Alles was zählt bin ICH

Partner, die so egoistisch sind, dass sie den anderen völlig überrollen; Berufskollegen, die alle mit ihrer Überheblichkeit zum Wahnsinn treiben; Medienstars und -sternchen, deren Eitelkeit an Dünkel grenzt: Die „Generation ME“ treibt schillernde Blüten, und manche Experten wie etwa der deutsche Sozialpsychologe Hans-Werner Bierhoff konstatieren angesichts der vielen Egoisten „das Ausmaß einer Epidemie“, wobei Bierhoff vor allem der jungen Generation eine „zunehmende Infektion mit dem gesellschaftlichen Virus“ bescheinigt. Die Selbstdarstellung habe heute deutlich zugenommen, der Schönheitskult sei so verbreitet wie nie, jeder wolle brillant und überdurchschnittlich, alle wollen Helden sein, so der Psychologe.

Ein schmaler Grat. Und, ist es nicht wahr? Ruhm und Erfolg sind für viele Traumziele, und wen kümmert es schon, wenn auf dem Weg dorthin heftig konkurriert und andere oft – vorsichtig gesagt – unsanft ausgebootet werden? Doch was kennzeichnet eigentlich die narzisstische Wesensart, was ist noch gesund und normal, und wann wird die Sache krankhaft? „Im positiven Sinn ist Narzissmus gekennzeichnet durch einen stabilen Selbstwert, eine positive Einstellung zu sich selbst, ein in sich Ruhen und sich der eigenen Bedürfnisse bewusst Sein, wobei viele Narzissten dies auch umsetzen und nach außen abstrahlen, doch dieser Grat ist auch ein schmaler, denn das alles kann sehr schnell kippen“, sagt der Psychologe Norman Schmid. „In diesem Fall wird die dann oft extreme Selbstdarstellung zur verzweifelten Suche nach Feedback und Bestätigung, weil der Selbstwert in Wirklichkeit brüchig ist.“

Das alles ist laut Expertenbefund als „Spielarten der Persönlichkeit“ freilich noch im Bereich des „Normalen“, wobei das nicht heißt, dass „gesunde“ Narzissten für andere nicht anstrengend und nervig sein können.

„Echte“ Narzissten hingegen sind nicht zufrieden mit freundlichen Rückmeldungen, sie brauchen die volle Bewunderung, und wenn sie vom anderen nicht permanent angehimmelt werden, so wird dieser schnell abgeschossen, und der Narzisst sucht sich den nächsten Fan – meist eine Person mit Abhängigkeitsproblematik, die bereit dazu ist, alles zu geben und kaum etwas zurückzubekommen.

Gott vergibt, ein Narzisst nie. Der Narzisst bewegt sich dabei auf dünnem Eis, und unterschwellig weiß er das auch, denn als wichtige Ursache für den Narzissmus gilt Experten das Konkurrenz-, ja Bedrohungsgefühl vieler dieser Menschen, die andere immer auch fürchten, weil sie die eigenen Unzulänglichkeiten und Schwächen bloßstellen könnten. Und: Viele Narzissten sind unfähig, ehrlich zu verzeihen und sind damit oft nachtragend –
daher auch der bekannte Satz aus Psychotherapeuten-Kreisen: „Gott-Vater vergibt, ein Narzisst nie …“.

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