Alltag raus, Liebe rein

Am Anfang, da war alles noch so schön. Aufregend, spannend, prickelnd. Rosarot die Welt. Er lachte so häufig. Wie süß, welch eine Frohnatur! Sie konnte so gut zuhören, interessierte sich so aufopfernd dafür, wie es einem ging. Eine Traumfrau! Jeder Augenblick gemeinsam war spannend und neu, jeder Tag eine (positive) Herausforderung. Und der Sex? Ja, der Sex erst! Man konnte einfach nicht genug voneinander bekommen.

Wenn der Alltag einzieht. Experten zufolge dauert diese „Schmetterlings-Phase“ (wegen der vielen flatternden Tierchen im Bauch) drei Monate bis zwei Jahre. Doch irgendwann ist die Phase der großen Verliebtheit vorbei. Der Alltag kehrt ein, das Leben zu zweit wird zur Routine. Wäschewaschen statt Nacktschwimmen, Steuererklärungen statt Liebesbriefe. Und: Die Macken, die man anfangs noch begehrenswert fand, nerven plötzlich. Das ständige Lachen von ihm – ja, kann der Typ eigentlich irgendetwas ernst nehmen? Sie will ständig wissen, wie’s mir geht – bitte, lass mich doch endlich mal in Ruhe! Wenn diese Macken plötzlich (fast) alles sind, was man im Partner sieht, dann ist das romantische Wir-Gefühl dem praktischen Alltag gewichen. „Liebe ist ein Zustand, der verschiedene Ausdrücke und Gefühle in uns wachruft, zum Beispiel die berühmten Schmetterlinge“, erklärt Paartherapeut Dr. Kurt Nöllner (www.psy-zentrum.at) den Unterschied zwischen Liebe und Alltag. „Alltag hingegen wird als etwas bezeichnet, das in der Routine gleichförmig dahinläuft. Ohne Höhepunkte. Ohne Emotionen. Kurz: Gefühle der Leere und des Ereignislosen suggerieren, dass der Alltag in der Beziehung überwiegt.“

Beziehung ist Arbeit. Ist Alltag etwa der Tod einer jeden Beziehung? Kann Alltag nicht auch etwas Schönes sein? Weil man ja die Gewissheit hat, nicht mehr ständig um seinen Partner kämpfen zu müssen? „Natürlich haben Vertrautheit und Sicherheit auch mit Liebe zu tun“, bestätigt Nöllner. Aber er warnt: „Es ist ein Wunschdenken, dass Vertrautheit und Sicherheit in einer langjährigen Beziehung nicht mehr hergestellt werden müssen. Das Gegenteil ist der Fall: Sie müssen aktiv wieder hergestellt werden, weil sie sonst verloren gehen.“ Mit anderen Worten: Beziehung bedeutet Arbeit. Wenn man sich das bewusst gemacht hat (vor allem die Männer, die Experten zufolge generell eher an romantische Klischees glauben als Frauen), ist der erste wichtige Schritt in Richtung Beziehungs-Wiederbelebung getan. Aber wie holt man die Liebe zurück in den Alltag? Wie schafft man es, eine Beziehung auch nach vielen Jahren wieder aufleben zu lassen? Eine allgemeine Antwort auf diese Fragen gibt es leider nicht – schließlich ist Liebe die schönste, aber auch komplizierteste Sache der Welt. „Universelle Tipps, die für alle Paare gelten, wird man nirgends finden“, ist auch Nöllner überzeugt. Vielmehr gehe es darum, „eine gewisse Arbeit zu leisten – auch leisten zu WOLLEN –, um diese Stagnation zu überwinden.“ Surft man ein bisschen durchs Netz, um sich Liebes-Tipps zu holen, merkt man recht schnell: Experten widersprechen sich oftmals gegenseitig. Plädiert der eine für grenzenlose Zeit zu zweit, warnt der andere davor, nicht auf seine Freiräume zu vergessen. Einmal soll man reden, dann doch wieder schweigen. Und trotzdem: Ein paar allgemein anerkannte Tipps gibt es durchaus, wenn es darum geht, die Liebe im Alltag zu stärken.

Von Nähe und Distanz. Zu Beginn stellt sich die wichtige Frage: Wie sieht das nun genau mit dem berühmten Nähe-Distanz-Verhältnis aus? Nöllner erklärt, wieso dies so ein heikles Spannungsfeld ist: „Wir laufen in einer Beziehung Gefahr, uns selbst zu verlieren. Wenn wir das bemerken und uns als Folge nur noch auf uns selbst konzentrieren, läuft man wiederum Gefahr, die Beziehung zu verlieren.“ Einen goldenen Mittelweg gäbe es laut Nöllner nicht, vielmehr müsse jedes Paar selbst herausfinden, wie viel Nähe und Distanz es braucht. Ohne Zweifel ist Kommunikation für eine funktionierende Beziehung wichtig. Wenn man sich dem Partner gegenüber öffnet und ihn an seinem Gefühlsleben teilhaben lässt, dann wird das Gegenüber es einem gleichtun. „Im Alltag und während einer Beziehungskrise geschieht fast immer ein Rückzug von einem der Partner oder von beiden, ausgelöst durch die erlebten Frustrationen“, so Nöllner. Deshalb ist es auch wichtig, ehrliches Interesse am Gefühlsleben des Partners zu haben, ihm aufrichtig zuzuhören (hier geht es nicht ums Finden von Lösungen, sondern um das Verstehen!) und ihm klar zu verbalisieren, dass man immer für ihn da ist. Nöllner warnt aber davor, jede Kleinigkeit ausdiskutieren zu müssen: „Man kann eine Beziehung auch totreden.“ Man muss (und darf!) den Partner nicht auf jeden seiner Fehler permanent aufmerksam machen. Und, betont Nöllner: Auch nach jahrelanger Beziehung ist es ratsam, dem Partner ein bisschen fremd zu bleiben. Man könnte es auch so formulieren: Nicht alle Verdauungsprobleme müssen detailliert mit dem Partner besprochen werden. Nichtsdestotrotz sollten Paare darauf achten, regelmäßig Abende (oder wenn möglich Tage) bewusst nur zu zweit zu verbringen. Wie diese gemeinsame Zeit gestaltet wird, bleibt dem Paar überlassen (Freunde und Familie sind hier aber tabu!). Auch wenn gemeinsames Gammeln vor dem Fernseher die Bindung stärken kann, sollte man TV, Smartphone und Laptop an diesen Abenden links liegen lassen und bewusst aus dem Alltag ausbrechen. Das kann ein gemeinsamer Kinobesuch sein, ein romantisches Dinner oder ein Ausflug in die Berge. Nöllner: „Das Paar muss wieder zu seiner eigenen Kreativität zurückfinden.“ Der Experte rät deshalb zu kleinen „Abenteuern“ zu zweit. Warum nicht mal den Stamm-Italiener gegen ein „Dinner im Dunkeln“ tauschen? Oder einen Tandem-Ausflug im entfernten Grünen unternehmen statt einen Spaziergang in der gewohnten Umgebung? Solche Erlebnisse schaffen gemeinsame Erinnerungen und neuen Gesprächsstoff – und lassen die Gefühle füreinander wieder auflodern. Aber nicht nur das: Man entdeckt erneut Gemeinsamkeiten, die man nach all den Jahren schon vergessen hatte.

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