Beratung wozu?

Sagen wir „H“: „Der große Hochzeitsratgeber“. Nein, das nicht? Dann vielleicht: „Originelle Heiratsanträge“? Okay, wahrscheinlich braucht nicht jeder und jede Beratung! Doch es ist schon beeindruckend, wo Beratung überall vorkommt (und in Anspruch genommen wird). Als „Produktinformation“ hat sie ihren Platz in der Werbung und im Verkauf, „Ratgeber“ kommen in allen Medien zu Wort, Broschüren und Sachbücher dienen der Beratung, das Internet (hatten wir schon), persönliche „Netzwerke“ (z.B. Freundinnen und Freunde) und natürlich die Vielzahl von Beratungseinrichtungen mit ihren professionellen Angeboten für so gut wie jede Frage, die sich Personen oder Organisationen so stellen. Selbst die Berater kommen immer weniger ohne Beratung aus.

Warum ist Beratung und vor allem professionelle Beratung so wichtig geworden? Viele erleben es so, dass die gesellschaftliche Modernisierung bzw. der „hochtourige“ Wandel Unsicherheit und Orientierungsprobleme mit sich bringen. Man sieht aber auch eine Anstrengung zur Bewältigung dieser Krise, die quer durch die Gesellschaft läuft. In diesem Zusammenhang bestehe die „Magie der Beratung“, wie Soziologen sagen, darin, dass sie unverbrüchlich für die Bezwingbarkeit von krisenhaften Lagen einsteht.

Undurchschaubarkeit der Verhältnisse bedeutet Angst, Fehler zu machen oder auch Interesse, keine unnötigen Fehler zu machen. Trotz unübersichtlicher Vielfalt von Möglichkeiten kann es in einer Situation Ehrgeiz oder Erfordernis sein, die beste Entscheidung oder Handlungsweise zu finden. Und wenn es wirklich „eng“ geworden ist und es darum geht einen Ausweg zu finden – in jedem dieser Fälle ist es heute ganz normal an Beratung zu denken. Die „Beratungsgesellschaft“ als Gegenstück zur „Risikogesellschaft“? So gesehen ist Beratung heute nicht „peinlich“. Eher umgekehrt. Peinlich kann es unter Umständen werden, Beratung nicht in Anspruch genommen zu haben. (Kein angenehmer Gedanke, aber eine andere Geschichte.)

Bei „Erziehungsberatung“ oder „Beratung von Eltern und Jugendlichen“ gilt dies allerdings mehr für die Erwachsenen als für die Jungen. Die zeigen sich oft als Beratungsmuffel. Was nicht ausschließt, dass sich Burschen und Mädchen dann doch auf diese Form vertrauensvoller Kommunikation einlassen.

Jedenfalls sind es ganz überwiegend Eltern (Mütter), die um einen Termin nachfragen. Manchmal melden sie sich auf Drängen Dritter. Meist aber kommen sie mit dem Gefühl, dass es an einem bestimmten Punkt aus eigener Kraft oder in der gewohnten Weise (vielleicht) nicht gut weiter geht. Für die Jugendlichen gibt es eine etwas andere Hürde als diese Selbsteinschätzung (und dann natürlich den Aufwand der praktischen Umsetzung). Stellen Sie sich bitte vor, Sie wären im jugendlichen Alter gerade dabei das eigene, eigenwillige Leben kennen zu lernen. Wie unterscheiden Sie da normale Probleme von Problemen, für die Sie besser Beratung in Anspruch nehmen? Und was dann, wenn Ihnen Ihre Eltern oder Lehrer Beratung so wortreich und warm ans Herz legten, dass sie Ihnen verdächtig geworden ist? Oder wenn Ihre Mutter mit Ihnen unerschrocken zur Beratung ginge, in der festen Absicht, dass dem Sprössling da endlich das beigebracht (oder aus ihm heraus gebracht) wird, was zu Hause einfach nicht gelingen will? Oder, wenn Sie merkten, dass z.B. den Vater bald Lust, Mut oder Ausdauer für die Beratung verlässt?

Abgesehen davon, dass man sich am Anfang fremd ist, sind oft die Rollen von Berater und Beratenem nicht vertraut und die Atmosphäre am Beginn entsprechend „gezwungen“. Traditionelle Beratung kann (nicht nur) für Jugendliche auch eine Komplikation bedeuten, weil sie mit Menschen rechnet, die sitzen bleiben, wieder kommen, sich auf Warteschleifen einlassen. Da ist der Stein der Weisen sicher noch nicht gefunden. Eine sehr gute Lösung bietet oft die Beratung der Jugendlichen gemeinsam mit den Eltern. Für Beratung Jugendlicher hat übrigens die Gruppe der Gleichaltrigen (die Peergroup) an Bedeutung gewonnen, und es kommt auch das Internet ins Spiel: in Foren und Chats, aber auch durch echte „Beratungsstellen“ wie www.talkbox.at. Eine prinzipielle Grenze ist der Beratung sicherlich dort gesetzt, wo das Verhalten von Menschen – aus welchen Gründen immer – als durch sie selbst nicht korrigierbar begriffen werden muss. In manchen dieser Fälle kann da von einem Übergang von Beratung zu „Therapie“ gesprochen werden.

Sollten Sie nun darauf gekommen sein, was Sie über Beratung wissen wollten, hier aber nicht er-fahren haben? Bitte, fragen Sie! Sie könnten sich zu helfen wissen.

Autor: Dr. Wolfgang Fiebinger, Klinischer- und Gesundheitspsychologe

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