Bei Rheuma auch selbst handeln!

Wer seinem Arzt folgt, hat viel bessere Chancen auf ein schmerzfreies Leben, ohne arge Einschränkung der Lebensqualität. Bewegung wirkt nachweislich gegen die Entzündung. Von Dr. med. Wolfgang Exel

Rheuma gehört zu den sogenannten Autoimmunerkrankungen: Die Abwehr richtet sich gegen den eigenen Körper. Neben Gelenken, Muskeln, Wirbelsäule und Bindegewebe können auch Organe wie Herz, Lunge, Nieren, Darm, Augen oder die Haut betroffen sein. Das heißt, dass eine rheumatische Erkrankung natürlich in erster Linie Schicksal ist. Doch Facharzt Dr. Thomas Schwingenschlögl appelliert anlässlich des Weltrheumatages (12. Oktober) an alle Patienten: „Wir haben längst den wissenschaftlichen Beweis dafür, dass aktive Mitarbeit der Kranken viel Leid ersparen kann!“ 

Noch vor rund 30 Jahren galt Rheumatismus nicht nur als unheilbar, sondern konnte auch nur unzureichend behandelt werden. Die Folgen waren neben Dauerschmerzen häufig verformte Gelenke und Einschränkung der Beweglichkeit bis hin zur Versteifung und völligen Unbrauchbarkeit. Der rasante medizinische Fortschritt hat die Situation innerhalb der letzten Jahren geradezu spektakulär verbessert. Dr. Schwingenschlögl: „Neue Instrumente, wie der frühe Einsatz von speziellem Ultraschall (Power Doppler) und Magnetresonanztomografie (MRT) sowie biochemische Marker im Blut, erlauben eine rasche Diagnose. Diese ist das Um und Auf einer erfolgreichen Therapie! Der schnelle Einsatz hervorragender neuartiger Medikamente (etwa Biologika und Small Molecules) neben den herkömmlichen Basismitteln kann zum kompletten Stillstand des entzündlichen Geschehens führen. So werden Verformung und Zerstörung der Gelenke verhindert.“ 

Patienten sollten aktiv mitwirken! 
Leider stehen diesem Erfolg allzu oft die Patienten selbst im Wege, wie Rheumatologe Schwingenschlögl bedauert: „Engmaschige Kontrollen und ärztliche Anpassung der Medikation funktionieren ja noch halbwegs. Aber mit der strikten Einhaltung des vom Arzt festgelegten Therapiekonzeptes sieht es leider traurig aus. Ich meine konkret, dass die meistens dringend notwendige Änderung des persönlichen Lebensstiles nicht klappt. Dabei wird doch nichts Unmögliches erwartet: auf gesunde, kalorienarme Kost umstellen, nicht rauchen, Übergewicht vermeiden, mehr Bewegung machen (nicht zuviel vor dem Computer, Handy oder TV-Apparat sitzen), sparsam mit Alkohol umgehen, Softdrinks vermeiden – ist das wirklich zu viel verlangt?“ 

Um die Entscheidungen der Patienten günstig zu beeinflussen, stehen unzählige Möglichkeiten zur Aufklärung zur Verfügung. Neben Gesprächen mit dem Behandler auch Folder, Broschüren, Videos, Podcasts, Websites, Portale und Foren von Selbsthilfegruppen oder diverse Health Apps. Die Realität sieht derzeit jedoch so aus, dass weltweit höchstens die Hälfte aller Rheumatiker bereit ist, entsprechend mitzuarbeiten. In den USA werden etwa zwei Drittel aller Krankenhausaufenthalte nur darauf zurückgeführt, dass sich Rheumaleidende nicht an die ärztlichen Empfehlungen halten! 

Dr. Schwingenschlögl kann weitere Daten präsentieren: „Laut Studien verdienen nur rund 30% der Rheumapatienten Lob. Dabei kommt es durch das eigenmächtige Absetzen oder Dosisreduktion von Medikamenten unweigerlich zum Anstieg der Krankheitsaktivität bzw. zu Rheumaschüben! Grund für diese Entwicklung ist das Überschätzen möglicher Nebenwirkungen. Hier besteht ein klares Defizit an Aufklärung!“

Als Lohn weniger Schmerzen

Zum Glück gibt es ein kleines Licht am Horizont: Eine Patientenumfrage vor zwei Jahren zeigte zumindest in Österreich erste ermutigende Ergebnisse: 44% der Patienten haben gemeinsam mit dem Arzt ein Therapieziel festgelegt und fühlen sich dadurch besser versorgt. Der Lohn bestand nachweislich in Schmerzfreiheit oder zumindest Linderung, Abschwellung und Abklingen der Gelenksentzündung, gute Verträglichkeit der Medikamente, bessere Lebensqualität. Betroffene können bei der Therapieentscheidung aktiv mitwirken, wie Dr. Schwingenschlögl versichert. Zum Beispiel, ob Arzneimittel als Infusion, als Injektion unter die Haut oder oral (schlucken) verabreicht werden sollen. Die meisten Kranken (69%) bereiten sich speziell auf den Arztbesuch vor, indem sie neue Befunde mitnehmen und eine Frageliste zusammenstellen. 

Großen Anteil an dieser doch erfreulichen Entwicklung haben in unserem Land die Printmedien! Sie greifen das Thema Rheuma regelmäßig auf und haben damit den Wissensstand in den letzten 20 Jahren deutlich angehoben. Schwingenschlögl: „Wir wissen verbindlich, dass seither Betroffene einen Spezialisten in Eigeninitiative frühzeitig aufsuchen und so ihre Chancen wesentlich erhöhen. Der in meiner Praxis am häufigsten geäußerte Wunsch lautet: ,Ich möchte den Alltag wie ein gesunder Mensch erleben können!‘ Das ist machbar!“

Übergewicht spielt entscheidende Rolle

Zurück zum Lebensstil: Besonders Übergewicht hat großen Einfluss auf den langfristigen Verlauf rheumatischer Entzündungen. Der Zusammenhang zwischen der Menge an Fettgewebe und einem entzündlichen Prozess besteht ganz klar. Vor allem die Vermehrung von braunem Fett ist gefährlich, wie Dr. Schwingenschlögl erklärt: „Es produziert vermehrt freie Fettsäuren und Botenstoffe, die letztlich Entzündungen gleichsam anheizen. Menschen mit einem BMI von über 30 gelten nicht nur als fettleibig, sie haben grundsätzlich eine erhöhte Entzündungsneigung verglichen mit Normalgewichtigen. Dieser Zustand gilt als hoher Risikofaktor!“

Laut allen wissenschaftlichen Arbeiten wirkt regelmäßige Bewegung (3 mal 45 Minuten wöchentlich) der Krankheit entgegen. Die Aktivität der Entzündung wird sozusagen heruntergefahren. Rheumatologen empfehlen besonders gelenkschonende Sportarten wie Nordic Walking, Radfahren, Skilanglauf, Schwimmen, moderates Krafttraining oder Tanzen. Junge Rheumatiker können sich auch etwas intensiver sportlich betätigen (Skifahren, Mountain Biken oder Klettern). 

Allerdings haben die Rheumatiker hier ein massives Defizit: Nur 19% sind mehr als zwei Stunden wöchentlich aktiv: Dabei haben jene, die 8 Stunden am Tag sitzen, ein um rund 80% höheres Sterberisiko. 15 Minuten täglich Bewegung würde die Mortalitätsrate um 14% senken. Aber Zahlenspiele sollten gar nicht notwendig sein: Einfach ein Herz nehmen und ein bisschen Sport betreiben. Am besten in Gesellschaft!

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