Bin ich gut genug?

Mütter von Kindern mit Behinderung werden in ihrem Alltag oft mit Anforderungen überfrachtet, die letztlich zur Überforderung führen können. Während der Säuglings- und-  Kleinkindzeit sind zu einem Großteil Müttermit der Betreuung der Kinder befasst. Kommt dann noch etwas Unerwartetes dazu, folgen meist Erschöpfungszustände, Selbstwertkrisen, vielleicht sogar das Burnout-Syndrom. Eine andere Erfahrung ist, dass Frauen an der Herausforderung auch wachsen. „Seit Erik in den Kindergarten geht, habe ich nach drei Jahren endlich wieder regelmäßig Zeit für mich alleine. Dienstags gehe ich jetzt Salsa-Tanzen, habe dort unglaublichen Spaß und denke nicht einmal an zu Hause,“ schwärmt Rosemarie, Mutter von Erik, einem mehrfachbehinderten Kind. „Ich habe gelernt, mir bewusst Zeit für mich zu nehmen, in der ich sehr genau darauf achte, wie ich zu neuen Kräften und zu mehr Lebensfreude komme. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Leben am besten klappt, wenn es mir gut geht. Davon profitiere nicht nur ich selbst, sondern die ganze Familie.“

Die Erwartungen, die an Mütter gestellt werden, klingen häufig anders. Kennen Sie diese Erwartungen, die wie Gespenster im Kopf herumspuken können?

  • Eine gute Mutter muss immer für ihre Kinder da sein.
  • Eine gute Mutter weiß immer, was ihre Lieben brauchen.
  • Eine gute Mutter ist immer liebevoll mit ihren Kindern, sie wird nie laut.
  • Eine gute Mutter ist immer gut drauf.

Diese Liste von Erwartungen an Mütter könnte wohl endlos fortgesetzt werden. Merken Sie, wie Sie beim Lesen dieser Zeilen immer kleiner werden und Ihre Mutterqualitäten anzuzweifeln beginnen? Dies ist  wohl auch die einzige Wirkung, die von solchenErwartungen ausgeht. Haben Sie Ihre verinnerlichten Erwartungen dieser Art noch nicht entrümpelt, dann ist es höchste Zeit, das nun zu tun.

Für Mütter von Kindern mit Behinderung ist es besonders wichtig, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten, scheinen doch die Bedürfnisse der Kinder und des Partners meist vorrangig.

Interview mit Julia
Julia ist verheiratet, teilzeitbeschäftigt und hat drei Kinder. Das mittlere Kind hat das Fragile X-Syndrom.

EB (Elternbriefe): Wie gelingt es Ihnen, Kraft für Ihr Leben zu tanken?
Julia: Ja, mittlerweile ganz gut. Ich habe für mich herausgefunden, dass es sehr wichtig ist, mir Auszeiten zu nehmen. Vor zwei Jahren ging es mir so schlecht, dass ich ins Krankenhaus musste und für meine Familie einige Wochen lang ausfiel. Damals habe ich mir geschworen, in Zukunft besser auf mich zu achten. Seither singen mein Mann und ich wieder im Chor und besuchen jeden Montag die Chorprobe. Meine Nachbarin schaut in dieser Zeit auf unsere Kinder. Einen Abend pro Woche nehme ich mir frei, ganz für mich alleine. Letzten Monat habe ich einen Aquarellmalkurs besucht. Ich habe schon vor den Kindern gerne gemalt. Morgen gehe ich mit meiner besten Freundin aus. Diese Abende verbringt mein Mann mit den Kindern, das ist eine fixe Einrichtung geworden. Alle freuen sich drauf.

EB: Was sagen Ihre Kinder dazu?
Julia: Anfangs fiel es ihnen schwer, mich gehen zu lassen. Ich musste mich richtig behaupten. Als sie dann aber merkten, welch wunderbar entspannte und fröhliche Mama von diesen Unternehmungen zurückkam, war der Bann gebrochen. Seither gehören diese Auszeiten zu unserem Familienleben wie Bügeln und Einkaufen.

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