Chlorhendl oder Freiland-Huhn

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein setzt sich für bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln ein, will ein modernes Hausarztmodell schaffen und die Gesundheitsförderung in den Schulen vorantreiben.

Wahrlich keine leichte Aufgabe, in Zeiten wie diesen das wohl wichtigste Ressort in der Regierung zu übernehmen. Aber das wusste Dr. Wolfgang Mückstein natürlich, als er am 21. April 2021 das Gesundheits- und Sozialministerium vom freiwillig scheidenden Rudolf Anschober übernahm. Dafür ist nicht nur Mut, sondern auch Ruhe, Zuversicht und Fachwissen erforderlich. Eigenschaften, welche der studierte Mediziner – außerdem noch für Pflege und Konsumentenschutz zuständig – durchaus unter einen Doktorhut bringt. Sich eine ganz dicke Haut zuzulegen, wäre auch noch ein guter Rat. In seinen obligaten weißen Sneakers (und das ist dann schon das einzige, was ich zur Diskussion um das ministerliche Schuhwerk beitragen werde) traf ich den Grünen-Politiker im krone.tv-Studio, wo er bei „Brennpunkt“-Moderatorin Katia Wagner zu Gast war, zum Interview.

Welche Strategien schlagen Sie vor, um den drohenden Mangel an Hausärzten zu verhindern?
Der hausärztliche Beruf ist ein schöner Beruf, gehört aber trotzdem attraktiviert und muss modernisiert werden, damit es den Lebenskonzepten der jüngeren Ärztinnen und Ärzten entspricht. Hier ist schon bei der Ausbildung anzusetzen. Ich kann mir etwa ein klinisch praktisches Ausbildungsjahr vorstellen, das bezahlt wird, wie es das schon im sg. Exzellenz-Programm gibt (Anm. der Red.: Im sechsten Ausbildungsjahr müssen die Jungärzte praktische Erfahrung sammeln und arbeiten. Aber nur im klinischen Bereich bekommen sie dafür eine Aufwandsentschädigung, im niedergelassenen Bereich nicht).
Dabei können die Kollegen schon einmal vorfühlen, wie das so ist in einer Hausarzt-Ordination. Jobsharing Modelle sind die Zukunft, denn kaum jemand will noch allein hinter dem Schreibtisch sitzen. Eine gute Alternative sind Gruppenpraxen, wo unterschiedliche Fachrichtungen zusammenkommen und es ein Ordinationsmanagement gibt.
Diese Modelle sollen den Hausarzt nicht ersetzen, sondern wieder mehr Interesse an diesem Beruf wecken sowie Allgemeinmedizin ergänzen.

Aber wie bekommt man junge Mediziner vermehrt in eine Landarzt-Praxis?
Durch verbesserte Arbeitsbedingungen. Junge Ärzte und Ärztinnen können oft keinen ganzen Kassenvertrag übernehmen, aber sie würden etwa Partner in einer Gruppenpraxis werden. Wir hatten bis jetzt oft die Situation, dass Hausärzte mit den vielen arztfremden Tätigkeiten überlastet sind. So kann es sein, dass der Arzt etwa die Infusion, die er verordnet, selber mischen und verabreichen oder das EKG selber schreiben muss. Und das ist nur ein einziges Beispiel. Es kann ein Hausarzt heute kein Psychologe oder Psychotherapeut sein, Wundmanager, Physiotherapeut und das alles in einem – dafür gibt es jeweils ausgebildete Personen. Hier ist lange nicht auf aktuelle Veränderungen reagiert worden. Die Medizin ist arbeitsteilig geworden. Eine gute Hausarztordination beinhaltet auch die Einbeziehung von anderen Gesundheits- und Sozialberufen.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von der Schaffung eines Facharztes für Allgemeinmedizin?
Davon halte ich viel. Das wollen wir machen und es steht bereits im Regierungsübereinkommen. Auch dies stellt eine Aufwertung dar. Die Ärztekammer ist ebenfalls dafür.

Stichwort „Community Health Nurse“ nach dem britischen Konzept der „Gemeindeschwester“?
Genau in diese Richtung sollte es gehen. Zum Beispiel nach der Entlassung aus dem Spital im Pflegebereich wäre so eine Betreuung für ältere Patienten sinnvoll, etwa bei der Wundversorgung in Form von Hausbesuchen. 15-20% der Hausbesuche, die über die Ordination stattfinden, können effizient auch durch Pflegepersonen durchgeführt werden.

In welchem Zeitrahmen könnte man das realistischerweise umsetzen?
Das braucht schon etwas Zeit, aber es steht ja z.B. der RRF Fonds der EU (Anm. d. Red.: Aufbauplan gegen die Corona-Wirtschaftseinbußen, engl. Recovery and Resilience Facility) zur Verfügung, der auch für die Gesundheit verwendet werden kann. Durch Anpassung der Kassenverträge, Honorierung zusätzlicher Leistungen und eben die Ausweitung auf andere Gesundheits- und Sozialberufe kann man hier die Versorgung besser aufstellen.

Das Prinzip ließe sich doch auch auf das Schularztsystem umlegen, oder?
Viele Aufgaben könnten School Nurses übernehmen, denn oft reicht es, wenn der Arzt als Backup vorhanden ist. Das werden wir laut Regierungsprogramm auch umsetzen. Für junge Menschen müsste in Wirklichkeit neben dem Schularzt auch ein Psychotherapeut und ein Sozialarbeiter zur Verfügung stehen.

Mit dem Gesundheitswissen („Gesundheitskompetenz“) der Jugend ist es in unserem Land leider nicht weit her. In Europa stehen wir hier an vorletzter Stelle…
Mich hat es immer schon gewundert, dass es als Unterrichtsfach nicht „Der Mensch“ gibt. Der Mensch in seinen sozialen Aspekten. Der Mensch und gesunde Ernährung. Den Kindern erklären: Warum soll ich Sport machen? Zur Gesundheitsförderung gehören präventive Maßnahmen wie geeignete Bildungsprogramme. Und natürlich darauf zu schauen, dass die Kinder nicht zu dick werden, ihnen zu erklären, was sie da überhaupt essen, wo Nahrungsmittel herkommen und wie diese hergestellt werden. Da bin ich gleich wieder bei der Kennzeichnungspflicht von Lebensmitteln…

Die Ihnen besonders wichtig ist?
Ich soll als Konsument wenigstens die Möglichkeit haben, mich für das Chlorhendl oder das Freiland-Huhn zu entscheiden! Darüber werde ich auch mit Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger sprechen, damit wir hier gemeinsam einen für den Verbraucher sinnvollen Weg finden.

Sind aktuelle Informationskampagnen (z.B. Fettleibigkeit/Adipositas, Diabetesvorsorge, Rauchen) geplant?
Wir setzen mit dem Programm Gesundheitsförderung 21+ dieses Jahr einige Schwerpunkte in diesem Bereich. Mit Rückkehr der Kinder in die Schule können wir auch in diesem Setting wieder mehr auf Gesundheit eingehen. Hier muss man so früh wie möglich ansetzen.

Vielleicht auch mehr Eigenverantwortlichkeit fördern?
Das Thema Eigenverantwortlichkeit ist immer zweischneidig – denn wir wissen, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wesentlich mitbestimmen, wie gut ich meine Eigenverantwortlichkeit wahrnehmen kann. Deswegen müssen wir beim Thema Gesundheit auch soziale Aspekte wie Armut und Chancengerechtigkeit mitdenken. Aus meiner Sicht ist das etwas, das wir aus der Pandemie mitnehmen können: Gesundheit ist nicht nur eine Frage für jeden Einzelnen, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft und damit auch alle Politikbereiche.

Wie schreitet eigentlich die Pflegereform voran?
Das ist weiterhin ein wichtiges Thema. Dafür möchte ich eine „Zielsteuerung Pflege“ etablieren, wo alle Verantwortlichen zusammen an einen Tisch sitzen und die jeweiligen Länder mit eingebunden werden. Zur Unterstützung von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen gibt es bereits fertige Pläne. Jeder kann schließlich in so eine Situation kommen. Mehr als 5% der Österreicher bekommen bereits Pflegegeld. Das sollte es uns wert sein, da bin ich dafür, dass wir mehr Geld in die Hand nehmen. Auch für Palliativpflege und Hospizwesen. Das ist doch schrecklich, wenn zu wenig Ressourcen da sind, um den Menschen einen anständigen Abschied zu ermöglichen…

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