Damit der Einstieg klappt

Nach langen Bemühungen in den vergangenen drei Jahren gelingt es Dileks Vater, seine Familie aus seinem Dorf in Samsun zu sich nach Wien zu holen. Diese große Veränderung für die ganze Familie trifft Dilek am meisten. Nach ihrem erfolgreichen ersten Schuljahr in der Volksschule freute sich Dilek den ganzen Sommer lang darauf, ihre Freundinnen im September wiederzusehen. Nun besucht sie seit zwei Monaten eine Volksschule im 16. Bezirk in Wien und ist ziemlich unglücklich. Jeden Tag weint sie nach der Schule und erzählt ihren Eltern, dass sie im Unterricht nichts versteht und nach Samsun zu ihren Freundinnen zurück möchte. Ihre Eltern sind ebenfalls traurig, wissen allerdings nicht, wie sie Dilek helfen können.

Dilek ist nur ein Beispiel von vielen Kindern, die mitten in ihrer Schulzeit nach Österreich kommen. Sie alle haben ähnliche Schwierigkeiten. Dilek muss sich nicht nur mit einer neuen Stadt, einer neuen Schule und neuen Freundinnen auseinandersetzen, sondern auch mit einer ungewohnten Gesellschaft, einer fremden Kultur und einer anderen Sprache zurechtkommen.

Kinder und Jugendliche erleben solche Veränderungen abhängig von ihrem Entwicklungsstand unterschiedlich. Manche brauchen ein paar Wochen, um mit der neuen Situation klarzukommen, andere dagegen vermissen ihre alte Umgebung monatelang und können nicht loslassen. Meist geht es umso schneller, je mehr Dinge die neue Umgebung für das Kind interessant machen.

Sprechen Sie schon vor dem Umzug mit Ihrem Kind ganz offen über dieses Thema. Erklären Sie ihm, dass sie von nun an in einem anderen Land leben werden und welche Veränderungen es geben wird. Beschreiben Sie die Unterschiede in Kultur und Lebensstil leicht verständlich. „Alles wird besser, alles ist dort schöner“ ist zu allgemein und auch nicht ehrlich. Bereiten Sie Ihr Kind auf Anfangsschwierigkeiten vor, ohne Angst zu machen. Sagen Sie, dass der Umzug für alle Familienmitglieder eine große Herausforderung sein wird.

Nach Ihrer Ankunft können Sie gemeinsam mit Ihrem Kind zuerst die Nachbarschaft, dann den Ort oder die Stadt besichtigen. Geben Sie Ihrem Kind die Sicherheit, dass Sie immer da sind, um ihm zu helfen. Halten Sie sich mit Verboten zurück und erlauben Sie Ihrer Tochter, Ihrem Sohn, selbstständig Kontakte zu knüpfen und Freunde zu finden.

Viele Schulkinder erleben natürlich die neue Sprache als Problem – gerade dann, wenn die Übersiedlung nicht in den Schulferien stattfinden konnte und deshalb keine langsame Eingewöhnung möglich war. Für Kinder, die keinerlei Deutschkenntnisse haben, gibt es Sprachförderungskurse. Es ist sehr wichtig, diese Kurse regelmäßig zu besuchen, das Gelernte zu Hause zu wiederholen und die neue Sprache im Alltag einzusetzen. Gehen Sie als gutes Beispiel voran: Besuchen Sie selbst einen Sprachkurs und zeigen Sie Interesse z.B. an Zeitungen, Büchern und Fernsehsendungen in deutscher Sprache.

Ein Kind, das beobachtet, dass seine Mutter nur zu Hause oder bei türkischen Verwandten ist und sich nicht für die neue Kultur und Sprache interessiert, hat kein gutes Vorbild und leistet Widerstand. Hingegen wird es mehr Einsatz zeigen, wenn sich seine Eltern an die neue Umgebung aktiv anpassen.

Ein weiterer Tipp: Unterstützen Sie Ihre Kinder bei Unternehmungen außerhalb der Schule. Abhängig vom Alter können sie mit Freunden und Freundinnen in den Park oder ins Kino gehen, gemeinsam lernen, usw. Halten Sie sich mit Fragen wie „Ist das unbedingt nötig?“, „Ist das nicht zu teuer?“ nach Möglichkeit zurück.

Rechnen Sie jedenfalls nach dem Umzug mit Reaktionen Ihres Kindes. Eine so große Veränderung kann nicht spurlos vorübergehen. Wenn Ihnen Verhaltensänderungen zu lange andauernd oder zu heftig erscheinen, nehmen Sie Hilfe von Psychologen oder Psychotherapeutinnen in Anspruch. Das beweist, dass Sie Ihre Verantwortung ernst nehmen.

Unterrichtspflicht in Österreich
Die Unterrichtspflicht beginnt in Österreich am 1. September, nachdem Ihr Kind sechs Jahre alt geworden ist. Es ist an der Volksschule, die es besuchen soll, anzumelden. Die Einschreibfristen hängen von der jeweiligen Schule bzw. dem Bundesland ab. Mitzunehmen sind Meldezettel, Staatsbürgerschaftsnachweis oder Reisepass, Geburtsurkunde, Dokument zum Nachweis des Religionsbekenntnisses und Impfpass.

Nach vier Jahren Volksschule besteht für die nächsten vier Jahre die Wahl zwischen Allgemeinbildender Höherer Schule (AHS) Unterstufe, Hauptschule und Neuer Mittelschule (sozusagen eine Fortsetzung der gemeinsamen Volksschule für alle Schüler).

Für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf (d.h. Kinder, die aufgrund einer Beeinträchtigung dem Unterricht ohne besondere Förderung nicht folgen können) gibt es Integrationsklassen und Sonderschulen.

Nach der achten Schulstufe gibt es vier groSSe Schulrichtungen:

  • AHS Oberstufe oder Oberstufenrealgymnasium
  • Berufsbildende Höhere Schule (BHS) – HTL, HAK, HLW
  • Berufsbildende Mittlere Schule (BMS) – Fachschule, Handelsschule
  • Polytechnische Schule mit anschließender Berufsschule neben einer Lehre.

AHS und BHS schließen mit Matura ab und ermöglichen damit ein Studium. BHS und BMS bieten eine solide Berufsausbildung und ermöglichen einen direkten Einstieg in den Beruf. Die Unterrichtspflicht endet mit der 9. Schulstufe.

Aktuelle Informationen: www.bildungssystem.at, www.schulfuehrer.at
Schuldatenbank: www.schulen-online.at
Es gibt fast in jedem Bundesland Schulberatungsstellen mit türkischem Beratungsangebot.

Autor: Mag.a Katharina Ratheiser

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