Antidepressiva gegen Schmerzen

Wer einmal an Schmerzen leidet, der nimmt eine Tablette und der Schmerz ist weg. Wer ständig an Schmerzen leidet, bei dem funktioniert diese chemische Hilfe nicht mehr. Vor allem wenn sich der Schmerz unabhängig von der einstigen Ursache verselbstständigt hat und chronifiziert ist, beginnt für viele Patienten ein Leidensweg, der sie von einem Arzt zum nächsten treibt. Was sich salopp „Doctor-Shopping“ nennt, ist für die Betroffenen alles andere als ein Vergnügen. Sie unterziehen sich verschiedenen Therapien, die oft wenig oder nur kurz wirken. Irgendwann gelangt ein jeder chronischer Schmerzpatient an einen Arzt, der ihm zur Einnahme von Antidepressiva rät. „Warum sollte ich Antidepressiva nehmen, ich bin doch nicht depressiv!“ ist ein häufiger Einwand, der ungläubig, abwehrend oder auch erbost geäußert wird. An diesem Punkt ist Aufklärung nötig. Zwar werden manche Schmerzpatienten im Laufe der Zeit depressiv, doch hier geht es um die nicht depressiven Patienten. Warum sollten diese Antidepressiva nehmen? Die Erklärung: Bei anhaltenden Schmerzen kommt es zu neurochemischen Veränderungen in Gehirn und Rückenmark. Wer ständig Schmerzen leidet, verbraucht die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Diese wiederum sind für uns sehr wichtig, denn sie beeinflussen sowohl die Schmerzempfindung als auch den Schlaf und auch unsere Stimmung. Hören die Schmerzen nicht mehr auf, erschöpfen sich die Reserven der Botenstoffe und die Schmerzfilter im Gehirn werden immer durchlässiger. Die Folge: Der kleinste Impuls genügt, um Schmerzen auszulösen.

Botenstoffe zuführen. Und hier setzt die Therapie mit Antidepressiva an, eine Therapie, die man viel treffender Botenstofftherapie nennt. In diesen Medikamenten ist der Botenstoff Serotonin oder eine Kombination aus Serotonin und Noradrenalin enthalten. Da diese Botenstoffe durch die anhaltenden Schmerzen verbraucht wurden, herrscht ein chemisches Ungleichgewicht, nämlich ein Serotoninmangel im Gehirn, welches durch die Zufuhr dieser Botenstoffe nun ausgeglichen wird. Man unterteilt die Präparate in „klassische“ und „moderne“ Antidepressiva, die bei vielen chronischen Schmerzerkrankungen, wie etwa bei Nervenschmerzen und auch bei Phantomschmerzen, eingesetzt werden. Zwar werden dieselben Wirkstoffe (Serotonin und Noradrenalin) auch für die Behandlung von Depressionen herangezogen, dort jedoch in wesentlich höherer Dosierung. In der Schmerztherapie werden diese Medikamente zur Behandlung der Schmerzen verordnet und nicht, weil der behandelnde Arzt eine psychiatrische Krankheit vermutet.

Irreale Ängste. Viele Patienten scheuen eine solche Therapie, weil sie sich vor Sucht und Abhängigkeit fürchten. Diese Ängste sind jedoch unbegründet. „Eine Therapie mit Botenstoffen macht weder süchtig noch abhängig. Sie verändert auch die Persönlichkeit in keiner Weise“, beruhigt Primar Dr. Josef Macher, Ärztlicher Leiter der Linzer Klinik Diakonissen. Dauerhafte Schmerzen führen mit der Zeit zu Schlafstörungen und schlechter Stimmung. Gelingt kein Durchbrechen dieses Kreislaufs, besteht die Gefahr von Erschöpfungszuständen und echten Depressionen. Vor allem der Schlaf aber ist für Schmerzpatienten besonders wichtig, denn im Tiefschlaf entwickeln sich die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, deren Aufgabe es auch ist, die Übertragung von Schmerzreizen zu stören. Der Vorteil einer Botenstofftherapie: Sie beeinflusst alle drei Symptome positiv – die Schmerzen, den Schlaf und dadurch auch die Stimmung.

Langsame Besserung. Zu Beginn einer Botenstofftherapie treten gelegentlich bis häufig Nebenwirkungen wie übermäßige Schläfrigkeit, Benommenheit und Mundtrockenheit auf. Was aber am augenfälligsten ist: Der Schlaf wird lang und tief. Der Schmerzlevel sinkt von Woche zu Woche ein wenig, am Anfang oft unmerklich. Die Besserung tritt wellenförmig auf, guten Phasen folgen schlechte, es ist ein Auf und Ab. Insgesamt ist es ein langsamer, schleichender Prozess. „Die Tendenz muss stimmen. Hat der Patient nach einigen Wochen oder gar Monaten nicht das Gefühl, dass es besser wird, sollte man über ein anderes Präparat oder eine Änderung der Dosierung oder einen Abbruch der Therapie sprechen“, sagt Dr. Macher. Eine Therapie mit Botenstoffen benötigt Geduld. Mindestens sechs bis zwölf Monate dauert es, bis der Schmerzfilter wieder voll funktionieren kann. Es empfiehlt sich, die Zeit auch aktiv zu nutzen und verstärkt Bewegung und Sport ins Leben zu bringen. Man sollte sich nicht zurückziehen, sondern seinen Alltag aktiv gestalten. „Aufpassen sollte man bei Alkohol, er kann die Wirkung der Botenstoffe verstärken oder auch aufheben. Kleine Mengen Alkohol sind aber meist kein Problem“, sagt Dr. Macher.

Hohe Erfolgsrate. „Rund 90 Prozent der Patienten erreichen zumindest eine so deutliche Schmerzlinderung, dass sie sich wieder wohlfühlen. Wurde auch die ursprüngliche Schmerzquelle beseitigt bzw. begleitende Maßnahmen (z. B. Schmerzblockaden) durchgeführt, wird die Besserung oder Heilung zumeist auch nachhaltig sein“, sagt Dr. Macher. Wenn man die Therapie beenden möchte, darf man die Einnahme der Tabletten nicht einfach beenden, sondern man sollte die Dosierung Schritt für Schritt reduzieren.

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