„Bewegung bringt Gesundheit!“

Liebe Leserinnen und Leser, wir haben ein paar Tipps für Sie: Während Sie dieses Interview lesen, lassen Sie doch Ihre Schultern vor und zurück kreisen, lockern Sie Ihre Sprunggelenke und beugen und strecken Sie Ihre Knie. Das ist nicht nur gesund, das würde auch Ingrid Wendl an dieser Stelle tun. Die ehemalige Eiskunstläuferin (zweifache Europameisterin und Bronze-Gewinnerin bei den Olympischen Winterspielen 1956) und ORF-Moderatorin (u. a. „Seniorenclub“) plädiert nämlich für eine stärkere Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers, auch und besonders im Alter. Denn: Unseren Körper zu bewegen, das ist ein Geschenk, sagt sie. „Man kann immer etwas tun – man muss nur wollen!“ Mit aufrechtem Oberkörper, aber trotzdem entspannt sitzt Wendl beim Interview vor uns. Wir treffen uns in einem gemütlichen Caféhaus in ihrem niederösterreichischen Wohnort Perchtoldsdorf, Wendl bestellt sich frisch gepressten Orangensaft. Ihre 75 Jahre sieht man der Ex-ORF-Journalistin und ehemaligen Politikerin nicht an. Ihr trainierter Körper ist grazil wie eh und je, ihre Augen leuchten, wenn sie spricht. Vom Sport. Ihrer Karriere. Der jungen Generation und der alten. Ihrem Vater. Ihrem Ehemann. Man darf annehmen, Wendl ist zu Fuß zum Interviewtermin gekommen, das mag sie nämlich, „spazieren zu gehen – aber nicht latschen, sondern so richtig zügig!“. Wendl ist eine Grande Dame, die sagt, was sie sich denkt. Ihre Ehrlichkeit ist entwaffnend, ihr pointierter Humor auflockernd. Eine Grande Dame, die weiß, was sie in ihrem Leben geleistet hat, und nun gerne der nächsten Generation den Vortritt lässt – und dabei jeden Moment genießt. Man fühlt sich wohl mit Ingrid Wendl – weil sie sich mit sich selbst wohlfühlt.

GESÜNDER LEBEN: Was bedeutet für Sie der Begriff „gesünder leben“?
Ingrid Wendl: Es hat keinen Sinn, jedem Trend, der im Bereich Gesundheit angeboten wird, hinterherzurennen. Am wichtigsten ist, sich zu beobachten, zu erkennen, was einem guttut. Fühle ich mich wohl, weil ich gestern lange geschlafen habe? Am Abend weniger gegessen habe? Einen zügigen Spaziergang hinter mir habe? Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Ein großer Fehler ist, zu glauben, man findet heraus, was einem guttut, ohne sich dabei selbst zu beobachten. Deshalb mein Rat, möglichst früh mit der Selbstbeobachtung zu beginnen, nicht erst, wenn wir starkes Übergewicht oder Schmerzen haben. Denn dann den Körper wieder in die richtige Bahn zu bringen, ist sehr schwierig. Je früher man mit der Disziplin beginnt, desto leichter macht man es sich später im Leben. Das gilt für alle Bereiche.

GL: Je älter wir werden, desto weniger bewegen wir uns …
Die Kindheit ist ja toll: Man rennt, man springt, wir jubeln. All das schränken wir im Erwachsenenalter stark ein – auch das ungehinderte Frohsein. Das ist sehr schade. Man darf ja auch nicht vergessen, dass ein Körper, der es uns ermöglicht, uns ohne Schmerzen, ohne Verspannungen zu bewegen, auch sehr zum geistigen und seelischen Wohlbefinden beiträgt. Erst wenn es unserem Körper gut geht, können wir uns auf den kommenden Tag freuen.

GL: Hatten Sie selbst immer schon eine starke Körperwahrnehmung?
Als Spitzensportlerin lernt man natürlich von Beginn an Disziplin und achtet sehr genau darauf, wie der Körper beisammen ist. Tag für Tag. Seit dem 12. Lebensjahr hab ich immer irgendeine Körperstelle, die mir wehtut. Aber man lernt, was man dagegen tun kann, welche Bewegungen guttun. Beim Training selbst vergisst man sowieso alle Schmerzen. Die Disziplin für den eigenen Körper habe ich nie verloren. Das ist für mich wie Zähneputzen. Beginnen wir doch, unseren Körper zu spüren und kennenzulernen, anstatt uns bei Schmerzen sofort mit Medikamenten zuzudröhnen! Klar, man spürt dann nichts mehr – aber nichts mehr spüren bedeutet auch, tot zu sein.

GL: Was tun Sie also bei körperlichen Wehwehchen oder auch Schmerzen?
Ich überlege mit Hausverstand, woher der Schmerz kommt. Habe ich gestern zu lang und viel im Garten gearbeitet? Dann mache ich bestimmte Übungen, die gegen den Schmerz helfen und angenehm sind. Die Schultern kreisen zu lassen zum Beispiel, hilft gegen Verspannungen – und keine Angst, wenn es knackst und kracht, sind das nicht die Knochen, die zerbröseln, sondern bloß die verspannten Muskeln! Oder ich bewege mein Fußgelenk auf und ab und lasse es kreisen. Beuge und strecke mein Bein paarmal hintereinander, das tut dem Knie gut. Es gibt so viele solcher Übungen, die nichts kosten – nämlich auch nicht Zeit –, die man auch nebenher machen kann und die so viel bewirken. Schauen, was dem Körper guttut und in Folge das vermeiden, was ihm nicht guttut.

GL: Bewegen sich junge Leute heute weniger? Haben sie verlernt, auf den eigenen Körper zu hören?
Den Eindruck habe ich durchaus. Modern ist es, „cool“ zu sein. Das bedeutet, dass man über den Dingen steht, dass einem alles egal ist, dass man souverän wirken will. Das ist nachvollziehbar, als Junger mag man sich von den Älteren nichts vorschreiben lassen. Wenn ich aber sehe, wie blühende, junge, wunderschöne Geschöpfe mit hängenden Schultern, einem vorgeschobenen Becken, das einen Wohlstandsbauch signalisieren soll, durch die Gegend schlurfen, dann kann ich nur traurig den Kopf schütteln. Viele junge Leute gehen auch knieweich, was allerdings sehr ungesund für den gesamten Körper ist. In dem Augenblick, in dem man die Beine streckt, beansprucht man gleichzeitig die Bauchmuskulatur, welche wiederum die Rückenmuskulatur stärkt etc. Gleichzeitig gibt es viele junge Männer, die täglich Stunden im Fitnessstudio verbringen, um das Stählen des eigenen Körpers zu zelebrieren, dabei womöglich noch Anabolika oder Ähnliches zu sich nehmen. Auch das ist nicht gut. Eine Balance ist wichtig.

GL: Sport im Alter …
… ist extrem wichtig. Ich gehe bis heute an meine Grenzen, schaue, wie weit ich gehen kann. Wie weit ich meine Kondition verbessern kann. Ich finde, gerade wenn man älter wird und das Bedürfnis hat, nichts zu tun, faul zu sein, ist es wichtig, sich selbst zu motivieren. Klar, auch ich faulenze gerne, vor allem im Urlaub, aber dann brauche ich auch wieder körperliche Betätigung. Oder auch umgekehrt: Entspannt auf der Couch zu liegen, ist doch schöner, wenn man sich vorher ausgepowert hat. Denn nur dann kann man glücklich faul sein.

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