Patienten mit Reizdarmsyndrom leiden auch überdurchschnittlich häufig unter Angstzuständen und Depressionen.“ Und auch unter den Patienten mit den chronischen Darmentzündungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind höhere Raten an Depressionen und Angstzuständen zu verzeichnen, die durch den Leidensdruck der Erkrankung nur ungenügend erklärt werden. „Wer neben einer Darmkrankheit auch stark unter Angstzuständen und Depressionen leidet, bekommt vom Arzt oft die Empfehlung, Antidepressiva zu nehmen. Die neue Depressionsforschung zeigt, dass unsere Nerven dadurch wieder plastischer werden.“ Das bedeutet, sie haben die Fähigkeit, sich zu ändern – ein Prozess, der an sich bis zum 25. Lebensjahr abgeschlossen ist. „Wenn Antidepressiva die Plastizität erhöhen, könnten solche Muster, wie Signale eines nervösen Darms, wieder aufgelockert werden. Das ergibt am meisten Sinn mit begleitender Psychotherapie“, konstatiert Enders. Mit der augenzwinkernden Bemerkung „Vielleicht muss nur der Bauch auf die Couch“ erläutert sie weiter: „Die Nebenwirkungen marktüblicher Antidepressiva erzählen uns etwas Wichtiges über das „Glückshormon“ Serotonin. Jeder Vierte erlebt typische Effekte wie Übelkeit, Durchfall und nach längerer Einnahme Verstopfung. Das liegt daran, dass unser Darmhirn genau die gleichen Nervenrezeptoren besitzt wie das Kopfhirn. Antidepressiva behandeln also automatisch immer beide.“ Wie der amerikanische Forscher Dr. Michael Gershon fragt Enders sich, ob bei manchen Menschen auch Antidepressiva helfen könnten, die nur am Darm wirken und gar nicht mehr ins Gehirn gelangen. Psychiaterin Dr. Sacher-Thumb dazu: „Alle Antidepressiva, die wir bei Depressionen einsetzen, greifen in Neurotransmittersysteme ein, weil die Balance der Botenstoffe gestört ist“ –„Seit 2010 ist in Europa sogar eine Therapie bei Depressionen zugelassen, die darauf beruht, den Vagusnerv so zu reizen, dass es den Patienten dadurch besser geht. Denn der Nerv funktioniert wie eine Telefonleitung zur Kopfzentrale,“ liest man in Giulia Enders’ Buch.

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