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GESUNDHEIT & VITALITÄT

RHEUMA - Es kann auch Junge treffen

Kaum eine Krankheit, die ebenso weit verbreitet wie missverstanden wird: Rheuma umfasst mehr als 400 verschiedene Formen. Experte Dr.Thomas Schwingenschlögl im Interview über neueste Erkenntnisse. Von Karin Podolak


Kann wirklich jeder von uns Rheuma bekommen? 

Ja. Wenn Rheuma in der Familie vorkommt, kann das Risiko größer sein, aber einmal ein oder zwei Generationen überspringen. Bekannte Faktoren sind generell ungesunder Lebensstil, Übergewicht, Rauchen usw., aber grundsätzlich kann auch ein schlanker, sportlicher, gesunder Mensch erkranken. Alle Auslöser wurden auch noch nicht entschlüsselt. Ich höre die Frage von meinen Patienten des Öfteren: „Wieso habe ich das bekommen?“ Leider gibt es darauf eben nicht immer nur eine Antwort, manchmal fehlt uns die Erklärung auch ganz. Aber gezielt therapieren muss man immer! Das Wichtigste ist, dass es gute Behandlungsmöglichkeiten gibt und diese frühzeitig eingesetzt werden.


Die meisten Betroffenen wollen für ihre Beschwerden gerne eine rasche Diagnose einholen, beklagen aber mittlerweile sehr lange Wartezeiten auf Termine. Was raten Sie? 

Rheumaambulanzen und spezialisierte Zentren sind tatsächlich überlaufen. Dort wird wirklich gute Arbeit geleistet und alles getan, was möglich ist. Man hört aber bisweilen von Terminen, die erst in 12 Monaten stattfinden. Im niedergelassenen Bereich gibt es tatsächlich wenig Internisten mit Zusatzausbildung Rheumatologie und wenig Kassenverträge. Dass die Kollegen allesamt überlaufen sind, ist klar. Denn in unserem Fach sind die Untersuchungen aufwändig, es ist viel zu erklären, die Verrechnung hingegen minimal. Daher weichen viele Patienten auf Wahlärzte aus. Es wird zwar nur ein Teil des Honorars refundiert, aus meiner Sicht lohnt es sich aber, die Grundabklärung dort vornehmen zu lassen. Es kann ja sein, dass es sich um etwas Harmloses handelt, oder eine Störung, die man leicht beseitigen kann. Die weitere Therapie kann dann auf Kassenkosten erfolgen. 

Früherkennung ist enorm wichtig, man muss das ausdrücklich betonen. Und die moderne Diagnostik ist sehr verlässlich. 


Wie lange darf man maximal abwarten? 

Untersuchungen besser nicht aufschieben. Als Warnsignale gelten Gelenkschwellungen, frühmorgendlicher Gelenkschmerz („Morgensteifigkeit“ der Gelenke), Kraftlosigkeit in den Händen, „Begrüßungsschmerz“, Bewegungseinschränkung, Krankheitsgefühl. Man sagt, dass, wenn man ein Rheumaleiden innerhalb der ersten drei Monate nach Ausbruch erkennt und behandelt, die Langzeitprognose um ein Vielfaches besser ist, als wenn ich das erst nach sechs Monaten oder gar noch länger aufschiebe. Es geht auch darum, Schäden zu verhindern, die danach nicht mehr reversibel sind. 

Hier ist der Patient gefragt, mitzutun! Schon zu dem Zeitpunkt, wo die ersten Probleme auftreten, sollte eine rasche Abklärung erfolgen. Nach der Diagnose lässt sich mit Physiotherapie, Sport, Bewegung, Physikalische Medizin, eventuell Osteopathie, Chiropraktik gut gegensteuern, aber das muss eben aktiv betrieben werden. Bei entzündlichem Rheuma mit fehlgeleitetem Immunsystem hingegen muss unbedingt auf medikamentöse Therapien zurückgegriffen werden. 


Es hält sich zudem hartnäckig die Vorstellung, Rheuma wäre ein klassisches Altersleiden … 

… was so nicht stimmt. Die Gelenkabnützung, also Arthrose, ist die mit Abstand häufigste Gelenkerkrankung und eine wahre Volksplage. Erste Symptome der Arthrose treten aber oft schon ab 30 auf – zu einem Zeitpunkt, wo die wenigsten Menschen darin die Ursache für ihre Beschwerden vermuten. Aber in der Gruppe der 80-Jährigen hat fast jeder eine rheumatische Krankheit. 


Morbus Bechterew entsteht oft in frühen Jahren, zwischen 20 und 40. Diese besondere Form des entzündlichen Rheumas wird häufig übersehen, oder? 

Ja, das stimmt. Patienten leiden unter unklaren Rückenschmerzen und warten im Schnitt sieben Jahre auf eine korrekte Diagnose. Früher waren es gar 11 Jahre! Das ist eine Katastrophe und erschütternd. Gezieltere Information und Aufklärung, auch durch Gesundheitsmedien, brachten hier zwar Verbesserung, aber ich kann nur jedem Betroffenen ans Herz legen, auf eine gezielte Untersuchung zu bestehen. Das ist heutzutage eigentlich einfach über Blutbefunde und bildgebende Diagnostik zu erreichen. 

Bei der chronischen Polyarthritis wiederum beginnt es oft schon zwischen 25 und 50. Da stehen die Personen mitten im Beruf und in der aktiven Phase der Lebens- wie Familienplanung. 


Besteht ein medizinisches Problem, als Rheumapatientin schwanger zu werden? 

Die Hormonumstellung bei Schwangeren bewirkt sogar bei vielen Frauen eine Verbesserung des Rheumas. Das scheint ein natürlicher Schutzmechanismus zu sein. Es gibt heutzutage Medikamente, welche das Ungeborene nicht schädigen. Gerade in der Gruppe der Biologika (Anm.: Arzneien, die in den Immunprozess eingreifen), um das Entzündungsgeschehen in den Griff zu bekommen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Patientin, Gynäkologe und Rheumatologe wäre ideal. 


Grundsatzfrage: Worum handelt es sich bei Rheuma eigentlich genau? 

Es gibt ja nicht die EINE Diagnose Rheuma, sondern es ist ein Überbegriff für alle möglichen Beschwerden am Bewegungsapparat, also den Gelenken, Muskeln, Sehnen, Schleimbeuteln, der Wirbelsäule, dem Bindegewebe. Mittlerweile benennen wir 450 Formen mit unterschiedlichen Entstehungsmechanismen. Beschwerden machen sie aber alle. 


Können Sie einen kleinen Überblick geben? 

Gerne. Man hat nämlich zwecks der besseren Übersicht drei große Gruppen gebildet. 

1. Entzündlicher Rheumatismus: gemeint sind Entzündungen an Gelenken, der Wirbelsäule und den Muskeln wie die rheumatoide Arthritis, die Psoriasisarthritis, die Spondylitis ankylosans (Morbus Bechterew), die Kollagenosen oder die Polymyalgia rheumatica. Hier liegt eine Störung des Immunsystems zugrunde, auch als Autoimmunerkrankung bezeichnet. 

2. Degenerativer Rheumatismus: darunter versteht man Abnützungen (Arthrosen), die auf Verschleiß zurückzuführen sind. 

3. Weichteilrheumatismus: alles was mit Muskeln, Sehnen, Schleimbeutel und dem Bindegewebe zusammenhängt. Etwa Golfer-/Tennisellbogen, Schmerzen durch Fehl- oder Überbelastung, etc. Weichteilrheuma kann aber auch Schmerzen am ganzen Körper hervorrufen wie bei der Fibromyalgie. 


Der Patient kann zur Besserung bei entzündlichem Rheuma selber etwas beitragen? 

Unbedingt, wir sind extrem auf die Mitarbeit der Patienten angewiesen. Natürlich alles, was den Lebensstil verbessert, wie gesunde Ernährung, eben Rauchverzicht, abnehmen, wo es notwendig ist, sollte stattfinden. Aber die Immunvorgänge kann man nur mit Medikamenten beeinflussen. Dafür stehen uns heutzutage moderne Möglichkeiten wie Biologika oder sg. Small Molecules (Arzneien, die Entzündungsvorgänge direkt in den Zellen regulieren). 

Das Ziel ist die Remission, wo keine Entzündung mehr nachweisbar ist, und die Beschwerdefreiheit. Es geht nicht darum, nur etwas Verbesserung herbeizuführen, das wäre zu wenig, dann wäre ein Therapiewechsel sinnvoll. Dafür haben wir zahlreiche Möglichkeiten. Ich habe Patienten, die schon jahrelang in Behandlung sind und denen es mittlerweile so gut geht, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, wie das vor Behandlungsbeginn war. Das gibt immer wieder Hoffnung. 


Einer der besonders oft gegebenen Ratschläge ist, nicht zu rauchen und abzunehmen. Warum? 

Es besteht hier eine ganz klarer wissenschaftlicher Hintergrund: Nicht das Nikotin an sich, sondern die Verbrennungsvorgänge beim Rauchen verändern Eiweißbausteine im Körper. Daraus entstehen bestimmte Rheumafaktoren, welche entzündlich rheumatischen Erkrankungen auslösen, bzw. das Fortschreiten vorantreiben. Die Studien zeigen daher, dass Rauchverzicht eine ganz wichtige Säule in der Behandlung neben der Basistherapie darstellt. 

Ein weiteres Problem ist eben Übergewicht. Neue Studienergebnisse belegen eindeutig, dass es das Risiko für die Entstehung von Rheuma erhöht und den Krankheitsverlauf negativ beeinflusst. Ausschlaggebend dafür ist nicht nur wie bislang vermutet der Body-Mass-Index (BMI), sondern speziell der Bauchumfang und der prozentuale Körperfettanteil, der die Entzündungsprozesse „befeuert“. Bedauerlicherweise sind rund 30 Prozent der Rheumapatienten übergewichtig. Hier gilt es anzusetzen. Jedes Kilo Gewichtsverlust ist positiv und verbessert die entzündliche Aktivität, den Krankheitsverlauf und das Ansprechen auf die Medikamente. 


Man hört immer wieder einmal von jemandem: „Drück meine Hand nicht so fest, das tut mir weh“, obwohl man gar nicht fest zugegriffen hat. Ist das mit „Begrüßungsschmerz“ gemeint? 

Dieses Symptom wird weitreichend unterschätzt. Wenn man jemandem die Hand gibt, werden vor allem die Fingergrund- und -mittelgelenke zusammengedrückt. Befinden sich darin Entzündungen, verursacht das Schmerzen und sollte daher immer abgeklärt werden, denn es zeigt, dass etwas nicht stimmt. Normalerweise dürfen Fingergelenke bei einem normal festen Druck nicht weh tun. 

Das gilt übrigens auch für Fußgelenke. Nur fällt der Druckschmerz dort weniger auf. 


Hat sich die Coronapandemie auf die gesundheitliche Situation von Rheumapatienten ausgewirkt? 

Grundsätzlich zeigen aktuelle Daten, dass Rheumatiker auch nicht wesentlich häufiger von Corona-Infektionen betroffen sind als der Normalbürger. Außer es bestanden schon vorher starke Entzündungen oder der Patient war schlecht eingestellt. Allgemeine bekannte Risikofaktoren für Covid-19 bestehen natürlich auch hier. Erhöhte Cortison-Gaben machen anfälliger für Infektionen, das muss mit dem Arzt abgesprochen werden. 

Wichtig: keinesfalls Medikamente bzw. Basistherapie absetzen, das wäre ein Kunstfehler und ist leider am Anfang 2020 passiert, als man noch nicht so gut Bescheid wusste über das damals neue Virus. 


Wird die Corona-Impfung empfohlen und gibt es schon Daten zur Verträglichkeit? 

Grundsätzlich befürworten die internationalen Rheumagesellschaften eine Impfung gegen SARS-CoV-2 auch bei Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen bzw. Patienten unter immunsuppressiver/immunmodulierender Therapie. Es ist derzeit nicht zu beantworten, ob Impfungen in diesen Patientengruppen voll wirksam sind. Von einem erhöhten Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen der Impfung bei Rheumapatienten ist nach aktuellem Wissensstand aber nicht auszugehen. Am besten bei stabiler niedriger Krankheitsaktivität und allgemeiner guter Gesundheit impfen.

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