Also doch „erziehen“? Aber wie?

Die heutzutage allgemein akzeptierte Erkenntnis liegt in der goldenen Mitte: die meisten Verhaltensweisen haben zwar eine ererbte Basis, sind aber in hohem Maße durch Lernprozesse veränderbar. Daher ist es wichtig und notwendig, die Umwelt und Erziehung eines Kindes so günstig, so anregungsreich und so bedürfnisgerecht wie möglich zu gestalten.

Ein Kind zu erziehen ist eine wunderschöne Aufgabe, oft aber auch geistig und körperlich anstrengende Arbeit. Das Zusammenleben mit Kindern stellt Eltern immer wieder vor schwierige Situationen und fordert sie heraus, ihre bisherigen Methoden zu überdenken. Um Kinder durch entsprechende Erziehung auf den „richtigen“ Weg zu führen, sollten Eltern darüber Bescheid wissen, wie Kinder eigentlich ihre Erfahrungen machen, Neues lernen und möglicherweise „unerwünschtes“ Verhalten wieder verlernen können.

Lernen am Modell

Je jünger Kinder sind, desto stärker lernen sie durch Beobachtung und Nachahmung. Sie orientieren sich dabei an ihren „Vorbildern“, den Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen, die sie lieben und bewundern. Dabei nehmen Kinder viel stärker wahr, was sie sehen (beobachten), als was sie hören (erklärt bekommen). Eltern ist oft nicht bewusst, dass sie gleichsam „immer im Dienst“ sind – ob sie nun gerade bewusst „erziehen“ oder nicht.

Wer von seinem Kind ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Einstellung verlangt, sollte kritisch zu sich selbst sein, ob er dafür ein „gutes Vorbild“ abgibt oder nicht. Offen gesagt, können wir nicht von unserem Kind erwarten, seine Gefühle immer im Griff zu haben, wenn wir selbst bei jeder Kleinigkeit „ausrasten“.

Lernen am Erfolg

Kinder lernen durch die Konsequenzen ihres Verhaltens, ob dieses „erwünscht“ war oder nicht. Wenn ein Kind mit einem bestimmten Verhalten erfolgreich ist oder für dieses Verhalten gelobt oder belohnt wird, lernt es dieses Verhalten zu wiederholen. Gelangt ein Kind mit einem bestimmten Verhalten nicht an sein Ziel oder erfährt es unangenehme Konsequenzen, lernt es, dieses Verhalten aus seinem Repertoire zu streichen.

Gelingt es Felix etwa, durch sein vehementes Brüllen die Schlafenszeit stets hinauszuzögern, lernt er, dass er mit diesem Verhalten „durchkommt“ und zu dem Ziel gelangt, das er sich vorstellt, nämlich jetzt nicht schlafen gehen zu müssen. Erfährt er jedoch, dass er trotz Brüllen schlafen gehen muss und noch dazu die Gute-Nacht-Geschichte gestrichen wird, wird er sein Verhalten in Zukunft ändern.

Lernen durch Grenzen
Grenzen geben Kindern Orientierung und Sicherheit in unserer komplizierten Welt, sie vermitteln Kindern den Rahmen dafür, was erlaubt ist und was nicht. Kinder erlernen durch klare Grenzen und eindeutige Konsequenzen bei Grenzüberschreitungen jene Regeln, nach denen unser soziales Zusammenleben funktioniert.

Reagiert man als Elternteil rasch auf ein unerwünschtes Verhalten des Kindes mit einem klaren und deutlichen „Nein“ (wobei sich die Bestimmtheit natürlich auch im Tonfall, Blick und Körperhaltung wiederfinden sollte), vermittelt man seinem Kind mehr Orientierung als wenn man lange dem unerwünschten Verhalten zuschaut – vielleicht in der Hoffnung, das Kind würde von allein wieder damit aufhören – um schließlich doch zu reagieren oder zu explodieren…

Lernen durch Freiraum

Kinder lernen durch Erfahrungen, durch Ausprobieren, durch Experimentieren. Da jedes Kind über einen inneren Drang verfügt, selbst tätig und damit selbstständig zu werden, wird es durch eine Erziehung, die Selbstbestimmtheit und das Sammeln von Erfahrungen zulässt, in positiver Weise gestützt. Nur wenn man den Erforschungs- und Entdeckungsdrang eines Kindes zulässt, wenn man es auch „loslässt“, damit es seine Fähigkeiten testen kann, Erfolge und natürlich auch Niederlagen erlebt, lernt ein Kind sich selbst richtig einzuschätzen, sich etwas zuzutrauen und erwirbt damit Selbstvertrauen.

Eine abschließende Empfehlung für die Erziehung …

Im Erbgut jedes Kindes sind der Entwicklungsplan und Anlagen für die körperlichen und psychischen Eigenschaften in groben Zügen festgelegt. Die Umwelt und vor allem die Eltern ermöglichen dem Kind die Entfaltung seiner Eigenschaften und Fähigkeiten. Die hohe Kunst des Erziehens besteht darin, das richtige Maß zu finden zwischen Fürsorge, Grenzen setzen und Loslassen, zwischen Anregen und Fördern, ohne zu überfordern. Das richtige Maß ist niemals allgemeingültig – es orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen jedes Kindes und an seinem momentanen Entwicklungsstand. Und es muss stets neu gesucht und gefunden werden.

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Autor: Mag. Bettina Schubert

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