„Bist Du aber groß geworden!”

Wer kann sich nicht an irgendwelche Tanten oder Bekannten erinnern, die einen regelmäßig mit den Worten begrüßt haben: „Bist Du aber groß geworden!“ Als Kind kann einem das ziemlich auf die Nerven gehen, denn bekanntlich zählt es zu den kindlichen Sehnsüchten, endlich groß zu sein. In kaum einer Zeit stimmt aber diese Wahrnehmung Erwachsener so sehr, wie rund um den sechsten Geburtstag. Ihr Kind macht einen umfassenden Entwicklungsschub: Der Körper verändert sich deutlich, seine geistigen und gefühlsmäßigen Fähigkeiten nehmen zu und Ihr Kleines wird insgesamt selbstständiger.

Vor lauter Aufregung rund um den Schuleintritt ist den wenigsten Menschen bewusst, wie einschneidend all diese Veränderungen sind, die ja die Voraussetzungen für die Schule schaffen. Kinderpsychologen sprechen von der „6-Jahres-Krise“. Es handelt sich dabei um eine Umbruchsphase.

Ihr Kind hat einen Wachstumsschub. Arme und Beine werden länger, der Kopf und der Rumpf wirken auf einmal kleiner, die Taille beginnt sichtbar zu werden. Die letzten Fettpölsterchen an Händen und Wangen aus der Kleinkindzeit verschwinden, und die ersten Milchzähne beginnen auszufallen. Mit einem Wort: Das Kindchenschema geht endgültig verloren, und erstmals schaut Ihr Kind wie ein kleiner Erwachsener aus. Für Ihr Kind ist dieser Wachstumsschub eine Herausforderung: Es muss sich erst an seine neue Körpergröße gewöhnen und ist manchmal ziemlich tolpatschig. Es kann Entfernungen schwerer einschätzen und stößt immer wieder wo an. Ihr Kind muss erst wieder mit sich selbst vertraut werden, und dafür braucht es Zeit. Es ist unsicher und kann sehr launenhaft sein. Eine kleine Entschädigung für die vielen körperlichen Veränderungen ist, dass die Finger kräftiger und geschickter werden – eine gute Basis für das Schreibenlernen in der Schule.

Auf der geistigen Ebene begreift Ihr Kind, dass es nicht mehr alles selbst erforschen muss, sondern dass man auch von anderen lernen kann. Es beginnt Vorbilder nicht mehr nur ungefähr, sondern ganz genau nachzumachen. Diese Fähigkeit ist wichtig, um Schreiben lernen zu können. Ein „A“ muss von anderen Menschen als solches erkannt werden können – die Angewohnheit von Kindergartenkindern, Dinge nur ungefähr nachzuspielen, reichen für das Schreiben des Alphabets einfach nicht mehr aus. Außerdem beginnt Ihr Kind immer selbstständiger zu denken. Es versucht besser zu unterscheiden und interessiert sich auch für abstrakte Begriffe. Durch den Kontakt mit Ihnen und anderen Erwachsenen weiß Ihr Vorschulkind immer besser, was richtig und falsch, was gut und böse ist. Es lernt Regeln und Verbote kennen und kann sich diese über längere Zeit merken. Es kann Regeln einhalten, Versuchungen – wie z.B. der Tafel Schokolade vor dem Mittagessen – widerstehen und die Bedürfnisse und Rechte anderer Menschen respektieren. Es hat bereits ein eigenes Gewissen als Orientierungshilfe.

Auch wenn uns Erwachsenen all diese Entwicklungen nur als kleine Schritte erscheinen,für Ihr Kind sind es ganz große Schritte, die viel Aufmerksamkeit, Kraft und Zeit brauchen. Was vorübergehend als Krise erlebt wird, ist ein weiterer Schritt zur größeren Selbstständigkeit. Übrigens: in der chinesischen Schrift besteht das Wort für Krise aus zwei Zeichen, das eine steht für Gefahr und das andere für Chance. Das gilt auch für die 6-Jahres-Krise.

Tipps für Eltern

  • Lassen Sie Ihr Kind bei Entscheidungen im Familienalltag mitreden.
  • Geben Sie ihm kleine Aufgaben und fördern Sie so sein Verantwortungsgefühl.
  • Üben Sie mit Ihrem Kind nicht rechnen, schreiben oder lesen. Die beste Vorbereitung auf die Schule ist ein vielfältiger Familienalltag, an dem das Kind aktiv teilnehmen kann.
  • Sie fördern die gesamte Entwicklung durch viel Bewegung, Kontakt mit anderen Kindern, Möglichkeiten zum Malen, Basteln und eventuell zum Musizieren.
  • Erzählen Sie Ihrem Schulkind, wie es bei Ihnen in der Schule war. Berichten Sie über schöne oder lustige Erinnerungen aus der eigenen Schulzeit. Für Ihr Kind ist es auch interessant, wie Sie damals gelernt haben. Sprechen Sie vom Lernen und noch nicht von Noten und Zeugnissen.
  • Setzen Sie Schule oder Lehrer/Lehrerinnen nicht als Drohung in der Erziehung ein. z.B. „Du wirst schon sehen, in der Schule musst Du dann… usw.“

Hilfe, ist mein Kind zu dumm für die Schule?
Oft wird die Schulreife mit einem Intelligenztest gleichgesetzt: Mein Kind ist gescheit genug, um in die Schule zu gehen. Schulreife ist ein Bündel von Fähigkeiten, die es Ihrem Kind ermöglichen, in der Schule gut zu lernen und sich in der Gruppe zu bewähren. Ein intelligentes, aber nicht schulreifes Kind profitiert durch die Verschiebung des Schulbeginns, da es in Ruhe seine Schulreife entwickeln kann. Wenn man es mit Obst vergleicht: Einen unreifen Apfel soll man noch am Baum lassen, da er so am besten reifen kann. Ein Apfel, der reif, aber einfach kleiner ist, wird am Baum nicht mehr größer, sondern höchstens faul. Also: kein Stress mit der Schulreife! Wenn Sie Zweifel haben, dann besprechen Sie dies mit der Kindergärtnerin/dem Kindergärtner, dem Kinderarzt/der Kinderärztin oder dem Schulpsychologen/der Schulpsychologin.

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