Besondere Kinder – besondere Anforderungen – normaler Umgang

Alle Eltern wünschen sich während der Schwangerschaft, dass ihr Kind gesund zur Welt kommt. Manchmal ist das nicht der Fall und Mutter und Vater stehen vor einer großen Herausforderung. Sie müssen akzeptieren, dass ihr Kind anders ist und nicht den Idealen der Gesellschaft entspricht. In dieser ersten Phase der Bewältigung und Auseinandersetzung mit den besonderen Anforderungen an die eigene Person treten Schmerz und Trauer auf. Vater und Mutter bräuchten mehr Zeit für sich, um neue Perspektiven entwickeln zu können, doch es stehen oft viele Gespräche mit Fachleuten an, um die Folgen und Therapiemöglichkeiten der Behinderung zu erfahren.

Nach dem anfänglichen Schmerz folgt die Unsicherheit wie man es den Verwandten und Freunden sagt. Wie werden sie reagieren? Die Menschen im sozialen Umfeld der Familie brauchen genauso wie die Eltern Zeit um zu lernen mit der Situation umzugehen. Viele sind anfangs unsicher, da sie zu wenig wissen über den Umgang mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Durch die von den Eltern gegebenen Informationen wird ihnen der Zugang zum Kind erleichtert. Der Rückzug der Eltern in ein Schneckenhaus ist nicht der richtige Weg. Die Menschen im sozialen Umfeld sollten von den Eltern ermuntert werden sich mit dem Kind zu beschäftigen. Es ist für Eltern sehr wichtig zu erleben, dass die Umwelt freundlich und positiv auf ihr Kind reagiert.

Der Alltag mit einem besonderen Kind ist geprägt durch die notwendige spezielle Förderung und ein Mehr an Terminen mit Ärzten und Therapeuten. Die Eltern versuchen die Bedürfnisse des Kindes in den bisherigen Alltag zu integrieren, was sicher nicht immer einfach ist. Das Kind soll das Gefühl bekommen dazu zu gehören. Um das Kind im Familienverband bestmöglich zu unterstützen und zu fördern ist ein hohes Maß an Normalität des Familienalltags notwendig, wozu große Anpassungsleistungen erforderlich sind. Erst dadurch wird die Familie ihre Stabilität und Ausgeglichenheit wieder finden.

Jedes neue Familienmitglied verändert eine Familie und stellt sie vor andere Herausforderungen. Geschwister warten mit gemischten Gefühlen auf das Baby. Einerseits freuen sie sich auf das gemeinsame Spielen, andererseits befürchten sie, dass es den Eltern wichtiger ist als sie selbst. Eine gute Grundlage für eine positive Geschwisterbeziehung ist der natürliche und selbstverständliche Umgang mit dem Baby. Werden die Geschwister von den Eltern in den Alltag miteinbezogen, können sie den Umgang mit dem neuen Familienmitglied lernen und ihre eigenen Erfahrungen machen. Wichtig ist, dass ihnen ihrem Alter entsprechend erklärt wird, warum das Baby anders ist und dass niemand daran Schuld hat. Oft reicht es schon zu sagen, dass es langsamer lernt. Kinder gehen mit dem Anderssein ihrer Mitmenschen viel natürlicher um als Erwachsene. Sie haben keine Vorurteile und finden schnell einen unkomplizierten Zugang zu ihrem besonderen Geschwisterkind, in späterer Folge auch zu anderen Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Die Vorurteile, die in unserer Erziehung durch die gesellschaftlichen Normen entstanden sind, müssen abgebaut werden und es beginnt die Zeit der Neuorientierung mit einem veränderten Wertesystem. Jedes Kind ist einzigartig, eine selbständige Persönlichkeit mit all seinen Besonderheiten und Fähigkeiten und bringt seine Qualitäten in die Gesellschaft mit ein. Unsere heutige Gesellschaft ist von Leistung, Erfolg und dem Streben nach Materiellem geprägt, doch viel wichtiger ist, dass ein Kind mit besonderen Bedürfnissen seine Umwelt durch sein unbefangenes Wesen, seine Natürlichkeit und die Freude an scheinbar unwichtigen Dingen enorm bereichert. Zwischenmenschliche Werte gewinnen an Wichtigkeit und verbessern die Lebensqualität der Familie trotz der enormen unterschiedlichen Belastungen. Es stellt sich die Frage, ob die Lebensqualität einer Familie eher durch das Vorhandensein eines behinderten Mitglieds vermindert wird oder durch die Schwierigkeiten, die im Alltag gemeistert werden müssen. Vielleicht sollte die Gesellschaft eher auf die vorhandenen Möglichkeiten und Kompetenzen eines Menschen achten als auf eventuelle Schwächen und Störungen!

Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen, die einen aktiven Weg gefunden haben damit umzugehen, tragen einen großen Teil zur Integration ihrer Kinder bei und helfen anderen durch ihr Vorbild die Angst zu reduzieren und einen respektvollen Umgang mit diesen besonderen Menschen zu lernen.

Autor: Mag. Susanne Strasser, Klinische- und Gesundheitspsychologin

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