Auf der Suche nach dem eigenen Ich

„‘leine!”, brüllt Ihr kleiner Fratz und weigert sich beharrlich, sich füttern zu lassen. Dreht trotzig den Kopf weg, protestiert, „Nein, leine!”, „l’eine!”. Bis Sie endlich nachgeben und ihm den Löffel in die Hand drücken. Zufrieden patscht er in den Brei, ein Löffel landet im Mund, drei daneben. Binnen kurzem sind er, der Essplatz und Sie vollgepatzt …

„Sehr schön, jetzt beginnt er, seinen Willen zu entdecken und selbstständig zu werden. Er will lernen, selbst zu essen”, denken Sie sich wahrscheinlich nicht. Aber genau das ist es: Etwa ab dem 18. Monat beginnt Ihr Kind, sein eigenes Ich zu entdecken und erste Schritte in die Selbstständigkeit zu tun: Es beginnt zu spüren, dass es einen eigenen Willen hat; dass es diesen anderen mitteilen kann und dann geschieht, was es will. Dass es Kontrolle ausüben kann: Es kann sich etwas ausdenken, vom Papi verlangen, und der tut es. Dass es „Nein” sagen kann, wenn andere etwas von ihm wollen. Und es entdeckt, dass es selbst auch so tun will, wie die Großen: essen, anziehen, Sachen holen, Sachen wegtun, den Kinderwagen schieben. So anstrengend dies auch für Sie als Eltern sein kann, für die Persönlichkeitsentwicklung Ihres Kindes ist es ganz entscheidend, seinen Willen üben zu können.

Diese Entwicklungsschritte sind eine mindestens ebenso große Leistung wie Gehen oder Sprechen lernen. Und eigentlich ebenso viel Lob wert – was aber schwer fällt! Denn aus einem „braven” Kind, das mehr oder weniger alles mit sich machen ließ, wird plötzlich ein widerspenstiger „Nein-Sager”, der ständig seinen Willen durchsetzen will – was zu Konflikten, Verärgerungen, den ersten Machtproben führt.

Nicht nur, weil Ihr Kind natürlich vieles von dem, was es alleine machen will, noch nicht kann – und Ihnen damit viel Arbeit beschert. Sondern auch, weil es mit seinem Willen noch nicht umgehen kann. Es spürt nur „ich will aber” – und probiert das aus. Übt es immer wieder, genauso wie es unermüdlich Treppen auf- und absteigt.

Dabei muss Ihr Kind erfahren, dass auch andere einen Willen haben. Wir Erwachsene sind an den Wechsel von Bestimmen und Anpassen gewöhnt und haben gelernt, damit umzugehen. Nicht so ein Kind: Wenn es darin scheitert, seinen Willen durchzusetzen, fühlt es sich besiegt, als Versager. Dann protestiert es, mit Schreien, Weinen, Trotz – aber nicht gegen Sie, sondern gegen diese Enttäuschung. Da weiß Ihr Kind genauso wenig, wie ihm geschieht, wie bei anderen unangenehmen Gefühlen, die es in dieser Zeit kennenlernt: Zweifel, ob es etwas schaffen wird, Scham z.B. darüber, dass etwas nicht gelungen ist. Diese Gefühle haben durchaus ihren Sinn, sie warnen und schützen vor zu großen Schwierigkeiten. Aber Ihr Kind kommt alleine damit noch nicht zurecht – es braucht Ihre Hilfe. Bei Zweifel kann ihm Ermutigung helfen, wenn es sich schämt, die Möglichkeit, sich z.B. hinter Papas Hosenbein zu verstecken. Generell hilft – wie in der ganzen Sache mit der Selbstständigkeit – das sichere Gefühl, dass „Mama und Papa mich immer lieb haben”.

 

Für Eltern kann diese Zeit wirklich mühsam sein. Sie bekommen das ganze Durcheinander von neuen Empfindungen ab, die Ihr Kleines da erlebt. Sie werden zum Ziel von richtigen Mutproben: „Hält die Mama das aus, wenn ich so wütend bin? Mag mich der Papa vielleicht nicht mehr, wenn ich etwas anderes will als er?” Und Sie müssen mit einem Wechselbad an Gefühlen zu recht kommen: Gerade haben Sienoch innig geschmust, plötzlich stößtIhr Kind Sie weg. Oder, umgekehrt:Ansatzlos kippt es von der Rolle als„selbstständiger Großer” zurück zum„kleinen hilflosen Baby”.  

 

Das braucht jede Menge Geduld, viel Flexibilität und Feinfühligkeit. Wie beim Gehenlernen müssen Sie immer wieder abwägen: Wie viel Freiraum kann ich meinem Kleinen geben, was kann es selbst, wo muss ich helfen – und wo muss ich Grenzen setzen. Doch die Mühe lohnt sich. So wie Ihr Kind nach unzähligen Gehversuchen dann sicher auf seinen zwei Beinchen durch die Welt stapft, wird ihm seine einmal erworbene Selbständigkeit das ganze Leben lang eine unverzichtbare Basis bleiben. 

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