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‚Auch mit Krebs kann man gut leben‘

Eine Aussage, die noch vor einem Jahrzehnt für Kopfschütteln gesorgt hätte. Der Präsident der Österreichischen Krebshilfe erklärt, warum das heute anders ist. Von Karin Podolak


Herr Prof. Sevelda, Sie haben nach drei Jahren seit Beginn des Corona-Ausbruchs sicher einen Überblick, wie sich diese Zeit auf Krebspatienten in Österreich ausgewirkt hat. Wo stehen wir jetzt? 
Momentan, nach der Pandemie – das darf man mittlerweile schon so sagen - kehren wir in Bezug auf Vorsorgeuntersuchungen langsam dahin, wo wie vorher waren. Die Akutversorgung war ja immer gegeben. Nur beim ersten Lockdown, der wirklich sehr streng eingehalten wurde, gab es einen dramatischen Rückgang an Untersuchungen, das dauerte etwa 3 bis 4 Monate. Aber wir gehen nicht davon aus, dass sich das in der Krebssterblichkeit auswirkt. Wenn, dann würde man das auch erst in 5 bis 7 Jahren sehen. 


In Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen hat sich extrem viel getan. Was sind aus Ihrer Sicht die Highlights? 
Wie sich die Onkologie in den vergangenen Jahren vorwärts entwickelt hat, ist tatsächlich enorm. So viel wie jetzt wussten wir noch nie über die Entstehung und Entwicklung von Tumoren, aber auch die Kenntnisse über die Körperabwehr schreiten rasant voran. Wir verstehen mittlerweile bei bestimmten Krebsarten, warum sie bis jetzt so schwer zu behandeln waren, können zielgerichtete Therapien individuell einsetzen. Das ist vor allem bei Brust-, Lungen-, Dickdarmkrebs wie auch Melanom, dem „schwarzen Hautkrebs“, der Fall. Mittels immunhistochemischer (Anm.: Bestimmung von Antigenen aus Gewebeproben) und genetischer Methoden lässt sich ein Tumor sehr genau bestimmen und analysieren. Dafür wurden auch entsprechende Medikamente entwickelt, die sich relativ breit einsetzen lassen. Durch diese Präzisionsmedizin können Patienten auch mit Krebs gut leben, das war früher undenkbar. Sogar in einem fortgeschrittenen Stadium mit Metastasen. 


Das ist auch jedem Patienten zugänglich? 
Ja, diese Anwendungen sind im klinischen Alltag angekommen. In Österreich stehen jedem Betroffenen modernste Behandlungen in hoher Qualität zur Verfügung. Dafür werden wir von vielen anderen Ländern beneidet. Wenn Sie die Kosten ansprechen: Ja, das ist natürlich teuer. Aber Neuentwicklungen waren immer schon kostenintensiv, wurden bei nachgewiesener Wirksamkeit jedoch finanziert. Und der Preis relativiert sich dann nach Ablauf der Patentschutzphase. Ich beobachte das mittlerweile seit mehr als 40 Jahren und es hat immer gut funktioniert. In der Gesamtheit machen Krebsmedikamente übrigens nur einen Bruchteil der Gesundheitsausgaben aus und spielen eine untergeordnete Rolle. Weitaus höhere Kosten ergeben sich auf dem Arzneimittelsektor etwa durch Psychopharmaka oder Dermatologika. 


Viel wird derzeit über Fachärztemangel diskutiert. Wirkt sich das auch in der Onkologie aus? 
Was uns in der Versorgung tatsächlich zu schaffen macht, ist die Abwanderung der Spezialisten in den Privatbereich. Das ist keine gute Entwicklung, entsteht aber aus der Situation, dass die Spitzenpositionen in öffentlichen Spitälern nicht attraktiv genug sind. Dort müssten rasch mehr Möglichkeiten zur Weiterentwicklung, aber auch zur Forschung eingerichtet werden. Zudem arbeiten immer mehr Frauen in Krankenhäusern – hier wäre das ideale Modell die Teilzeitarbeit. Das ist aber mit dem herkömmlichen Spitalsbetrieb im öffentlichen Bereich nicht vereinbar. Seit Einführung des neuen Arbeitszeitgesetzes für Spitalsärzte kann die entsprechende Frequenz nicht mehr aufrecht erhalten werden. Dazu fehlt das Personal. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Wertschätzung seitens der Arbeitgeber verloren gegangen ist. Hier sind die Bedingungen auf dem Privatsektor eben bessere. 
 

Was wäre das vordringlichste Ziel in diesem Zusammenhang? 
Die Wissenschaft wird in Österreich weder gefördert noch ausreichend geschätzt. Sie ist aber die Basis für medizinischen Fortschritt! Als politisches Ziel sollte das in der Gesundheitsreform mehr Berücksichtigung finden. Wir erleben ja gerade, dass die Corona-Zeit aufgearbeitet wird. Und jetzt kommt man da erst darauf, dass sehr viel Geld dafür ausgegeben wurde? Dass wir, was die Sterbefälle durch Covid anlangt, bestens nur im Durchschnitt im Vergleich zu anderen Ländern liegen? Eher sogar schlechter? Da fragt man sich, warum die Maßnahmen nicht schon im ersten halben Jahr evaluiert wurden, was sinnvoller gewesen wäre. Das ist bei uns leider generell der Fall, dass solche Überprüfungen sehr spät oder nur schleppend durchgeführt werden. 


Woran liegt das Ihrer Meinung nach? 
Es hat auch damit zu tun, dass im Rahmen der Sozialversicherungen klinische Studien und Forschungsprojekte nicht enthalten sind. Dabei wäre das ein kosteneffizienter Weg, medizinische Maßnahmen regelmäßig auf Tauglichkeit zu überprüfen. Ein Beispiel: Beim Mammografie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs, wo eigentlich vorgesehen war, die Ultraschalluntersuchung zu evaluieren, ist nach wie vor keine Rede davon. Dabei wäre so eine Prüfung extrem wichtig für die Kosten-Nutzen-Analyse. 


Stichwort Vorsorge: Hier bahnen sich ja Neuerungen an, welche die Krebshilfe seit Jahren fordert. Sind Sie zufrieden damit? 
Wir freuen uns sehr, dass hier etwas in Bewegung kommt, aber es ist trotzdem noch viel zu tun. Aktuell soll die Dickdarmfrüherkennung aufgrund moderner wissenschaftlicher Grundlagen durch die Koloskopie ab 45 Jahren (statt bis jetzt ab 50) oder gleichwertig mittels immunchemischem Blutstuhltest angeboten werden (Anm.: Patienten können dann zwischen beiden Untersuchungsmethoden wählen bzw. auch wechseln). Die Empfehlung des Screening-Komitees für Krebserkrankungen liegt seit dem Vorjahr im Gesundheitsministerium für die Umsetzung. Das wäre eine ganz wichtige Sache. Hier ist der politische Wille durchaus vorhanden. Beim Mammografie-Screening gibt es eine Anpassung, hier soll die Altersgrenze nach oben verschoben werden, sodass sie von Frauen nicht nur bis zum 69., sondern bis zum 75. Lebensjahr empfohlen wird. Die Teilnahmeraten für die Brustkrebs-Früherkennungsuntersuchungen sind leider immer noch zu gering. Hier bedarf es weiterhin mehr Aufklärung. 


Im aktuellen Österreichischen Krebsreport liegt ein Schwerpunkt auf der HPV-Impfung. Das ist Ihnen als Gynäkologe ja auch ein ganz besonderes Anliegen. Warum? 
Tatsächlich stellt die gratis Zweifach-Impfung als Schutz gegen Humane Papillomaviren die wahrscheinlich wichtigste Maßnahme im Kampf gegen Krebs auf lange Sicht dar! Bis zum 21. Lebensjahr bekommen sie Mädchen und Burschen kostenlos angeboten. Das sehe ich als einen echten Durchbruch. Wir wissen aus Australien, Schottland, England, dass es dadurch gelingt, Gebärmutterhalskrebs praktisch auszurotten. Wie auch Feigwarzen. Die sind zwar harmlos, aber unangenehm genug. In Österreich finden derzeit 6000 operative Eingriffe aufgrund HPV assoziierter Erkrankungen pro Jahr statt. Wenn wir das verhindern könnten, wäre es ein großer Erfolg. 


Weshalb sollten eigentlich auch Burschen geimpft werden? 
Zunächst, weil sie Überträger des Humanen Papillomavirus sind, sich daraus auch Karzinome im HNO-Bereich, des Penis und Anus entwickeln können und eben Feigwarzen vorgebeugt wird. Junge Männer erreich man am besten über die verpflichtende Stellung. Daher hat sich das Bundesheer bereit erklärt, dort Informationen anzubieten und die Impfung im Rahmen des Grundwehrdienstes in den Kasernen anzubieten. Ich bin Ministerin Tanner sehr dankbar dafür, dass sie das gemeinsam mit dem Gesundheitsminister und der Jugendstadträtin umgesetzt hat. Das ist weltweit einzigartig! Hier sind wir Vorreiter. 


Beim Rauchen sieht es aber nicht so gut aus, hier haben die Info-Kampagnen bis jetzt nicht den gewünschten Erfolg gebracht. In Österreich ist die Anzahl der Raucher zwar rückläufig, aber es greift immer noch jeder fünfte ab 15 Jahren täglich zum Glimmstängel. Müsste präventiv mehr getan werden? 
Unbedingt! Wir haben in unserem Land hierbei durchaus Aufholbedarf. Ich würde mir in erster Linie wünschen, die Jugend mehr zu schützen, wie das etwa in Australien oder Neuseeland der Fall ist. Der Anteil der (jugendlichen) Raucher ist dort besonders gering, im einstelligen Bereich. Der Grund liegt vor allem an den hohen Preisen für Tabakwaren, und dass Rauchen nicht mehr gesellschaftsfähig ist. Der Nichtraucherschutz in der Gastronomie hat in Österreich mittlerweile hohe Akzeptanz, erlitt aber in der Pandemie einen Rückschlag, weil die Leute zu Hause mehr geraucht haben. 


Was sagen Sie Menschen, die beim Rauchverbot mit ihrer persönlichen Freiheit argumentieren? 
Die Diskussion ist sehr emotional gefärbt. Aber es darf nicht übersehen werden, dass es beim Qualmen nicht nur um einen selber geht, sondern auch die Umgebung gefährdet ist, die mit in den Rauchschwaden sitzt. Es besteht eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. So, wie wenn man im Alkohol-Rausch jemanden zu Schaden bringt. Hier wird ja auch nicht darüber diskutiert, ob es zu den persönlichen Freiheiten gehört, alkoholisiert Auto zu fahren. 


Sie gelten als Verfechter einer massiven Verteuerung von Tabakprodukten . . . 
Preisgestaltung von Zigaretten ist ganz klar ein Thema. Ich versteh eigentlich gar nicht, warum man bei uns so zögerlich vorgeht – die aktuelle Anhebung der Preise ist ja marginal. Man weiß aus den Erfahrungen in anderen Ländern, dass man damit vor allem in der Jugend erfolgreich wäre. Das sollte doch eigentlich das Hauptziel sein. Hier ist die Politik aus meiner Sicht säumig. Zudem wurde auch „vergessen“, Alternativprodukte zur klassischen Zigarette mit einzubeziehen. Hierin liegt aber ebenso Suchtpotenzial, zudem gelten sie als „Einstiegsprodukt“! Besonders „in“ sind ja derzeit Snus (Tabaksäckchen mit Nikotin) oder Ähnliches, die man sich unter die Lippe legt. Die Industrie ist also nicht nur sehr erfinderisch, sondern auch in der Vermarktung genial. Diese Produkte sind vielleicht weniger schädlich als Zigarettenrauchen, erzeugen aber eben Abhängigkeiten. Hauptziel der Tabakindustrie ist klarer Weise nicht, Gesundheit zu schaffen, sondern ihre Produkte zu verkaufen. Hier gilt es, aufmerksamer zu sein und gesetzliche Lücken zu schließen. 


Auch in puncto Prävention von Fettleibigkeit lassen sich keine Erfolge vorweisen. Bereits jede dritte Person in unserem Land ist übergewichtig, ca. 17% aller Menschen ab 15 Jahren sind adipös. Tendenz weiter steigend. Bekommen wir das überhaupt noch in den Griff? 
Das müssen wir! Fettleibigkeit ist das Problem der nahen Zukunft, das steht schon vor der Türe und ist neben anderen Gesundheitsgefahren maßgeblich für die Entstehung von Krebs mitverantwortlich. Für Diabetes, Herzleiden, orthopädische Beschwerden sowieso. Der Hauptgrund besteht gar nicht so sehr in falscher Ernährung, sondern Bewegungsmangel, vor allem im Kindes- und Jugendalter. Da erkenne ich immer noch keine politische Linie zur Prävention. Doch dafür wäre es allerhöchste Zeit. Die tägliche Turnstunde, die seit Jahrzehnten herumgeistert und für deren Nicht-Einführung es immer irgendeinen Grund gibt, sollte schon lange selbstverständlich sein. Das ständige Hinausschieben kann ich gar nicht nachvollziehen, denn es wäre eine Investition, die sich tausendfach rechnen würde. Man kann sich da nicht auf privates Engagement verlassen! 


Welches sind die nächsten Themen, die die Österreichische Krebshilfe aufgreifen wird? 
Ein ganz besonderes Anliegen ist uns, psychoonkologische Begleitung zu etablieren. Derzeit haben Krebspatienten nur in Spitälern oder den Beratungsstellen der Österreichischen Krebshilfe Zugang zu psychosozialer und psychoonkologischer Begleitung. Da immer mehr Therapien ambulant durchgeführt werden, fehlt so ein Angebot oft. Das sollte aber flächendeckend vorhanden sein und zwar nicht als Privatleistung. Der Bedarf ist in der Pandemie außerdem enorm gestiegen. 


Kann die Krebshilfe als gemeinnütziger Verein das denn überhaupt noch stemmen? 
Wir sind eine Spendenorganisation und kommen finanziell wie personell an unsere Grenzen. Für mehr als 60 Anlaufstellen und über 100 psychoonkologische Beraterinnen und Berater im ganzen Land fehlt uns langsam die finanzielle Power. In der Gesundheitsreform sollte daher endlich eine Möglichkeit einer Begleitung durch ausgebildete Psychoonkologen geschaffen werden. Das ist derzeit nicht im Sozialversicherungsgesetz enthalten. 


Was tut der Präsident der Österreichischen Krebshilfe selber, um gesund zu bleiben? Hand aufs Herz: Halten Sie sich an Ihre Empfehlungen? 
Ja, ich bin eigentlich sehr brav. Nehme die empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch, war auch schon mehrfach bei der Darmspiegelung und beim Prostata-Check. Den PSA-Wert zu kennen, ist für Männer sehr wichtig. Ein Haut-Check gehört ebenfalls dazu. Hautkrebs ist ja die häufigste bösartige Erkrankung überhaupt. Ich bewege mich regelmäßig, mache Sport, rauche nicht, trinke so gut wie keinen Alkohol. Mir schmeckt Apfelsaft besser als Wein, insoferne ist das gar kein Problem für mich. Ja, ich würde schon sagen, dass ich alles dazu tue, möglichst gesund alt zu werden.

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